Kommt die Euro-Krise 2.0?

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Kommt die Euro-Krise 2.0, wenn die Europäische Zentralbank die Leitzinsen weiter anhebt? Das fragt Marcus Hüttinger, Marktstratege beim Vermögensverwalter GANÉ AG.

Am morgigen Donnerstag dürfte die Europäische Zentralbank ihre Inflationserwartungen für das Gesamtjahr 2022 erneut erhöhen und einen konkreten Zeitpunkt für eine erste Zinserhöhung nennen. Ein solcher Schritt ist dringend notwendig, denn die Teuerung kennt derzeit kein Halten. Im Mai hat der harmonisierte Verbraucherpreisindex HVPI, der die Gesamtinflationsrate in der Eurozone abbildet, einen neuen Rekord erreicht. 8,1 Prozent beträgt der Anstieg. Christine Lagarde persönlich führte der Öffentlichkeit in einem kürzlich veröffentlichten Blogbeitrag vor Augen, dass die langwierigen Lockdowns, die unterbrochenen Lieferketten, Chinas „Zero-Covid-Strategie“ und der Krieg in der Ukraine ursächlich für die momentane Situation aus aufgestauter Nachfrage und mangelndem Angebot sind.

Ein solch extremes Umfeld rechtfertigt aus Sicht der obersten europäischen Währungshüterin nicht nur weitere Schritte zur Normalisierung der Geldpolitik, es macht sie sogar unausweichlich. Im dritten Quartal 2022 dürfte daher neben der Beendigung der Nettokäufe von Anleihen durch das Asset-Purchase-Programme APP auch die erste Zinserhöhung anstehen. Das Ende der negativen Zinsen in Europa kommt in Sichtweite. Da sich wegen der Covid-Krise die Staatsverschuldung in der Eurozone aber nochmals deutlich erhöhte, fragen sich viele Marktteilnehmer: Sind Zinserhöhungen in Europa überhaupt möglich, ohne eine Euro-Krise 2.0 in den südeuropäischen Staaten auszulösen?

Kurzfristig ist nicht zu erwarten, dass ein Anstieg des Zinsniveaus größere Auswirkungen auf die Staatshaushalte der Eurozone haben wird. Die Gunst der Stunde im Niedrigzinsumfeld wurde von den meisten Staaten genutzt, um sich langfristig und günstig zu refinanzieren. Der durchschnittliche Refinanzierungssatz wird also erst einmal niedrig bleiben – unabhängig von den ersten Zinsschritten der Europäischen Zentralbank. Mittelfristig ist die Sorge vor höheren Zinskosten im Einzelfall aber berechtigt. Während Deutschland trotz der beispiellosen Hilfsmaßnahmen die Staatsverschuldung im Jahr 2021 nur auf etwa 70 Prozent der Wirtschaftsleistung erhöhte, weist Italien bereits einen Schuldenberg von über 150 Prozent auf. Im April brachte die italienische Regierung deswegen ein Stabilitätsprogramm auf den Weg, das die Staatsverschuldung bis zum Jahr 2025 auf 140 Prozent reduzieren soll.

Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des Programms ist allerdings ein nahezu unverändertes Wachstums- und Finanzierungsumfeld. Das ist zweifelhaft. Schließlich geht die Angst um, dass Europa in eine Rezession fallen könnte. Zu schwer könnten das Ende der lockeren Geldpolitik und ein möglicher Stopp der russischen Gaslieferungen wiegen. Einige Investoren ziehen daher die Stabilität einzelner Staatshaushalte in Zweifel. Das Barometer der Angst für festverzinste Anlagen, die Differenz der Rendite zwischen zehnjährigen deutschen und italienischen Staatsanleihen, ist seit Jahresbeginn von rund 130 auf über 200 Basispunkte gestiegen. Rapide Zinserhöhungen der Zentralbank in Kombination mit einer signifikanten Wachstumsabschwächung könnten dazu führen, dass der Schuldendienst für Staaten wie Italien mittelfristig stark ansteigt.

Auch Madame Lagarde ist sich dieser Gefahr bewusst. Deshalb hat sie in ihrem Blogbeitrag ebenso auf die Fähigkeit der Zentralbank verwiesen, neue Instrumente auf den Weg zu bringen, sollte der eingeschlagene Weg zur Normalisierung der Geldpolitik diese notwendig machen. Konkret könnte das ein „Ausstieg aus dem Ausstieg“ bedeuten. In diesem Fall müssten wohl neue Hilfsprogramme zur Reduzierung der Risikoaufschläge auf südeuropäische Staatsanleihen aufgelegt werden. Die eindeutig formulierte Hilfsbereitschaft der europäischen Währungshüter macht eine Eurokrise 2.0 bis auf Weiteres jedenfalls unwahrscheinlich. Deswegen hat GANÉ in kurzlaufende deutsche und spanische Staatsanleihen investiert. Der eingetretene Renditeanstieg und die hohe Liquidität machen die Papiere zu einem attraktivem Geldmarktersatz. Gleichwohl wissen wir um die Herausforderungen für die europäischen Staatshaushalte und halten uns deswegen von längeren Laufzeiten fern.

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