Klimaneutrale Immobilien nichts als Etikettenschwindel?

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Energiebilanz von Häusern meist schlechter als gedacht?

Attribute wie „grün“, „nachhaltig“ oder „klima- oder ressourcenneutral“ kommen bei Anlegern und Investoren in Büros und Wohnimmobilien gut an. Zurecht, oder schaut die Immobilienbranche zu blauäugig auf das Thema CO2-Vermeidung?

 „Nachhaltiger Büroneubau“ – „Klimaneutrales Quartier“: kaum ein Neubauprojekt kommt heutzutage ohne die Behauptung aus, umweltfreundlich zu sein. Die neuen Heilsversprechen sind den veränderten Nutzerwünschen geschuldet, denn hohe Energiekosten und ein gesteigertes Klimabewusstsein fließen bei Miet- und Kaufentscheidungen viel stärker ein als früher.

Irreführender Wortgebrauch

Fakt ist jedoch, dass der Wortgebrauch in den meisten Fällen irreführend ist. „Was wir derzeit sehen, ist ein branchenweiter Etikettenschwindel“, prangert Timm Sassen, Gründer und CEO der Greyfield Group, an. Das Argument des Redevelopers aus Essen: als Maßstab für die Nachhaltigkeits-Kommunikation von Neubauprojekten ziehen die meisten Akteure der Immobilienwirtschaft allein die Emissionen aus der Nutzungsphase heran, während die CO2-Belastung aus der Herstellung – also vor allem beim Abriss und Neubau – ausgeblendet werden.

Energiebilanz eines Hauses mit Bauenergie leidet meist sehr

Sicherlich steht ein „Null-oder Niedrig-Energie-Haus“ in der Nutzungsphase mit besserer Energiebilanz da als eine herkömmliche Immobilie. Aber nur dann, wenn man nicht miteinrechnet, wieviel Energie für dessen Bau (Emissionen aus der Herstellung der Baumaterialien, Transportwege etc.) aufgewendet wurden.

Noch negativer fällt die Gesamtbilanz aus, wenn für den Neubau eine Bestandsimmobilie weichen musste. „Ein Abriss allein benötigt soviel von der sogenannten ‚grauen Energie‘, dass der Neubau Jahrzehnte braucht, um das in der Co2“-Bilanz wieder auszugleichen“, so Sassen. Darüber hinaus verschwenden wir hierdurch wertvolle bestehende Ressourcen.

Das Zwei-Phasen-Modell

Aus diesem Grund ruft der Greyfield-CEO dazu auf, grundsätzlich in zwei Phasen zu denken und entsprechend zu argumentieren. Sein Rat an die Nutzer: diesen Aspekt bei ihrer Flächensuche zu berücksichtigen, kritisch zu sein und Transparenz einzufordern, wenn „Klimaneutralität“ als Vertriebsargument angebracht wird. „Sprecht bitte nur von klimaneutraler Nutzungsphase“, lautet Sassens Appell an die Entwickler. 

Methodik zur Messbarkeit von grauer Energie

Als Leiter der „Kompetenzgruppe Redevelopment“ bei der gif Gesellschaft für immobilienwirtschaftliche Forschung e.V., Wiesbaden, will der Greyfield-CEO zudem selbst einen Beitrag dazu leisten und eine Methodik zur Messbarkeit von „grauer Energie“ in Bestandsimmobilien entwickeln.

„Unser Ziel wird es sein, die Forderungen der EU-Taxonomie zur Bepreisung von Co2-Emissionen auf die Immobilienwirtschaft zu übertragen und in einem Index abzubilden“, kündigt Sassen an. „Wir brauchen ein Ende der Wegwerfmentalität. Die können wir uns nicht mehr leisten. Die nachhaltigste Immobilie ist die, die schon steht.“ Mitstreiter sind willkommen.

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