Iran-Krieg versetzt EZB in Alarmbereitschaft

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Krieg und Energiepreise erhöhen den Druck auf die EZB. Entscheidend sind Inflation, Wachstum und mögliche Zweitrundeneffekte.

Der Krieg mit Iran treibt Öl- und Gaspreise nach oben und belastet damit Inflation und Konjunktur in der Eurozone zugleich. Für die Europäische Zentralbank entsteht daraus ein Zielkonflikt, der rasch zur nächsten Belastungsprobe werden könnte.

Die Eskalation im Nahen Osten hat erhebliche Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte und die Weltwirtschaft. Normalerweise wird ein Fünftel der globalen Öl- und Gasnachfrage durch die Straße von Hormus verschifft, die jetzt jedoch nahezu komplett geschlossen ist. Die Energiepreise sind daher seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar sehr stark angestiegen. Der Preis für Brent-Öl liegt mehr als 60 Prozent über dem Niveau von kurz vor Kriegsausbruch und der Gaspreis für den europäischen Markt hat sich sogar um etwa 70 Prozent erhöht. Diese gestiegenen Energiepreise lassen die Inflation in der Eurozone steigen und trüben die Wachstumsaussichten ein. Für die Europäische Zentralbank ergibt sich daraus eine schwierige Situation. Steigende Inflationsraten verlangen nach einer strafferen Geldpolitik, während eine sich abschwächende Konjunkturdynamik eine lockere Geldpolitik erfordern würde. 

Gefahr, dass sich die Inflation verfestigt 

Eigentlich sollten Notenbanken bei angebotsseitigen Schocks wie dem derzeitigen hindurchschauen. Mit ihrer Zinspolitik kann die EZB nämlich lediglich die Nachfrage beeinflussen; die Preise an der Tankstelle werden sich durch eine striktere Geldpolitik nur schwerlich ändern. Ganz zurücklehnen wollen sich die Währungshüter aus Frankfurt jedoch nicht, denn die Erinnerungen an 2021/2022 sind noch frisch: Zunächst stiegen im Zuge des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine die Energiepreise, im weiteren Verlauf nahm aber der Inflationsdruck in der Breite zu und die Inflationsrate stieg im Herbst 2022 in den zweistelligen Bereich. 

2022er Gas-Schock ist aber nur bedingt vergleichbar 


Es gibt jedoch diverse Unterschiede zwischen der Situation vor vier Jahren und heute. Zum Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 lag die Inflationsrate in der Eurozone bereits bei über 5 Prozent. Im Zuge der vorherigen Corona-Pandemie waren die globalen Lieferketten temporär stark gestört. Hinzu kam, dass die Regierungen die durch die Pandemie geschwächte Wirtschaft mit großen Fiskalpaketen stützten, was die Nachfrage deutlich anziehen ließ. Während der Pandemie konnten insbesondere viele Dienstleistungen nicht konsumiert werden, sodass es in einigen Wirtschaftsbereichen eine aufgestaute Konsumnachfrage gab, die sich im Zuge der Lockerung der Coronabeschränkungen auf ein eingeschränktes Angebot traf. Hinzu kam die zu dieser Zeit sehr expansive Geldpolitik: Der Einlagesatz der EZB notierte bereits seit 2019 bei minus 0,5 Prozent. Durch all diese Faktoren braute sich 2022 ein perfekter Inflationssturm zusammen, während die EZB sich schwer tat, mit Leitzinsanhebungen zu reagieren.

Die Trägheit der Notenbank lag auch in der damals geltenden Forward Guidance begründet. Demnach waren Zinserhöhungen erst dann vorgesehen, wenn die langfristigen Inflationsprognosen deutlich über das Zwei-Prozentziel der EZB steigen sollten. Ein Korsett, das schnelle Zinsänderungen erschwerte. Zudem sollte die Zinspolitik den Anleihenkäufen nicht widersprechen. Der Leitzins sollte erst dann angehoben werden, wenn die Anleihenkäufe der EZB eingestellt waren. Anfang 2022 war die EZB aber noch im expansiven Modus und es dauerte bis zum Sommer 2022, bis das Anleihenkaufprogramm eingestellt wurde, wodurch der Weg für Leitzinsanhebungen frei gemacht wurde. 

