Mögliche Öl-Schocks: Wird Bitcoin zum Krisengewinner?

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Der Iran-Konflikt treibt Ölpreise und Inflationsrisiken. Welche Rolle Bitcoin in geopolitischen Krisen spielen könnte.

Die Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran erschüttert den Nahen Osten und lässt die Energiemärkte reagieren. Steigende Ölpreise, Inflationsrisiken und geopolitische Unsicherheit rücken auch Bitcoin wieder stärker in den Fokus der Investoren. Entscheidend wird sein, wie lange der Schock anhält.

Der jüngste militärische Schlagabtausch im Nahen Osten hat eine neue geopolitische Dimension erreicht. Ende Februar griffen die USA und Israel koordinierte Ziele im Iran an. Unter den Getöteten befand sich auch der iranische Revolutionsführer Ali Khamenei – ein Ereignis, das zu den gravierendsten politischen Erschütterungen in der Region seit dem Sturz Saddam Husseins zählt.

Mit seinem Tod gerät die Stabilität des iranischen Machtapparats ins Wanken. Auch wenn bereits eine Nachfolge für die Rolle des obersten Führers feststeht, bleibt unklar, wie geschlossen das Regime weiterhin agieren und welche Rolle der Iran in der Region künftig spielen wird. Der Konflikt ist damit nicht mehr nur ein militärischer Schlagabtausch – er könnte zu einem Wendepunkt für die politische Ordnung im Nahen Osten werden.

Eskalation entlang der Energieadern

Die iranische Antwort folgte rasch und zielte auf die empfindlichste Stelle der Weltwirtschaft: die Energieinfrastruktur des Golfs. Angriffe auf Anlagen in Saudi-Arabien sowie auf Tanker im Persischen Golf führten dazu, dass Versicherer ihre Deckung für Transporte durch die Straße von Hormus teilweise aussetzten. Mehrere Tanker wurden beschädigt, zivile Schifffahrt durch die Meerenge kam zeitweise nahezu zum Erliegen.

Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Energieadern der Welt. Rund ein Fünftel des global gehandelten Öls und große Mengen Flüssiggas passieren diesen engen Seeweg. Entsprechend sensibel reagieren Märkte auf jede Störung.

Die Folge war ein sprunghafter Anstieg der Energiepreise. Öl verteuerte sich innerhalb weniger Tage deutlich, während auch europäische Gaspreise und Frachtraten für LNG anzogen. Solche Bewegungen sind für Märkte nicht ungewöhnlich – entscheidend ist jedoch die Dauer des Schocks.


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Frühere Krisen im Golf führten meist nur zu kurzfristigen Preissprüngen, weil beschädigte Infrastruktur repariert werden konnte oder politische Spannungen rasch wieder abebbten. Dieses Mal steht jedoch nicht nur eine Anlage oder ein Tanker im Zentrum, sondern potenziell das gesamte politische Machtgefüge des Iran.

Warum der Ölmarkt für Bitcoin relevant ist

Geopolitische Konflikte werden an den Märkten selten direkt eingepreist. Investoren reagieren vielmehr auf ihre wirtschaftlichen Konsequenzen.

Im aktuellen Fall führt der wichtigste Übertragungsmechanismus über den Energiemarkt: Steigende Ölpreise wirken wie ein globaler Inflationsimpuls. Für Zentralbanken – insbesondere die US-Notenbank – bedeutet das weniger Spielraum für Zinssenkungen. Eine Phase, in der Wachstum schwächer wird, während gleichzeitig Energiepreise die Inflation antreiben, birgt das klassische Risiko einer Stagflation. Für Kapitalmärkte ist das eine schwierige Kombination. Liquidität bleibt knapp, während Unsicherheit steigt.

Historisch haben anhaltende Energiekrisen in solchen Situationen häufig Kapital in knappe, nicht staatlich kontrollierte Vermögenswerte gelenkt. In den 1970er Jahren profitierte davon vor allem Gold. Heute existiert mit Bitcoin erstmals ein digitaler Vermögenswert mit ähnlichen Eigenschaften – begrenztes Angebot, globale Handelbarkeit und Unabhängigkeit von staatlicher Geldpolitik.

Bitcoin als Rettungsanker im Inneren des Iran

Während internationale Investoren die geopolitischen Folgen abwägen, spielt Bitcoin im Iran selbst bereits eine deutlich praktischere Rolle.

