Die Banque de France hat zwischen Juli 2025 und Januar 2026 die letzten 129 Tonnen Gold, die seit den späten 1920er Jahren bei der Federal Reserve Bank of New York gelagert waren, vollständig aus den USA abgezogen und damit eine über fast ein Jahrhundert bestehende Lagerbeziehung beendet.
Statt die alten Barren physisch über den Atlantik zu transportieren und einzuschmelzen, wählte die französische Zentralbank einen pragmatischen Weg. Sie verkaufte die nicht mehr standardkonformen Bestände in New York und erwarb in insgesamt 26 gestaffelten Transaktionen eine äquivalente Menge moderner, LBMA-konformer Standardbarren auf dem europäischen Markt. Diese werden nun vollständig in den Untergrundtresoren von La Souterraine in Paris gelagert. Damit befinden sich erstmals seit fast hundert Jahren die gesamten französischen Goldreserven von rund 2.437 Tonnen, den viertgrößten der Welt, ausschließlich auf französischem Boden.
Die jetzige Heimholung hat eine historische Parallele. Bereits in den 1960er Jahren begann Frankreich unter Charles de Gaulle damit, Dollarreserven in Gold zu tauschen und Bestände aus den USA zurückzuführen, weil das Vertrauen in die Stabilität des dollarbasierten Systems schwand. Dass Nixon wenig später 1971 das Goldfenster schließen musste, war eine direkte Folge dieses wachsenden Drucks auf die amerikanischen Goldreserven.
Offiziell begründet Notenbankgouverneur François Villeroy de Galhau den Schritt mit rein technischen Erwägungen. Auslöser sei eine interne Prüfung im Jahr 2024 gewesen, in deren Folge entschieden worden sei, veraltete, nicht normkonforme Barren gegen moderne Standardbarren auszutauschen. Da diese neuen Barren auf dem europäischen Markt gehandelt würden, sei Paris als Lagerort naheliegend gewesen. Politisch motiviert sei die Maßnahme ausdrücklich nicht gewesen.
Diese Erklärung wirkt auf den ersten Blick plausibel, doch der Zeitpunkt ist auffällig. Die Umsetzung fiel exakt in die Phase zwischen Juli 2025 und Januar 2026, also in jene Monate, in denen das Vertrauen in die Verlässlichkeit amerikanischer Institutionen unter der zweiten Trump-Administration zunehmend in Frage gestellt wurde. Dass nun ausgerechnet Frankreich den letzten Rest seiner Goldlagerung in New York beendet, dürfte daher kaum völlig bedeutungslos sein. Was offiziell als technische Modernisierung beschrieben wird, sendet in der Sache ein deutliches Signal: Westliche Zentralbanken denken wieder stärker darüber nach, wo ihre monetären Reserven im geopolitischen Ernstfall tatsächlich physisch sicher sind.
In Deutschland, dem Land mit den zweitgrößten Goldreserven der Welt, wird diese Debatte bereits offen geführt. Noch immer lagern rund 1.236 Tonnen Gold in den USA und erste politische Stimmen fordern öffentlich, dem französischen Beispiel zu folgen.
Aufgrund der rekordhohen Goldpreise realisierte die Banque de France einen Buchgewinn von rund 12,8 bis 13 Milliarden Euro. Nach einem Nettoverlust von 7,7 Milliarden Euro im Jahr 2024 führte dies im Geschäftsjahr 2025 zu einem Nettogewinn von 8,1 Milliarden Euro. Dieser Gewinn ist allerdings kein Trading-Erfolg, sondern im Wesentlichen die Realisierung der über Jahrzehnte aufgelaufenen historischen Wertsteigerung der Bestände, die nun nur neu bewertet wurde.
Das wirklich Interessante an diesem Vorgang ist daher weniger die Bilanzwirkung als die Timing-Frage. Die Umschichtung fiel genau in die stärkste Phase der Goldrallye, als der Goldpreis von 3.350 US-Dollar auf 5.600 US-Dollar extrem stark anstieg. Nach dem Allzeithoch im Januar 2026 fiel der Preis wieder zurück auf zuletzt fast 4.100 US-Dollar im Tief. Ob die Käufe der Banque de France selbst einen preistreibenden Effekt hatten oder ob diese zeitliche Koinzidenz reiner Zufall war, bleibt unklar. Es gibt keinerlei Transparenz darüber, wer die Gegenparteien dieser 26 Transaktionen waren und ob die in New York veräußerten Altbarren tatsächlich in den offenen Markt gelangten oder über private Deals absorbiert wurden.
Da es gut möglich ist, dass die verkauften Barren nicht ihren Weg auf den offenen Markt fanden, hat Frankreich mit seinen gestaffelten Käufen womöglich selbst den Preis mit nach oben getrieben und teuer gekauft, womit sie nun bilanziell nach der Neubewertung auf einem Minus sitzen könnten. Genauso ist jedoch denkbar, dass die eigene Nachfrage preislich kaum relevant war und die Käufe lediglich zufällig in die Rallye fielen. Genau beantworten lässt sich das nicht, da die Transparenz fehlt.
Frankreich hat seine letzten Goldbestände aus den USA abgezogen, ohne auch nur ein einziges Gramm physisch über den Atlantik transportieren zu müssen, hat die alten Barren in New York verkauft, neue Standardbarren in Europa gekauft, einen bilanziellen Gewinn realisiert und lagert nun seine gesamten 2.437 Tonnen Gold wieder vollständig im eigenen Land. Offiziell war es eine technische Umschichtung. In der Substanz ist es zugleich ein geopolitisches Signal.
Gold ist nicht umsonst das einzige Geld ohne Gegenparteirisiko. Dieses Privileg gilt aber nur dann uneingeschränkt, wenn auch der Verwahrer als vertrauenswürdig angesehen wird. Frankreich hat diese Frage für sich inzwischen beantwortet.
Autor Markus Blaschzok ist Chefanalyst bei der SOLIT Gruppe.












