EXKLUSIV

Nachhaltigkeit in der Assekuranz: Kein Selbstläufer

Insbesondere Firmenkunden haben nach wie vor hohes Interesse an Produkten, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, vor allem in der betrieblichen Altersversorgung. Dies ist maßgeblich auf die regulatorischen Vorgaben zurückzuführen, welche die Unternehmen zu erfüllen haben, sagt ALH-Vertriebsvorstand Frank Kettnaker. „Für die meisten Privatkunden spielt der Faktor Nachhaltigkeit allerdings eine untergeordnete Rolle bei der Altersvorsorge. Höchste Priorität hat dabei immer noch der Faktor Sicherheit, dicht gefolgt von Renditechancen – insbesondere bei den jüngeren Kunden. Stehen sie vor der Wahl, entscheiden sich die meisten Privatkunden für das Altersvorsorgeprodukt mit den höchsten Renditechancen, selbst wenn es weniger Nachhaltigkeitsmerkmale berücksichtigt als ein anderes Produkt. So spiegeln es unsere Vertriebspartner aus ihren Beratungsgesprächen wider“, erklärt Kettnaker.

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement bei der Stuttgarter Lebensversicherung, bestätigt die Einschätzungen Kettnaker‘s in Teilen: „Eine YouGov-Studie im Auftrag der Stuttgarter habe ergeben, dass 46 Prozent der Deutschen Nachhaltigkeit in der Beratung für wichtig halten – und mehr als ein Drittel bereit ist, dafür Renditeeinbußen hinzunehmen. In der Praxis bleibt die Nachfrage allerdings volatil. So lag der Anteil der „Grüne Rente“ am gesamten Lebenneugeschäft laut Göhner 2024 bei 19,8 Prozent. Anders sieht es hingegen in der bAV aus. Hier lag der Anteil der der Grünen Rente am Neugeschäft bei 44 Prozent. Göhners Aussage zeigt jedoch aus: Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema, aber auch kein Selbstläufer.

Dr. Andreas Kick, Mitglied der Geschäftsführung des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung sieht die Branche an einem Übergangspunkt. „Nachhaltigkeit ist heute überall sichtbar, sowohl in den Strategien als auch in den Produktportfolios und den Geschäftsberichten. In diesem Sinne hat die Assekuranz ESG durchaus verinnerlicht.“ Was aus Sicht des Experten fehlt, ist die konsequente Übersetzung in den Alltag, vor allem in den Vertrieb und in die Kommunikation mit Kundinnen und Kunden. „Wir sehen in unseren Analysen und im Austausch mit den Versicherern, dass viele Unternehmen auf institutioneller Ebene gut aufgestellt sind: Sie haben Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt, das Sicherungsvermögen neu ausgerichtet und ESG-Prozesse etabliert.“ Gleichzeitig herrsche in der vertrieblichen Umsetzung aber eine gewisse Müdigkeit. „Das liegt weniger an Desinteresse, sondern an Komplexität, Regulierungsdruck und der Sorge, etwas falsch zu machen. Ich würde es so formulieren: Die Branche ist strategisch wach, aber operativ erschöpft. ESG ist angekommen, aber noch nicht wirklich verankert. Genau darin liegt aus unserer Sicht jetzt die Chance für die nächste Entwicklungsstufe“, so der IVFP-Nachhaltigkeitsexperte.

Ein zentrales Problem ist laut Will, dass Nachhaltigkeit in Versicherungsprodukten bislang kaum greifbar ist – weder für Kunden noch für Anbieter. „Viele Verbraucher nehmen kein Produkt als wirklich nachhaltig wahr, und weil die Nachfrage derzeit stagniert, bringen Versicherer nur zögerlich neue nachhaltige Tarife auf den Markt – ein klassisches Henne-Ei-Problem. Hinzu kommt, dass es bislang keine verbindliche Definition gibt, was eine „nachhaltige Versicherung“ eigentlich ausmacht oder welche Kriterien eine herkömmliche Police zu einem nachhaltigen Produkt werden lassen. Das erschwert Vergleiche und führt zu Unsicherheit, insbesondere wenn Anbieter mit grünen Versprechen werben“, sagt Will.

Der nachhaltige Wandel in der Kapitalanlage zählt zu den zentralen ESG-Hebel der Branche. „Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil unseres Kapitalanlageprozesses“, sagt Göhner. Im Rahmen der Grüne Rente investiert das Unternehmen gezielt in ökologische und soziale Projekte – von Windparks bis zu Sozialimmobilien. „Zugleich schließen wir Kategorien aus, die unseren ethischen Grundsätzen widersprechen – insbesondere Investitionen in kontroverse oder geächtete Waffen.“ Auch die SDK verfolgt einen konsequenten Nachhaltigkeitsansatz: „Wir schließen Investitionen in nicht nachhaltige, umweltschädliche oder ethisch problematische Unternehmen oder Staaten aus“, betont Meinhart. Neue Investments müssen mindestens den Anforderungen nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung entsprechen.

Umfassend zeigt sich auch der Ansatz der BarmeniaGothaer. „Wir verfolgen für unseren gesamten Kapitalanlagenbestand anlageklassenspezifische ESG-Strategien. Diese reichen von Ausschlusskriterien für besonders schwerwiegende Themen über die gezielte Auswahl von Emittenten unter Berücksichtigung ihrer Nachhaltigkeitsstrategien bis hin zum aktiven Dialog mit Unternehmen und externen Asset Managern“, erklärt erklärt Svetlana Thaller-Honold, Bereichsleiterin Nachhaltigkeitsmanagement bei der BarmeniaGothaer.

Svetlana Thaller-Honold, BarmeniaGothaer

Zudem engagiert sich die Gruppe mit gezielten Impact- und Themeninvestitionen für die Transformation der Realwirtschaft. „Unser Ziel ist es, bis Ende 2029 insgesamt zwei Milliarden Euro an entsprechenden Neuinvestitionen zu tätigen.“ Bei der Bewertung von Energieunternehmen orientiert sich die Gruppe an den wissenschaftlichen Grundlagen des Weltklimarats (IPCC) und nutzt als Mitglied der Net Zero Asset Owner Alliance deren Rahmenwerk für wissenschaftsbasierte Klimastrategien. „Wir sind überzeugt, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft ein zentraler Erfolgsfaktor und zugleich Grundlage für neue, zukunftsfähige Geschäftsmodelle ist“, sagt Thaller-Honold.

Auch bei der ALH-Gruppe gelten ebenfalls strenge Nachhaltigkeitsvorgaben. „Wir haben spezifische ESG-Anforderungen für jede Anlageklasse definiert. Emittenten, die diese nicht erfüllen, schließen wir aus“, erklärt Vertriebsvorstand Kettnaker. Investiert werde bevorzugt dort, wo hohe ESG-Standards erfüllt werden. Zudem übt die ALH über Stimmrechte in Zusammenarbeit mit Partnern wie Columbia Threadneedle aktiv Einfluss auf Unternehmen aus. Gleichzeitig mahnt Kettnaker Augenmaß an: „Die regulatorischen Auflagen binden unverhältnismäßig viele Ressourcen – insbesondere in der CSRD-Berichterstattung. Es ist unwahrscheinlich, dass der Endkunde einen über 100 Seiten langen Bericht liest.“ Die Branche brauche klare und praxisnahe Regeln, „die Orientierung schaffen statt Komplexität.“

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