Festnahme Maduros: Geopolitisches Signal mit Folgen für Ölmarkt und Geldpolitik

Foto: PantherMedia/urzine
Was passiert infolge des Venezuela-Coups auf dem Ölmarkt?

Die Festnahme von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro markiert einen geopolitischen Einschnitt mit globaler Tragweite. Ein Kommentar von Edmond de Rothschild Asset Management ordnet die politischen Motive ein und analysiert die Folgen für Ölmarkt, Inflation und institutionelle Stabilität. Die wirtschaftlichen Effekte könnten überraschend ausfallen.

Die spektakuläre Festnahme von Nicolás Maduro zu Beginn des Jahres 2026 wurde in Washington umgehend als gezielte Befreiungsaktion präsentiert. Diese Operation sollte den Kampf gegen den Drogenhandel mit der Wiederherstellung der Demokratie verbinden. Hinter dieser offiziellen Darstellung stehen jedoch deutlich vielschichtigere Beweggründe. Auf innenpolitischer Ebene folgt der Einsatz einer bewährten Strategie: Stärke in Fragen von Sicherheit, Kriminalität und Drogenbekämpfung zu demonstrieren. Historisch betrachtet haben Phasen äußerer Konfrontation häufig zu einem vorübergehenden Anstieg der Popularität des Präsidenten geführt – ein nicht unwesentlicher Faktor im Vorfeld der Zwischenwahlen. Auf geopolitischer Ebene dient die Intervention als Warnsignal an Regime wie den Iran und markiert eine Rückkehr zur Monroe-Doktrin. Damit soll in Erinnerung gerufen werden, dass die westliche Hemisphäre aus Sicht Washingtons weiterhin als direkter Einflussbereich gilt. Schließlich spielt auch Energie eine zentrale Rolle im strategischen Kalkül: Venezuela verfügt über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven und könnte – zumindest theoretisch – das globale Energiegleichgewicht beeinflussen.


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Die Parallelen zu ‚Operation Just Cause‘, der US-Intervention in Panama, die zur Festnahme Manuel Noriegas führte, sind offensichtlich. Doch Venezuela im Jahr 2026 ist nicht Panama im Jahr 1989, was das Szenario erheblich verkomplizieren dürfte. Damals war der panamaische Staat noch funktionsfähig, die Armee weitgehend illoyal gegenüber Noriega, die Gesellschaft relativ geschlossen und die Wirtschaft intakt. Die Intervention war kurz, das Ziel klar definiert und der Rückzug kontrolliert. Venezuela hingegen ist heute ein zutiefst maroder Staat. Die Institutionen wurden systematisch ausgehöhlt, die Gesellschaft ist extrem polarisiert, der Sicherheitsapparat ist militärisch geprägt und eng mit wirtschaftlichen sowie kriminellen Netzwerken verflochten. Zudem ist die Ölwirtschaft, das Rückgrat des Landes, weitgehend zerstört: Die Produktion ist von rund drei Millionen Barrel pro Tag zu Beginn der 2000er Jahre auf weniger als eine Million gesunken.

Vor diesem Hintergrund würde das Verschwinden des Staatschefs allein nicht ausreichen, um das System zum Einsturz zu bringen. Derzeit zeichnen sich drei Szenarien mit unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten ab:

  • Das erste Szenario ist, dass das Regime auch ohne Maduro überlebt: Die militärischen und administrativen Strukturen bleiben bestehen, der Übergang bleibt formeller Natur und das Chaos wird zwar eingedämmt, hält jedoch an.
  • Das zweite Szenario wäre eine Zersplitterung der Macht, die den Weg für anhaltende Gewalteskalationen bis hin zu einem Bürgerkrieg ebnen könnte – und damit eine faktisch langfristige US-Präsenz implizieren würde, die weit über eine einmalige Operation hinausginge.
  • Das dritte Szenario, ein stabiler demokratischer Übergang, der von Washington bevorzugt wird, wäre aus Marktsicht das wünschenswerteste. In der Praxis stellen jedoch die ersten beiden Szenarien weiterhin erhebliche Risiken dar.

