25. Juli 2019, 09:30
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Schwellenländer: Wie sich die Lira weiter entwickelt

Am ersten Juliwochenende dieses Jahres traf der türkische Präsident Erdogan in seiner typischen unberechenbaren Manier eine beispiellose Entscheidung: Er entließ den Gouverneur der Zentralbank der Republik Türkei (CBRT), Murat Çetinkaya, ein Jahr vor dem Ende seiner vierjährigen Amtszeit. Ein Kommentar von Lucas Irisik, Portfolio Manager und Senior Analyst bei Nikko Asset Management.

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Lucas Irisik, Portfolio Manager und Senior Analyst bei Nikko Asset Management.

Erdogans Entscheidung wurde mit einer erhöhten Volatilität an den Finanzmärkten quittiert und der Ausverkauf der Lira stand kurz bevor. Der Vorgang wurde allseits als weiterer Schritt zur Erosion der Unabhängigkeit des CBRT gewertet (die ohnehin bereits angezweifelt werden durfte).

Nachlassende Wachstumsdynamik als Ergebnis

Çetinkaya präferierte eine restriktive Geldpolitik, um die Schieflage zwischen der heimischen Inflation und der externen Zahlungsbilanz zu begradigen. Sie führte allerdings auch zu einer nachlassenden Wachstumsdynamik, die wiederum ein Auslöser war für den spürbaren Rückgang der Popularität von Erdogans Partei (was sich in den schlechten Ergebnissen der jüngsten Kommunalwahlen niederschlug).

Nach den Gesetzen der CBRT kann der Zentralbankgouverneur nur aufgrund krimineller Handlungen abgesetzt werden, die seine Position unhaltbar machen. Auch Dekrete des Staatspräsidenten können diese Gesetze nicht einfach aufheben.

Die verfassungswidrige Absetzung von Çetinkaya bestätigt, dass die Machtausübung von Präsident Erdogan völlig unkontrolliert ist und unabhängige Institutionen weitgehend unterdrückt werden oder mittlerweile vollends aufgelöst wurden.

Zinssenkungen durch von der Leyen erwartet

Dem neu ernannten Gouverneur Murat Uysal, der seit 2016 bereits stellvertretender Gouverneur der Zentralbank war, wird nachgesagt, er sei anfälliger für politischen Druck.

Angesichts Erdogans unkonventioneller Überzeugung, dass niedrigere Zinssätze zu einer niedrigeren Inflation führen, erwarten wir, dass die CBRT auf ihrer ersten Sitzung unter Uysals Vorsitz den Startschuss für eine Reihe von Zinssenkungen in erheblichem Umfang geben wird.

Im Einklang mit den Erwartungen des Marktes gehen wir davon aus, dass sie den Leitzins (der einwöchige Repo-Satz) nun um225 Basispunkte auf 21,75 % und in den kommenden 12 Monaten insgesamt um 800 Basispunkte senken wird.

Androhung von US-Sanktionen schlägt sich auf den Kurs nieder

Das verbesserte Preisverhalten im Inland, das sich sowohl in den Kernkennzahlen als auch in den Schlagzeilen widerspiegelt (obwohl letztere durch die staatlich subventionierten Obst- und Gemüsepreise verzerrt wurden), sowie ein günstigeres externes Umfeld, in dem erwartet wird, dass die Federal Reserve noch in diesem Monat die US-Zinsen senken wird, verschafft der CBRT den nötigen Spielraum, ihre Geldpolitik zu lockern.

Allerdings wird die Androhung von US-Sanktionen infolge des Streits wegen des russischen Raketenabwehrsystems S-400 wie ein Damoklesschwert über dem geldpolitischen Kurs lasten.

Die CBRT wird die Entwicklung des Streits in den nächsten Monaten aufmerksam beobachten und bei der Entscheidung, in welchem Ausmaß die Zinsen tatsächlich gesenkt werden sollen, berücksichtigen.

Sollte die Libra schwächer werden, folgt ein Wirtschaftseinbruch

Daher dürfte die Notenbank im Rahmen ihres geldpolitischen Lockerungskurses einen relativ breiten Zinskorridor als Versicherungspolice gegen mögliche künftige Volatilität aufrechterhalten.

Wir erwarten, dass eine Zinssenkung in der Größenordnung von 200 bis 300 Basispunkten vom Zinsmarkt gut aufgenommen wird und die Tür für weitere Lockerungen öffnen könnte, sofern das externe Umfeld sie weiterhin begünstigt.

Doch sollte die CBRT übermäßig radikale geldpolitische Maßnahmen vornehmen und dadurch die Lira weiter schwächen, würde sie einen erneuten Wirtschaftseinbruch riskieren. In diesem Szenario würde gleichermaßen auf die Währung wie auf den Zinsmarkt Druck ausgeübt werden.

Das würde den Effekt der Zinssenkungen mindern und die Nachhaltigkeit des von Erdogan so dringend angestrebten Niedrigzinsumfelds gefährden.

 

Foto: Nikko Asset Management

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