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Guido Bader: Digitale Rentenübersicht – warum Transparenz allein nicht ausreicht

Dr. Guido Bader, Vorstandsvorsitzender Stuttgarter Lebensversicherung
Foto: Die Stuttgarter
Dr. Guido Bader: "Die Politik trägt ihren Teil dazu bei, dass aus Vorsorge ein Minenfeld wird."

Viele Menschen sorgen sich um ihren Lebensstandard im Alter, handeln aber immer seltener. Studien zeigen eine wachsende Lücke zwischen Sorge und tatsächlicher Vorsorge. Die Digitale Rentenübersicht könnte Orientierung bieten – wenn sie weiterentwickelt wird. Von Guido Bader.

Zwei Drittel – genauer 67 Prozent – der Menschen in Deutschland rechnen damit, ihren Lebensstandard im Alter senken zu müssen. Das ist bitter, aber nicht neu. Neu ist etwas anderes: Nur noch 36 Prozent wollen in den nächsten zwölf Monaten mehr vorsorgen. Und der Anteil derer, die sagen „Ich kann oder will nicht mehr tun“, steigt auf 35 Prozent. Das hat der kürzlich veröffentlichte „Deutschland-Trend Vorsorge 2025“ vom Deutschen Institut für Altersvorsorge aufgezeigt.

Sorge ist also ausgeprägt vorhanden. Nur die Handlungsenergie bricht gerade weg. Das ist ein kritischer Kipppunkt. Denn wenn die Sorge nicht mehr in Handlung übersetzt wird, wird Vorsorge zur Kategorie „später“. Und später ist bei Altersvorsorge immer eine ganz gefährliche Entscheidung. Spannend wäre übrigens eine Ergänzung, die Umfragen selten sauber getrennt hinbekommen: Wie viele Menschen „können“ wirklich nicht mehr und wie viele „wollen“ nicht mehr sparen, weil sie das System als zu kompliziert, zu unsicher oder zu widersprüchlich erleben? Denn das sind zwei völlig verschiedene politische und kommunikative Ausgangspunkte.

Warum die Resignation wächst

Natürlich spielt Geld eine Rolle: Inflation, hohe Alltagskosten, fehlendes Budget. Für einen Teil der Menschen ist zusätzliche Vorsorge schlicht nicht drin. Aber längst nicht für alle. Die Resignation hat auch andere Treiber.

Unsicherheit und Misstrauen

Altersvorsorgeangebote gelten vielen als schwer vergleichbar, erklärungsbedürftig und in der Wirkung unsicher. Wer das Gefühl hat, „ich verstehe das eh nicht“, trifft irgendwann die bequemste aller Entscheidungen – eben nichts zu tun.

Ein Imageproblem, das sich selbst verstärkt

Viele „schlechte Erfahrungen“ sind nicht erlebt, sondern erzählt: Schlagzeilen, Stammtisch, Social Media. Und eine Debattenkultur, die oft weniger auf langfristige Stabilität zielt als auf kurzfristige Empörung.

Verunsicherung durch die Politik

Die Politik trägt ihren Teil dazu bei, dass aus Vorsorge ein Minenfeld wird. Mal wird die eine Vorsorgeform schlechtgeredet, mal die andere. Je nachdem, wer gerade das Mikrofon hat. Das Ergebnis ist toxisch: Wer dauernd hört, dass ohnehin alles nichts taugt, landet bei der logischen Schlussfolgerung: Dann lasse ich es lieber.

Ein Jahr Digitale Rentenübersicht: Richtiges Prinzip, zu wenig Wirkung

Die Digitale Rentenübersicht war und ist als Idee in diesem Zusammenhang genau das Richtige: Ansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge gebündelt sichtbar machen, damit Menschen überhaupt eine Grundlage für Entscheidungen haben.

Die erste Bilanz zeigt: Es gibt Interesse, die Plattform wurde anfangs stark besucht und es gab eine relevante Zahl an Registrierungen. Und trotzdem bleibt die gesellschaftliche Wirkung bislang weit unterhalb einer notwendigen Schwelle, die wir bräuchten. Warum?


