19. Juli 2019, 09:00
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Warum sich niemand mit der Fed anlegen sollte

Die US-Notenbank verkündete jüngst, dass sie eine Zinssenkung in diesem Jahr nicht ausschließe – prompt investieren Anleger hoffnungsvoll in Aktien, woraufhin der Dow-Jones auf ein Allzeithoch stieg. Auch der S&P 500 erreichte einen Rekordstand und verweilte für einige Tage über der 3.000-Punkte-Marke. Wie sollten Investoren auf diese Kapriolen reagieren? Ein Kommentar von Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman.

Ohne-Titel-15 in Warum sich niemand mit der Fed anlegen sollte

 

Auch diese Woche hielten die internationalen Finanzmärkte viele Rekorde und Extreme bereit, weil die Investoren einmal mehr darauf setzten, dass die US-amerikanische Notenbank die Zinsen erstmals seit über einem Jahrzehnt senkt.

Letzte Woche stieg der S&P 500 Index über die 3.000-Punkte-Marke. Die Renditen für griechische Staatsanleihen lagen kurzzeitig unter den US-Titeln mit gleicher Laufzeit. All das nur ein gutes Jahr nach dem Ende der Hilfsprogramme sowie kurz nach der Emission der ersten griechischen Anleihe seit der Schuldenkrise. Die polnische Zehnjahresrendite lag nur noch knapp über null. Ein paar Basispunkte weniger, und auch die Renditen polnischer Titel wären negativ gewesen – wie schon jetzt die Renditen von Anleihen im Wert von 13 Billionen US-Dollar weltweit.

Die Nachfrage nach risikoreichen Anlagen scheint unersättlich, und doch scheint der Drang ungebrochen zu sein, die stotternde Wirtschaft mit niedrigeren Zinsen zu stützen.

Die Wende vollenden

Trotz der zuletzt sehr guten US-Arbeitsmarktdaten rechneten die Märkte mit einer weiteren Leitzinssenkung um 25 Basispunkte im Juli. Letzte Woche verkündete der Fed-Vorsitzende Jerome Powell, dass sich der Ausblick des Offenmarktausschusses durch die Arbeitsmarktzahlen „nicht ändern“ würde und „viele“ Mitglieder jetzt noch mehr Argumente für eine expansive Geldpolitik sähen. An den Märkten hielt man die Zinssenkung daraufhin für nahezu sicher – und bewertete eine Senkung um 50 Basispunkte mit einer eins-zu-vier-Wahrscheinlichkeit. Gegenüber den Erwartungen vom letzten Herbst ist das in der Tat eine 180-Grad-Wende.

Diese Wende lässt den S&P 500 ebenso weiter steigen wie krisenanfällige Staatsanleihen, Emerging-Market-Titel und andere risikobehaftete Wertpapiere. Doch sind zum Beispiel Small Caps, High-Beta-Aktien und nicht amerikanische Märkte hinter defensiveren Anlagen zurückgeblieben. Nicht zu vergessen, dass die Renditen nirgendwo negativer sind als bei deutschen Staatsanleihen.

All das mahnt zur Vorsicht. Eine höhere Risikoaversion wäre eine durchaus passende Antwort auf die schwächeren Einkaufsmanagerindizes dieses Jahres, die niedrige Inflation, die fallenden Wachstumsprognosen, politische Unsicherheit und die zunehmenden Handelskonflikte. Nach mittelmäßigen Unternehmensergebnissen im ersten Quartal werden für die noch junge neue Berichtssaison kaum Änderungen erwartet. Vermutlich gleichen der Konsum- und der Technologiesektor die Schwäche der Automobil- und Industriebranche aus.

Es scheint zurzeit vergeblich, die Marktentwicklung mit der Konjunktur erklären zu wollen. Dies gilt für die hohen Kurse der sicheren Häfen, das hohe Niveau von Aktienindizes und die eher niedrigen Kurse risikoreicherer Aktien. Alles scheint sich um die Zinsen zu drehen: Fast alle Wertpapiere mit laufenden Erträgen und selbst alle Titel mit einer gewissen Duration sind so bewertet, als könne es nur aufwärts gehen.

Eine alte Börsenweisheit warnt Investoren davor, sich mit der Fed anzulegen: Don’t fight the Fed. Heute scheinen die Märkte nicht gegen die Fed zu kämpfen, sondern sie förmlich zu noch niedrigeren Leitzinsen anzustacheln.

Wertpotenzial

Unsere fundamentale Einschätzung hat sich seit Jahresbeginn nicht wesentlich geändert. Es war mit einem schwächeren, aber doch stabilen Weltwirtschaftswachstum zu rechnen. Außerdem konnte man zu Beginn des Jahres mit einer leichten Entspannung im Handelskonflikt zwischen den USA und China rechnen – doch auch eine gegenwärtige öffentlichkeitswirksame Einigung würde momentan nichts an den langfristigen Problemen ändern, die für die USA letztlich zählen.

Zudem kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die Notenbanken eine Zinspause einlegen könnten und die Leitzinsen unverändert ließen. Wir haben akzeptiert, dass eine Zinssenkung bevorsteht.

Dennoch könnten beim Außenhandel die größten Unsicherheiten hinter uns liegen, und wir rechnen noch immer mit einem kurzen Zinssenkungszyklus der Fed, obwohl die Märkte anscheinend einen längeren vermuten. Dies allein dürfte aber nicht für deutlich bessere Wachstumsaussichten sorgen. Wenn aber die Inflation im Laufe dieses Jahres etwas zulegt, könnte der Konjunkturzyklus noch länger werden – mit einem zwar niedrigeren, aber stabilen Trendwachstum.

Investoren sollten daher genau darauf achten, wo die aktuell von den Zinsen getriebene Stimmung für günstige Bewertungen sorgt, die sie nutzen können. Dazu gehören insbesondere High-Beta-, Small-Cap- und prozyklische Aktien, die nicht vollständig an den zurückliegenden Marktentwicklungen teilgenommen haben. Auch an den globalen Rentenmärkten sehen wir attraktive Wert- und Ertragspotenziale. Aus diesem Grund verfolgen wir stärkere Investments direkt unter der Oberfläche – in Sub-Assetklassen.

Foto: Neuberger Berman

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