EZB ist bereit zu handeln  

Die EZB hat aus diesem Fehler gelernt und ihre geldpolitische Strategie im Jahr 2025 so reformiert, dass sie nun flexibler und schneller auf eine Situation wie die aktuelle reagieren kann. Die Währungshüter hätten daher theoretisch bereits bei ihrer nächsten Sitzung am 30. April die Möglichkeit, auf die anziehende Inflation zu reagieren. Sie werden dies jedoch nur dann tun, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass der Inflationsschock durch die Energiepreise über indirekte oder Zweitrundeneffekte an Tiefe und Breite zunimmt. Indirekte Effekte beschreiben, dass Unternehmen ihre gestiegenen Kosten, die beispielsweise durch höhere Energiekosten oder durch Öl und Gas als Ausgangsstoffe für die Produktion entstehen, an die Kunden weitergeben. Zweitrundeneffekte sind hingegen größtenteils die Reaktion der Löhne und Gehälter auf die bereits gestiegene Inflation. Zweitrundeneffekte treten erst mit einiger Verzögerung auf.

Ob es zu diesen kommen wird, ist daher erst in einiger Zeit absehbar. Indirekte Effekte können hingegen schneller auftreten, auch wenn zumindest bei den Inflationszahlen für den März noch nichts davon zu sehen war. Zeitverzögert wird der Iran-Krieg neben den Energiepreisen aber auch andere Güter verteuern. Nahrungsmittelpreise könnten bei knappen Düngemitteln im Zeitverlauf anziehen, Kunststoffe, die auf Öl-Ausgangsstoffen basieren, werden teurer und höhere Transportkosten werden auf viele Waren durchschlagen. Je länger der Iran-Krieg andauert und die Energiepreise auf diesem hohen Niveau verweilen, desto wahrscheinlicher wird, dass sich die Inflation durch die indirekten und Zweitrundeneffekte verbreitert und festsetzt. Die EZB wird diese Entwicklung genau im Auge behalten. Sollte sich die Lage im Mittleren Osten zeitnah entspannen und die Energiemärkte sich beruhigen, besteht noch immer die Möglichkeit, dass die EZB den dann temporären Energiepreisschock durchschauen wird. Dieses Fenster wird aber mit jedem weiteren Kriegstag kleiner. 

Geldpolitik wird vom weiteren Verlauf des Krieges abhängen 


 Bei ihrer nächsten Sitzung am 30. April wird die EZB noch relativ wenige Informationen über indirekte Effekte haben. Die Inflationszahlen der Eurozone für April werden erst am Tag der Sitzung veröffentlicht. Ein umfassenderes Bild sowie neue Prognosen werden die Währungs-hüter daher erst bei der übernächsten Sitzung am 30. Juni haben. Wenn die EZB wirklich datenabhängig vorgehen will, wie sie mantrahaft behauptet, sollte sie bis zur Sitzung am 11. Juni warten, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Sollte sich der Konflikt entgegen unseren Erwartungen im April nicht beruhigen und die EZB zu einer Reaktion zwingen, erscheint insgesamt eine erste Leitzinsanhebung im Juni wahrscheinlicher als im April. Es sei denn, die EZB möchte ein Zeichen setzen und den Märkten signalisieren, dass sie aus ihren Fehlern aus dem Jahr 2022 gelernt hat und diesmal nicht zu spät reagieren wird. In diesem Fall könnte bereits im April ein Ausrufezeichen gesetzt werden. 

Autor Dr. Felix Schmidt ist Leitender Volkswirt bei Berenberg.

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