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Nicht, weil die Darstellung schlecht wäre. Sondern weil zwei Bremsen dominieren: Zu geringe Bekanntheit und zu hoher Zugangswiderstand. Wer rein will, braucht den Online-Ausweis (eID), PIN, AusweisApp und ein geeignetes Gerät. Das ist für viele schlicht eine Hürde zu viel. Es braucht aber noch mehr als nur eine Vereinfachung des Zugangs.

Der entscheidende Schritt: Aus Übersicht muss Orientierung werden

Transparenz ist notwendig, aber Transparenz allein erzeugt noch keine Vorsorge. Dafür braucht es Übersetzung. Die Rentenübersicht sollte nicht nur „Bausteine anzeigen“, sondern einmal im Jahr eine einfache, verständliche Leitfrage beantworten:

Was heißt das konkret für mich und was fehlt mir voraussichtlich?

Damit diese Frage nicht abstrakt bleibt, sollte die Digitale Rentenübersicht um Eingabefunktionen ergänzt werden, so intuitiv wie beispielsweise ein Zinsrechner. Nicht als Ersatz für Beratung, sondern als verständlicher Einstieg in die Berechnung der persönlichen Rentenlücke. Vermittler und Berater sollten mit Zustimmung des Kunden diese Möglichkeiten nutzen können, um es in die Beratung zu integrieren.

Was zum Beispiel ergänzt werden könnte:

  • Individuelle Ziel-Rente in heutiger Kaufkraft: Mit Hinweisen (vielleicht sogar Eingabemöglichkeiten), welche typischen Ausgaben mitzudenken sind, wie z.B. Miete, Krankenversicherung, Lebenshaltung, Reisen, usw.
  • Hochrechnung bis zum Rentenbeginn: Die individuelle Ziel-Rente wird bis zum Rentenbeginn inflationsbereinigt hochgerechnet, damit aus „heutigen Euro“ ein realistischer Zielwert wird.
  • Gegenüberstellung mit den erwartbaren Renten: Die zu erwartenden Leistungen (mit nachvollziehbaren und vor allem realistischen Annahmen zu Steigerungen und Renditen) werden dem Zielwert gegenübergestellt. Hierbei darf es sich nicht durch Utopie-Renditen schön gerechnet werden – auch nicht was die gesetzliche Rente angeht.

So steht am Ende eine Zahl, die jeder versteht: „Voraussichtliche Lücke: XXX Euro pro Monat.“ Das ersetzt keine Beratung. Aber es schafft den Moment der Klarheit.

Drei Konsequenzen, die jetzt zählen

Wir müssen den Zugang radikal vereinfachen: Rente ist schon komplex, der Zugang zu Informationen darf es nicht auch noch sein. Wenn die Eintrittstür zu schwer ist, kommt rein, wer ohnehin schon aktiv ist. Und es bleibt draußen, wer Orientierung am dringendsten braucht.

Wir müssen die Versorgungslücke als jährliche Routine sichtbar machen: Nicht als einmalige Kampagne, sondern als wiederkehrendes, verständliches Update: „So sieht es bei dir aktuell aus.“ Wir müssen die Rentenübersicht zum Rechner weiterentwickeln: Eingaben, Szenarien, einfache Stellhebel – mit Zustimmung auch nutzbar im Beratungsgespräch. Wer die Lücke sieht, braucht einen nächsten Schritt, der sich nach Handlung anfühlt und nicht nach noch mehr Information.

Nicht noch mehr Analyse – sondern weniger Hürden

Die DIA-Zahlen sind kein weiterer Weckruf. Davon hatten wir eigentlich auch genug. Sie sind ein Hinweis, dass wir in eine gefährlichere Phase rutschen: weg von der Unwissenheit und hin zur Resignation.Sorge ist da, aber Vorsorge resigniert.Und wenn wir diese Resignation nicht brechen, wird jede Debatte über Reformen zur Fußnote, weil sie an der entscheidenden Stelle scheitert: beim Machen.

Der Autor Dr. Guido Bader ist Vorstandsvorsitzender Stuttgarter Lebensversicherung a.G.


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