Rechnungszinssenkung: „Ändert nichts an der oft existenziellen Bedeutung der BU für Kunden“

Foto: Cash.
Dr. Jürgen Bierbaum, Alte Leipziger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender ALH-Gruppe

Welche Rolle spielt die Berufsunfähigkeitsversicherung nach der bevorstehenden Absenkung des Garantiezinses Anfang 2022? Cash. sprach mit Dr. Jürgen Bierbaum, dem stellvertretendenden Vorstandsvorsitzenden der Alte Leipziger-Hallesche Gruppe, über die Folgen der Zinssenkung und die Zukunft der BU.

Herr Dr. Bierbaum, rechnen Sie mit einer Beitragserhöhung in der BU durch den abgesenkten Rechnungszins?

Bierbaum: Ja, man muss marktweit von einer Verteuerung der BU ausgehen. Nach unserer Einschätzung wird die Bandbreite zwischen fünf und zehn Prozent liegen.

Ist die BU vor diesem Hintergrund noch ein interessantes Geschäftsfeld für Sie?

Bierbaum: Die BU ist auch in Zukunft für uns ein sehr wichtiges Geschäftsfeld. Mit einem Bestand von etwa 650.000 Verträgen gehören wir zu den großen Anbietern am Markt. Unsere starke Stellung wollen wir verteidigen bzw. ausbauen. Das ist uns im Corona-Jahr 2020 gut gelungen, als die Zahl der Neuverträge im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent wuchs. Die Vermittler kennen unsere Leistungskomponenten aus Produkt, Bedingungen und fairer Leistungs-Regulierung und nehmen die Alte Leipziger als leistungsfähigen, finanzstarken, verlässlichen Versicherer wahr. Auch die Bewertungen der Rating-Gesellschaften bestätigen uns das. Zusätzlich beschäftigen wir uns mit Alternativen im Geschäftsfeld Absicherung der Arbeitskraft, beobachten die Marktentwicklungen und Kundenanforderungen und werden unser Produktangebot kontinuierlich weiter optimieren und ergänzen. Im Übrigen betrifft die Senkung des Höchstrechnungszinses alle langlaufenden Produkte mit garantierten Prämien, also auch Grundfähigkeits- und EU-Versicherungen.

Würden Erhöhungen auch den Bestand treffen?

Bierbaum: Die Rechnungszinssenkung hat keine Auswirkungen für die Bestandskunden. Die Bruttobeiträge sind garantiert und bleiben unverändert. Da der Kunde aber in der Regel weniger als den Bruttobeitrag wegen der Überschussverrechnung bezahlt, ist für ihn hier sehr wichtig, dass der Versicherer auch in diesem Aspekt stabil ist. Uns wurde hierfür von Assekurata das BU-Beitragsstabilitätssiegelauf Basis eines ausführlichen internen Ratings verliehen.

Werden sich ab kommendem Jahr noch deutlich weniger Menschen eine BU leisten können?

Bierbaum: Eine BU-Versicherung ist in jedem Fall empfehlenswert, um einen Verdienstausfall im Fall einer Berufsunfähigkeit ausgleichen zu können. Vom Staat ist an dieser Stelle für die nach 1961 geborenen Menschen finanziell nicht viel zu erwarten. Wir halten eine individuelle risikogerechte Kalkulation für fair, wodurch auch die Beitragsstabilität für die Zukunft erhöht wird. Damit hat der Kunde entsprechende Planungssicherheit. Zu bedenken ist natürlich, dass bestimmte Kundengruppen – auch heute schon – nicht dazu in der Lage sind, Geld für eine solche Versicherung beiseite zulegen. Sie müssen andere Angebote nutzen, zum Beispiel die Absicherung der Berufsunfähigkeit über den Arbeitgeber mit der damit verbundenen Ersparnis an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Daran sind viele Branchen interessiert, wie auch die an uns gerichteten Anfragen zeigen.

Denken Sie über Möglichkeiten nach, die BU wieder mehr Menschen zugänglich zu machen?

Bierbaum: Außer der eben erwähnten betrieblichen BU haben wir bereits eine Erwerbsminderungsversicherung als Direktversicherung, die für handwerkliche Berufe eine günstige Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung sein kann. Erfolgreich ist die Alte Leipziger darüber hinaus mit Zielgruppenkonzepten für Schüler, die bei uns bereits ab zehn Jahren bis zu einer monatlichen BU-Rente von 1.500 Euro versichert werden können. Vorteil: In jungen Jahren sind die Beiträge für die BU niedrig und wegen des meist guten Gesundheitszustands ist die Gefahr von Risikozuschlägen und Leistungsausschlüssen gering. Ein wichtiges Argument für einen frühen Abschluss ist, dass der günstige (Brutto-)Beitrag, die günstige Berufsgruppeneinstufung und das vereinbarte Schlussalter bei der Alte Leipziger dauerhaft gesichert sind. Darüber hinaus arbeiten wir kontinuierlich an der Weiterentwicklung und Ergänzung unserer Produktpalette, wobei immer auch die Beitragsstabilität für unsere Bestandskunden eine wichtige Rolle spielt.

Sehen Sie die Politik in der Verantwortung beim Thema Arbeitskraftabsicherung?

Bierbaum: Nein, die Politik hat sich aus diesem Feld zurückgezogen und wird sich nach der Bundestagswahl angesichts der ungünstigen demografischen Entwicklung mit immer mehr Rentenbeziehern und immer weniger Beitragszahlern vordringlich um die Zukunft der Altersvorsorge kümmern müssen.

Was würde eine signifikante Erhöhung der Beiträge für Ihre Vertriebe bedeuten?

Bierbaum: Nach den Rechnungszinssenkungen der Vergangenheit ist das Neugeschäft trotz steigender Prämien nicht dauerhaft zurückgegangen. Ein Grund liegt sicherlich darin, dass bei einer BU-Beratung eher die Leistungen im Vordergrund stehen. Die Beiträge fließen natürlich in die Überlegung mit ein, dominieren aber die Entscheidung nicht. Wenn jetzt aufgrund der Situation am Kapitalmarkt der Rechnungszins sinkt und die BU deshalb etwas teurer wird, ändert das nichts an der oft existenziellen Bedeutung der BU für Kunden. Bis zum Ende des Jahres werden wir unsere Vermittler bei der Ansprache ihrer Kunden unterstützen, damit Kunden sich in diesem Jahr noch die günstigeren Beiträge sichern.       

Welche weiteren Trends in der BU beobachten Sie aktuell?

Bierbaum: Die Berufsbilder traditioneller Berufe befinden sich im Wandel – Stichwort Digitalisierung – und auf dem Arbeitsmarkt entstehen immer mehr neue Berufe. Auch das individuelle Berufsleben verläuft wechselhafter als in der Vergangenheit. Als Antwort darauf haben wir 2020 die Risikoeinstufung für unsere BU-Produkte angepasst. So werden neben dem Beruf auch der Berufsstatus, die berufliche Qualifikation, der Anteil der Bürotätigkeit, eine mögliche Personalverantwortung sowie das Raucherverhalten berücksichtigt. Das neue Verfahren wird dem individuellen Einzelfall, dem sogenannten Fair Score, gerechter und kann, je nach konkreter Ausgestaltung des Berufs, zu günstigeren Beiträgen führen. Mit unserem Risikoprüfungstool e-Votum können Risikovoranfragen einfach und effizient abgewickelt werden, im Jahr 2020 waren das 50.000 Stück, Tendenz steigend.

Das Interview führte Elke Pohl, Finanzwirtschaftsjournalistin und freie Autorin

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