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Novelle der ESG-Abfrage: Der entscheidende Schritt fehlt noch 

Sebastian Grabmaier
Foto: JDC
Sebastian Grabmaier, JDC: „Viel sinnvoller und zielgerichteter, vom ‚Zwang zur ESG-Abfrage‘ wegzugehen.“ 

Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind zuletzt allgemein etwas in den Hintergrund getreten.  Neben vermeintlich wichtigeren Aufreger-Themen liegt das in der Finanzberatung auch an überbordender Regulierung und Bürokratie. Bei letzterer will die EU gegensteuern, hat aber bislang einen wichtigen Punkt vergessen.

Trump schickt US-Militär nach Venezuela und lässt den dortigen Präsidenten in die USA schaffen. Trump will Grönland. Trump schickt eine Riesen-Armada Richtung Iran. Trump schlägt sich im Krieg Russlands gegen die Ukraine heute auf die eine, morgen auf die andere Seite, Trump wirft mit Mega-Zöllen um sich, Trump bedroht wahlweise Kanada, Kuba, Kolumbien oder Mexiko. Das sind nur einige der Aufreger-Themen der vergangenen Wochen, mit denen US-Präsident Donald Trump die Welt in Atem hält – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes täglich.

So wundert es nicht, dass ein anderer Themenkomplex, der nicht minder existenziell ist, zuletzt etwas in den Hintergrund getreten ist: Klimaschutz und generell Nachhaltigkeit, auch bekannt unter dem englischen Kürzel ESG. Auch in der Finanzberatung hat das Thema an Bedeutung verloren. Das liegt indes nicht nur an Trump, sondern auch an der komplizierten Regulierung, vor allem in Bezug auf die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden durch den Vertrieb. Diese Extra-Schleife ist auch für gewerbliche Vermittler bei der Beratung zu Finanzanlagen und Versicherungen mit Anlagecharakter seit April 2023 beziehungsweise August 2022 vorgeschrieben. 


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Demnach muss der Vertrieb abfragen, ob der Kunde oder die Kundin Präferenzen in Bezug auf die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) oder die EU-Taxonomie hat und welche als nicht-nachhaltig eingestuften Merkmale der Kapitalanlage beziehungsweise der damit finanzierten Aktivitäten er oder sie ablehnt (Principal Adverse Impacts, kurz PAI). Dazu kommen Prozentsätze, welcher Mindestanteil des Investments der jeweiligen Vorgabe entsprechen muss. Der Vermittler darf dann nur entsprechende Produkte vorschlagen. 

Hyper-kompliziert und unverständlich

Das alles ist nicht nur hyper-kompliziert und versteht kaum jemand. Es führt auch dazu, dass unter Umständen kein Produktangebot mehr verfügbar ist oder es so zusammenschrumpelt, dass Punkte wie Rendite, Risiko und Liquidität, die für eine Kapitalanlage schließlich auch nicht so ganz unwichtig sind, nicht mehr vernünftig abgedeckt werden können. 

So ist die anfängliche allgemeine Zustimmung zu dem grundsätzlichen Ansatz längst in Ernüchterung umgeschlagen. Doch welchen Stellenwert hat das Thema ESG noch bei den Vertriebspartnern und den Kunden? „Unserer Erfahrung nach sind die Menschen nach wie vor an ESG-orientierten Anlage- oder Vorsorgelösungen interessiert“, antwortet Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstandsvorsitzender des Maklerpools Jung, DMS & Cie. (JDC). Dass dennoch die Nachfrage nachgelassen hat, habe mehrere Gründe: „Erstens dominieren seit geraumer Zeit geopolitische Krisen die öffentliche Diskussion, zweitens leidet das Thema Klimawandel immer stärker unter politischem Gegenwind und letztlich fehlt vielen Interessierten das nötige Wissen für eine nachhaltige Geldanlage“, so Grabmaier. 

„Prozess sehr zeitaufwändig und wenig zielführend“

Insofern habe das Thema ESG bei den Vertriebspartnern nach wie vor hohe Priorität. „Allerdings wird der gesamte Beratungsprozess – Stichwort Nachhaltigkeitspräferenz-Abfrage – bei Beratern und Kunden als sehr zeitaufwändig und wenig zielführend empfunden“, kritisiert Grabmaier. 

Das bestätigt auch Dr. Matthias Wald, Leiter Finanzvertriebe bei Swiss Life Deutschland: „Unsere eigene Nachhaltigkeitsstudie verdeutlicht, dass das grundsätzliche Interesse an nachhaltigen Finanzprodukten vorhanden ist. Der gesetzlich erzwungene Beratungsprozess wird jedoch als kompliziert empfunden.“ Die letzte Studie von Swiss Life aus 2024, also noch vor Trumps zweitem Amtsantritt,  zeigt demnach ein differenziertes Bild. „Das Thema Nachhaltigkeit rückt tendenziell bei den 18- bis 30-Jährigen etwas in den Hintergrund (minus fünf Prozent)“, berichtet Wald. „Diese Entwicklung spiegelt sich auch in unserer Beratungspraxis wider – andere Themen wie Inflation und geopolitische Unsicherheiten dominieren derzeit die Gespräche mit Kundinnen und Kunden“, sagt er. 

Klare Generationenunterschiede

Dabei zeigen sich klare Generationenunterschiede: „Während Nachhaltigkeit im Kontext Finanzanlagen nur 29 Prozent der über 45-Jährigen wichtig ist, bleibt ESG-Konformität für die Generation Z mit 45 Prozent am wichtigsten. Bereits 21 Prozent der jungen Erwachsenen besitzen mindestens eine nachhaltige Geldanlage, weitere 38 Prozent können es sich vorstellen“, berichtet Wald.

Das Thema ist also keineswegs tot. Vielmehr hat es vor allem in der jungen Generation weiterhin einen hohen Stellenwert und auch die komplizierte Nachhaltigkeitsabfrage wurde inzwischen so gut wie möglich in die Prozesse integriert. „Technisch funktioniert das sehr gut: Unsere Vertriebe nutzen eine benutzerfreundliche Fragestrecke in der Beratungssoftware mit verständlichen Begriffen und Erklärungen. Wir haben den Vertrieb umfangreich geschult und bieten kontinuierliche Weiterbildungen auf unserer Lernplattform an“, berichtet Wald.

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