Das Ende des Petrodollars und die Bedeutungslosigkeit des Euros

Foto: achtung GmbH
Thorsten Beckmann

Wir befinden uns mitten in einer Neuzentrierung der Weltwirtschaft: Weg vom US-Dollar als führende Transaktionswährung für Rohstoffe, hin zu einem möglicherweise fragmentierten Weltwährungssystem. Um den Petrodollar zu ersetzen, könnten sich zahlreiche Staaten auch auf neue Währungen wie eine goldbasierte Kryptowährung einigen – und auf diese Weise die weltweiten Investitionsströme nachhaltig verändern. Der Euro profitiert vom Ende des Petrodollars nicht, denn EU und EZB verharren im Teufelskreis der Transferunion. Gastbeitrag von Thorsten Beckmann, achtung GmbH

Die aktuellen Entwicklungen rund um russische Energie sind nur ein weiterer Schlag gegen den US-Dollar als Weltwährung. Wenn die bisherige Leitwährung zunehmend nicht mehr durch Energielieferungen in US-Dollar gedeckt ist, verliert sie an Bedeutung – ein Ziel, das neben Russland bereits seit vielen Jahren Länder wie Saudi-Arabien, China, Indien, Iran und Irak verfolgen. Hauptwunsch der beteiligten Länder ist offenbar, sich aus der Abhängigkeit vom US-Dollar zu befreien und das Ende des sogenannten Petrodollars einzuläuten. So verhandelt etwa Saudi-Arabien derzeit mit China über Erdöllieferungen in chinesischen Yuan. China und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) planen eine neues internationales Währungsverbundsystem auf Basis eines Währungs- und Rohstoffkorbs der beteiligten Nationen. Und immer wieder kommen Gerüchte auf, dass Staaten wie Russland und China auch die Gründung einer goldgestützten Kryptowährung in Erwägung ziehen könnten.

Die Distanzierung vom US-Dollar dürfte zu einem kleinteiligeren Weltwährungssystem und damit zu neuen Herausforderungen auf den Weltmärkten führen. Treibende Kräfte der Absage an den Dollar sind vor allem die stark rohstoffexportierenden Länder. Gelingt ihnen die Etablierung einer neuen gemeinsamen Währung wie einer goldgestützten Kryptowährung, kann diese als vermeintlich sicherer Hafen eine Vielzahl von Investoren auf der ganzen Welt anlocken und so obendrein zu einer erheblichen Neujustierung von Geldströmen jenseits des Rohstoffgeschäfts führen.

Mit Bezug auf den Euro zeigt eine Analyse möglicher Szenarien, dass der Euro vermutlich zwar kurzfristig vom Bedeutungsverlust des US-Dollars profitieren kann, letztlich aber auf tönernen Füßen steht. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) steckt in einem handfesten Dilemma: Einerseits muss sie eigentlich die Leitzinsen erhöhen, um die Inflation abzuschwächen – der Erhalt der Preisstabilität ist schließlich eine der Hauptaufgaben der EZB. Andererseits will die EZB offenbar verhindern, den ohnehin durch den Ukrainekrieg bedrohten Aufschwung im Euroraum mit steigenden Zinsen abzuwürgen und eine neue Schuldenkrise auszulösen. Eine vermeintliche Stabilität des Euroraums ist aber weiterhin eine Illusion: Klamme Staaten könnten sich bei höheren Zinsen, wie sie eigentlich zur Inflationseindämmung nötig wären, nicht mehr refinanzieren.

Offiziell wird die EZB die Rücksichtnahme auf die vornehmlich in den südeuropäischen Ländern hochverschuldeten Staatshaushalte zwar niemals zugeben, doch genau mit dieser politischen Einmischung handelt die EZB bereits seit vielen Jahren jenseits ihres Mandats – und schadet damit den starken Ländern im Euroraum sowie dem Euro. Indem die EU mit ihrem Modell der Transferunion nicht konkurrenzfähigen Ländern die Möglichkeit verwehrt, die Währungsunion vorübergehend zu verlassen, bis sie wieder wettbewerbsfähig sind, bremst sie nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum, sondern verhindert auch einen stärkeren, bedeutsameren Euro.

Thorsten Beckmann ist CFO der Kommunikationsagentur achtung GmbH mit Sitz in Hamburg, Köln, Düsseldorf und Berlin.

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