Innerhalb weniger Tage nach Beginn der Angriffe stiegen die Abflüsse von Bitcoin aus iranischen Krypto-Börsen in private Wallets deutlich an. [1] Solche Bewegungen sind typisch für Krisensituationen: Nutzer ziehen ihre Vermögenswerte aus zentralen Plattformen ab und sichern sie selbst. Einmal mehr zeigt sich hier, dass Bitcoin für viele Menschen in Ländern mit Sanktionen, Kapitalverkehrskontrollen oder politischer Instabilität als zensurresistenter Wertspeicher dienen kann – unabhängig von Banken, nationaler Währung oder staatlichen Beschränkungen. Und gerade im Iran hat sich über die vergangenen Jahre eine parallele Kryptoökonomie entwickelt, die von privaten Nutzern ebenso wie von Unternehmen genutzt wird. In Zeiten politischer Unsicherheit wird dieser digitale Finanzraum besonders sichtbar. 

Zugleich soll aber auch erwähnt werden, dass der Bitcoin im Iran auch von anderen Quellen genutzt wird: So sind mittlerweile Krypto-Aktivitäten im Volumen von rund einer Milliarde Dollar in Netzwerken in Zusammenhang mit der Islamischen Revolutionsgarde im Iran nachgewiesen. Die Nutzung von Bitcoin durch diese auf westlichen Sanktionslisten befindliche Organisation stellt ein mögliches Problem für das Szenario der zunehmenden regulatorischen Einbettung von Krypto dar – obwohl  die illegale Nutzung dessen generell weltweit abnimmt. [2]

Märkte zwischen Inflationsangst und Unsicherheit

Die ersten Reaktionen an den globalen Märkten folgten dem bekannten Muster geopolitischer Krisen. Aktien gaben nach, Volatilität stieg, während Rohstoffe anzogen.

Auffällig war jedoch die Reaktion am Anleihemarkt: Statt zu fallen, stiegen die Renditen langfristiger US-Staatsanleihen zeitweise an. Ein solcher Verlauf deutet darauf hin, dass Investoren die Situation weniger als klassischen Sicherheits-Schock interpretieren – sondern als möglichen Inflationsimpuls durch steigende Energiepreise.

Bitcoin reagierte zunächst ebenfalls volatil und fiel kurzfristig unter wichtige Kursmarken auf bis zu 66.000 Dollar, stabilisierte sich jedoch relativ schnell wieder. In der Vergangenheit haben geopolitische Schocks häufig kurzfristige Rückgänge ausgelöst, gefolgt von schnellen Erholungen, sobald Märkte die makroökonomischen Folgen einpreisten – das zeigen die historischen Beispiele: So legte Bitcoin 30 Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine um 17 Prozent, binnen einen Monats nach der Krise im Nahen Osten 2023 um 25 Prozent, und kurz nach der US-Bankenkrise im März 2023 gar um 40 Prozent zu.

Strukturelle Faktoren bleiben intakt

Trotz der aktuellen Unsicherheit bleibt die grundlegende Marktstruktur von Bitcoin vergleichsweise stabil: Spekulative Übertreibungen wurden nicht erst jetzt, sondern schon in den vergangenen Monaten teilweise abgebaut, während institutionelle Investoren über börsengehandelte Bitcoin-ETFs weiterhin Kapital in den Markt lenken – allein zwischen 2. und 4. März über eine Milliarde US-Dollar. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass der Verkaufsdruck aus dem Mining-Sektor langsam nachlässt – ein Faktor, der historisch häufig mit neuen Akkumulationsphasen zusammenfiel.

In Kombination mit den makroökonomischen Entwicklungen ergibt sich ein vertrautes Muster: Liquiditätsschocks und geopolitische Spannungen führen kurzfristig zu Volatilität – langfristig können sie jedoch die Rolle knapper, nicht staatlicher Vermögenswerte stärken.

Gold spiegelt diese Entwicklung bereits wider. Ob und wann Bitcoin eine ähnliche Neubewertung erfährt, hängt maßgeblich davon ab, wie lange der aktuelle Energie- und geopolitische Schock anhält.

Ein Konflikt mit offenem Ausgang


Wie sich die Lage weiterentwickelt, hängt vor allem von einer politischen Frage ab: ob die neue Führung im Iran in der Lage sein wird, die Situation zu stabilisieren oder diplomatische Kanäle zu öffnen. Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, bleibt auch das Risiko einer längeren Störung im Energiemarkt bestehen. Für globale Märkte bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit über die Dauer des Schocks – und damit über seine wirtschaftlichen Folgen.

Für Bitcoin wiederum ist genau diese Unsicherheit historisch oft der Moment, in dem seine Rolle als alternatives, nicht staatliches Wertaufbewahrungsmittel stärker in den Fokus rückt.

Autor Adrian Fritz ist Chief Investment Strategist des Krypto-ETP-Emittenten 21shares.


[1] Vgl. https://www.elliptic.co/blog/iranian-cryptoasset-outflows-surge-700-percent-following-attacks

[2] Vgl. dazu https://www.trmlabs.com/reports-and-whitepapers/2026-crypto-crime-report

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