Gold war nie nur ein Edelmetall. Es war seit jeher ein Symbol für Macht, Sicherheit und letztlich auch für Angst. Wer Gold kaufte, tat dies selten aus purer Renditegier. Vielmehr war es der Wunsch nach Stabilität, nach Absicherung gegen das Unbekannte, das Unerwartete. Doch ein Blick auf die aktuellen Entwicklungen am Goldmarkt zeigt: Das Edelmetall erlebt gerade eine bemerkenswerte Renaissance – allerdings nicht durch romantisierte Schatzsucher oder vermögende Senioren, sondern durch Staaten, Zentralbanken und sogar Krypto-Finanzkonzerne.
Was steckt hinter dieser Bewegung? Und was bedeutet das für Privatanleger? Ist Gold ein unterschätzter Rettungsanker – oder lediglich der Lackmustest für zunehmende Unsicherheit in der Welt?
Wer sich die jüngsten Entwicklungen im globalen Goldmarkt ansieht, kommt nicht um eine zentrale Erkenntnis herum: Zentralbanken sind zurück im großen Stil. Laut Daten des World Gold Council haben sie im Jahr 2025 etwa 863 Tonnen Gold gekauft – einer der höchsten Werte der letzten 50 Jahre. Besonders aktive Käufer: die Notenbanken aus China, der Türkei und mehreren Schwellenländern, die ihre Währungsreserven stärker diversifizieren wollen.
Offiziell lautet die Begründung oft: Absicherung gegen Währungsrisiken, Inflationsschutz, geopolitische Neutralität. Doch inoffiziell schwingt etwas Größeres mit. Der globale Vertrauensverlust gegenüber dem US-Dollar, wachsende Skepsis gegenüber westlicher Geldpolitik und die zunehmende wirtschaftliche Fragmentierung der Welt treiben die Zentralbanken dazu, sich auf das „letzte“ neutrale Gut zurückzubesinnen: physisches Gold. Der Effekt: Gold wird zunehmend zur geopolitischen Waffe, zur Absicherungsstrategie und zum strategischen Symbol für monetäre Eigenständigkeit.
Noch spannender wird es, wenn man den Blick auf eine ganz andere Ecke des Finanzsystems lenkt: die Kryptowährungsszene. Ausgerechnet ein digitaler Stablecoin-Gigant wie Tether verkündete kürzlich, 27 Tonnen physisches Gold gekauft zu haben, um damit die eigene goldgedeckte Kryptowährung „Xaut“ zu hinterlegen.
Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Denn eigentlich waren Bitcoin & Co. einst angetreten, Gold als Relikt zu entlarven. Blockchain statt Barren, Dezentralität statt Depot. Doch nun kehrt sich das Narrativ um: Ausgerechnet die digitalen Visionäre greifen auf das archaischste aller Wertaufbewahrungsmittel zurück, um ihre Coins zu stabilisieren.
Was sagt uns das? Vor allem eines: Misstrauen liegt in der Luft. Selbst die Krypto-Welt scheint nicht mehr an ihre eigenen Sicherungsmechanismen zu glauben. Wenn Stablecoins überleben wollen, müssen sie sich absichern. Und Gold erscheint vielen als das einzige, was man noch anfassen kann – und das vor allem nicht von einem Staat oder einer Zentralbank entwertet werden kann.
Trotz dieser massiven Nachfrage fiel der Goldpreis kürzlich innerhalb weniger Stunden um bis zu 8 Prozent, Silber gar um 15 Prozent. Der Grund: Aussagen der US-Notenbank zur Zinspolitik – und damit eine abrupte Rückkehr zur Realität. So sehr der Markt Gold derzeit feiert, so brutal kann die Ernüchterung sein.
Diese Volatilität zeigt: Gold ist kein sicherer Hafen per se, sondern eher ein Markt für Erwartung, Projektion und plötzliche Umschwünge. Und dennoch sehen Analysten wie jene von JPMorgan den Preis in den kommenden Monaten auf bis zu 6.300 Dollar pro Unze steigen. Der Markt ist also aufgeladen – aber mit widersprüchlichen Signalen. Euphorie und Angst, Boom und Rückschlag liegen bei Gold manchmal nur Stunden auseinander. Für Anleger, die auf Sicherheit hoffen, kann das fatal sein.
Gold ist mehr als ein Metall. Es ist ein Narrativ. Seit Jahrhunderten wird es in Geschichten verklärt, als Belohnung dargestellt, als ultimative Sicherheit verkauft. Diese Emotionalität wirkt bis heute. Und sie ist mit ein Grund, warum gerade in unsicheren Zeiten immer mehr Akteure – von Notenbanken bis Start-ups – in das Edelmetall flüchten.
