Chipindustrie: Weltweite Abhängigkeit von Taiwan

Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited
Brisanter Ortstermin: Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, trifft Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen in Taipei, Taiwan.

Der Besuch der US-Politikerin Nancy Pelosi in Taiwan sorgt derzeit für wachsende politische Spannungen zwischen den USA und Taiwan auf der einen und China auf der anderen Seite. Eine Einordnung von Marc Decker, Stellvertretender Leiter Aktien bei Quintet Private Bank, Muttergesellschaft von Merck Finck

Als „Sprecherin“ des US-Repräsentantenhauses ist Nancy Pelosi in der Nomenklatur der USA die dritthöchste Repräsentantin, wodurch sich China in seinem Anspruch, Taiwan als Teil Chinas zu beanspruchen, provoziert sieht und mit militärischem Säbelrasseln reagiert. Seit Jahren wachsen die Spannungen zwischen den USA als schwächer werdende globale Hegemonialmacht und China als Herausforderer. Eine Einschätzung des realen militärischen Konfliktpotenzials ist hier nahezu unmöglich, die Auswirkungen einer Eskalation aber umso dramatischer; die Finanzmärkte wären einer breiten und hohen Welle an Risikoaversion ausgesetzt. Wir rechnen derzeit jedoch nicht mit einer militärischen Zuspitzung des Konflikts.

Merc Decker, Privatbank Merck Finck

Dagegen spricht auch, dass die Chinesen sehr strategisch und langfristig denken. Auch wenn die Unsicherheit groß ist, halten wir eine Fortsetzung der derzeitigen Situation mit einem anhaltendem Hin und Her für wahrscheinlicher. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, haben sowohl die USA als auch China gute Gründe, eine echte Konfrontation zu vermeiden. Ein erneuter Handelskrieg (und ein möglicher Finanzkrieg) könnte der Hauptauslöser für die Eskalation der Spannungen sein. Die Märkte preisen eine Eskalation des Konflikts definitiv derzeit nicht ein.

Die wirtschaftliche Bedeutung Taiwans speist sich vor allem aus seiner Halbleiterindustrie. Taiwan Semiconductor Manufacturing Co (TSMC) ist der globale Markt- und Innovationsführer in der Produktion von sogenannten „Leading Edge“ Chips unter 10nm und entscheidend für die Produktions- und Lieferketten von Halbleiterprodukten weltweit. So ist TSMC für circa 60 % der weltweiten Chip-Produktion verantwortlich; viele Unternehmen der Halbleiterindustrie haben ihre Produktion an TSMC ausgelagert. Geht es um Taiwan, geht es also zumeist auch um diese Schlüsselindustrie.

Zwar würde mit einer Invasion Chinas in Taiwan aus verschiedenen Gründen nicht zwangsläufig die Übereignung des Know-hows dieser Unternehmen an China einhergehen. Dennoch: Aufgrund der strategischen Bedeutung dieser Industrie entwickelte sich in den letzten Jahren deutlicher politischer Druck aus den USA und Europa, entsprechende Spitzentechnologie im Halbleiterbereich vor Ort anzusiedeln. So wurde Ende 2020 der Bau eines Chip-Werkes von TSMC in Phoenix, Arizona, genehmigt, um die Lieferkettenabhängigkeit zu reduzieren. Zuletzt verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz zur Förderung der Chip-Industrie für rund 52 Mrd. US-Dollar. Weitere 200 Mrd. US-Dollar sind hier für die Verwendung in der Forschung vorgesehen. Mit dem „European Chips Act“ mit einem Volumen von 43 Mrd. Euro hat man in der EU einen ähnlichen Weg eingeschlagen.

Diese Anstrengungen machen die geostrategische Dimension der Halbleiterindustrie augenscheinlich. Für Investoren ist es wichtig, zu beurteilen, an welcher Stelle der vertikalen und der horizontalen Integration dieser Industrie sich ein Unternehmen befindet, um die möglichen Auswirkungen dieses geopolitischen Konfliktes beurteilen zu können. TSMC, jedenfalls, unterhält auf Taiwan die meisten seiner Halbleiterwerke, in denen die modernsten CPUs, GPUs, Smartphone-Prozessoren und andere Chips produziert werden. US-Hersteller wie Apple, AMD, Nvidia und Qualcomm, aber inzwischen auch Intel sind auf TSMC genauso angewiesen wie chinesische Firmen.

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