Die unmittelbaren Folgen konzentrieren sich auf den Ölmarkt – genau hier könnte jedoch ein erhebliches Missverständnis entstehen. Entgegen den Erwartungen werden kurzfristig wohl keine zusätzlichen Barrel den Markt erreichen. Die venezolanischen Exporte haben sich bereits halbiert. Die Sanktionen und die Blockade bleiben unverändert bestehen. Zudem erlaubt die stark geschwächte Förderkapazität keine rasche Ausweitung der Produktion. Mit anderen Worten: Die politische Lage hat sich seit dem 3. Januar grundlegend verändert, doch die physischen Lieferströme bleiben eingeschränkt. Kurzfristig besteht sogar das Risiko einer weiteren Angebotsverknappung: Die Blockade behindert die Einfuhr der zur Verarbeitung des Schweröls benötigten Verdünnungsmittel, die operativen Herausforderungen nehmen zu und mehrere Partner von Petróleos de Venezuela wurden aufgefordert, ihre Förderung zu drosseln. Laut Schätzungen von Energy Aspects könnten 200.000 bis 300.000 Barrel pro Tag wegfallen.

Gleichzeitig bleibt die OPEC+ untätig. Es wurden keine Anpassungen der Fördermengen gemeldet. Eine weitere Erhöhung bleibt vorerst aus, die Förderpause wurde verlängert und die enge Abstimmung zwischen Saudi-Arabien, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten bleibt bestehen. Kurzfristig führt die Krise in Venezuela daher nicht zu einer Entlastung des Angebots, sondern möglicherweise zu zusätzlicher Anspannung. Diese ist weniger auf geopolitische Überlegungen als auf physische Beschränkungen zurückzuführen.

Das eigentliche Kernthema ist der mittelfristige Ausblick. Zeigt sich eine minimale politische Stabilisierung, die mit einer schrittweisen Rückkehr ausländischer Investitionen einhergeht, könnte Venezuela erneut zu einem strukturell disinflationären Faktor für die Weltwirtschaft werden. Genau darin liegt das zentrale Paradoxon: Ein bedeutender geopolitischer Schock muss nicht zwangsläufig langfristig inflationär wirken. Eine verzögerte Entspannung auf den Energiemärkten würde die Inflationsentwicklung in den USA verändern und damit auch den Zinstrend, der sich anschließend wieder nach unten bewegen dürfte.

Diese Dynamik lässt sich nicht von ihren institutionellen Implikationen trennen. Die Schwächung der multilateralen Ordnung und die erneute Fokussierung der Exekutive auf die internationale Bühne tragen zu einer Re-Zentralisierung der Macht in Washington bei. Mit Blick auf die näher rückenden Zwischenwahlen wächst das Risiko einer weiteren Stärkung des sogenannten ‚unitary executive‘ – jener Doktrin, nach der die gesamte Exekutive der Autorität des Präsidenten vollständig untergeordnet sein muss. In diesem Kontext könnten bestimmte Institutionen – allen voran die Federal Reserve sowie einige halbunabhängige Behörden – zunehmendem politischen Druck ausgesetzt sein.

Die genauen Folgen der Ereignisse dieses Wochenendes sind noch nicht absehbar, doch sie tragen eindeutig die Handschrift der derzeit stattfindenden tektonischen Verschiebungen in der Geopolitik und Politik. Sie verdeutlichen den Gegensatz zwischen der vorherrschenden Instabilität (die derzeit eher institutioneller als wirtschaftlicher Natur ist) und der extremen Marktkonzentration, der anhaltenden Stärke des Momentum-Faktors sowie einigen deutlich überzogenen Bewertungen. Dieser Gegensatz bestärkt uns in der Überzeugung, dass Anleger, die mittel- bis langfristig orientiert sind, ihre Allokationen und Anlagethemen stärker denn je diversifizieren müssen – insbesondere in Bereichen, die weiterhin en vogue sind. Zugleich sehen wir unsere Einschätzung mit Blick auf die beiden Strategien bestätigt, die wir in den vergangenen Monaten aufgelegt haben: Global Resilience und Mission Europa. Erstere konzentriert sich auf widerstandsfähige Unternehmen in einer zunehmend instabilen Welt, während letztere in Unternehmen investiert, die von der europäischen Antwort auf dieses Umfeld profitieren dürften. US-Präsident Donald Trump hat an diesem Wochenende erneut das Interesse der Vereinigten Staaten an Grönland bekräftigt – eine Anekdote, die vielleicht gar keine ist und die in Europa nur als Mahnung verstanden werden kann, die eigene Struktur dringend zu stärken.

Die Autoren sind: Benjamin Melman, Chief Investment Officer, und Michaël Nizard, Head of Multi-Assets & Overlay, beide Edmond de Rothschild AM

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