Asset für den Notfall
Ich selbst stehe dem eher skeptisch gegenüber. Nicht, weil ich Gold nicht respektiere, sondern weil ich nicht an seine rationale Attraktivität als Investment glaube. Gold wirft keine laufenden Erträge ab, hat hohe Kauf- und Verkaufsspannen und lebt letztlich vom Mythos seiner Unzerstörbarkeit. Und genau dieser Mythos kann zur Falle werden, wenn er Anleger zu irrationalen Entscheidungen verleitet.
Für viele bleibt Gold vor allem eines: Apokalypsen-Geld. Ein Asset für den Notfall, für den Blackout, für den Staatsbankrott. Man vergräbt es, man hortet es, man spricht kaum über den Bestand. Und genau das macht Gold auch so besonders: Es ist kein Performance-Investment, sondern ein Stillhalte-Investment. Wer Gold kauft, hofft insgeheim, es niemals brauchen zu müssen.
Doch was sagt es über unser System aus, wenn immer mehr institutionelle Käufer genau das tun? Es ist ein untrügliches Zeichen für eine Welt im Umbruch. Und genau deshalb ist es für mich hochspannend, das Goldgeschehen zu beobachten – aber nicht, um selbst mitzuspielen. Ich stehe lieber an der Seitenlinie und investiere dort, wo Wertschöpfung über Geschichten siegt: in Unternehmen, in Menschen, in Bildung.
Gleichzeitig wird oft vergessen: Gold ist kein Investment im klassischen Sinne. Wer in Aktien investiert, wird Miteigentümer an einem Unternehmen. Wer Immobilien kauft, profitiert im Idealfall von Mieteinnahmen. Wer Anleihen hält, erhält Zinsen. Doch Gold? Bleibt stumm im Tresor.
Hinzu kommen hohe Reibungsverluste: Wer physisches Gold kauft, bezahlt oft über dem Spotpreis. Beim Wiederverkauf bekommt man in der Regel weniger zurück. Dazu kommen Lagerkosten, Versicherungsgebühren und Sicherheitsaspekte – insbesondere bei höheren Beträgen. Selbst Gold-ETFs sind nicht frei von Verwaltungskosten.
Letzter Vertrauensanker
Die reale Rendite von Gold ergibt sich also ausschließlich aus der Wertentwicklung – und selbst diese ist langfristig betrachtet weniger beeindruckend, als viele glauben. Zwischen 1980 und 2000 etwa hat Gold real deutlich an Wert verloren. Die große Aufholjagd begann erst mit der Finanzkrise 2008 – getrieben von Ängsten, nicht von Wachstum.
Was aber, wenn die derzeitige Goldrallye mehr ist als nur eine Momentaufnahme? Was, wenn die Institutionen, die Gold heute kaufen, keine kurzfristige Absicherung suchen, sondern einen systemischen Plan B? Einige Analysten vertreten genau diese These: Dass Zentralbanken und private Großinvestoren Gold derzeit nicht aus Renditegründen akkumulieren, sondern aus systemischem Misstrauen – gegenüber Währungen, Staatsanleihen, Bankensystemen. Sie sehen Gold als Notfallwährung, sollte das bestehende System kippen.
In einer Welt, in der Schuldenstände Rekordniveaus erreichen, Währungsreserven abgebaut werden, und geopolitische Spannungen zunehmen, ist dieser Gedankengang nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Gold wird so zum letzten Vertrauensanker eines immer wackliger werdenden Finanzsystems.
Was bleibt also unterm Strich? Gold ist zurzeit kein klassisches Investmentthema, sondern ein Spiegel für geopolitische, finanzielle und technologische Verunsicherung. Wenn Zentralbanken horten, wenn Stablecoin-Plattformen physische Barren stapeln, dann sollten wir nicht fragen, ob Gold eine gute Rendite bringt, sondern was diese Entwicklung über den Zustand unseres Finanzsystems aussagt.
Gold selbst hat sich nie verändert. Es ist die Welt drumherum, die es mal glorifiziert, mal verteufelt. Und gerade in dieser Reibung liegt seine eigentliche Aussagekraft. Wer es kauft, kauft damit auch ein Weltbild: das einer instabilen Zukunft. Wer es nicht kauft, vertraut auf andere Formen von Wert – oder glaubt, durch Wissen und Handlungsmacht besser vorbereitet zu sein. Gold mag nicht rational sein – aber es ist immer ein Signal. Und dieses Signal blinkt gerade ziemlich laut.
Celine Nadolny ist Gründerin und Geschäftsführerin von Book of Finance.















