„Zusatzbeitragsjahre sind verlorene Jahre“

Cash.: Den Eindruck eines fehlenden Gesamtkonzepts könnten viele Menschen gewonnen haben, als die Diskussion um die Praxisgebühr einsetzte. Welche Möglichkeiten zu alternativen Steuerungsmöglichkeiten gibt es, die zu weniger Arzt-Patienten-Kontakten führen?

Ulrich: Die Praxisgebühr in ihrer derzeitigen Ausgestaltung ist misslungen. Empirische Untersuchungen zeigen, dass sie keine Steuerungswirkung besitzt, und der Aufwand zur Feststellung, ob ein Arztbesuch der erste im Quartal ist, sowie zur Ausstellung von Überweisungen steht in keinem günstigen Verhältnis zu ihrem Aufkommen von knapp zwei Milliarden Euro im Jahr 2010. Ökonomisch unsinnig ist auch die Zuzahlung von jeweils zehn Euro für die ersten 28 Tage im Krankenhaus. Diese Zuzahlung besitzt keine Steuerungswirkung, da die Nachfrage nach stationären Leistungen nur wenig beziehungsweise gar nicht auf den Preis reagieren dürfte. Eine Ausweitung der Praxisgebühr auf alle Arztbesuche – ich denke da an etwa fünf Euro – wäre dagegen ein sinnvolles Steuerungsinstrument.

Cash.: Warum?

Ulrich: Zuzahlungen können eine wichtige Funktion erfüllen, indem sie das Kostenbewusstsein der Versicherten stärken und ihnen einen Anreiz geben, auf unnötige oder wenig wirksame Leistungen zu verzichten. Zwar sollte die Steuerung auch verstärkt bei den Leistungserbringern und an den Schnittstellen ansetzen, doch angesichts von 17 Arztkontakten im Jahr pro Kopf zeigt sich, dass man auch den Patienten in die Pflicht nehmen sollte – zumal er aufgrund der Überforderungsklausel, die bei ein beziehungsweise zwei Prozent des Einkommens als Belastungsgrenze liegt, sozial abgefedert wird.

Interview: Lorenz Klein

Foto: Universität Bayreuth

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