Ölpreis, Tech-Bewertungen, Kreditmarkt: Warum Anleger jetzt genauer hinsehen sollten

Benjamin Bente
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Benjamin Bente, Vates Invest

Die Märkte reagieren bislang erstaunlich ruhig auf die Eskalation im Nahen Osten. Doch genau diese Gelassenheit könnte das Risiko unterschätzen. Entscheidend ist nun, ob aus geopolitischer Spannung ein wirtschaftlicher Schock wird.

Die Kapitalmärkte reagieren bislang erstaunlich gelassen auf die geopolitische Eskalation im Nahen Osten. Zwar hat der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran den Ölpreis spürbar steigen lassen und in einzelnen Marktsegmenten – etwa bei koreanischen Aktien oder kurzfristigen europäischen Staatsanleihen – für deutliche Ausschläge gesorgt. Insgesamt bleibt die Marktreaktion jedoch bemerkenswert geordnet.

Gerade diese Ordnung könnte das eigentliche Risiko darstellen. Märkte funktionieren derzeit noch weitgehend normal – Risikoaufschläge bleiben moderat, größere Verwerfungen sind bislang ausgeblieben. Doch genau diese Stabilität kann trügerisch sein. Sie spiegelt nicht zwingend eine stabile Lage wider – sondern möglicherweise nur das Fehlen eines Auslösers, der die Neubewertung von Risiken in Gang setzt. 

Der Ölpreis als entscheidender Makro-Trigger

Der zentrale Faktor bleibt der Ölpreis. Solange er sich um 100 Dollar pro Barrel bewegt, bleibt die Belastung für die Weltwirtschaft begrenzt. Historisch zeigen makroökonomische Modelle jedoch, dass ein Preis von 120 bis 130 Dollar zur spürbaren Wachstumsbremse werden kann – denn Energie wirkt wie eine globale Steuer auf Konsum und Produktion. Sie verteuert Transport, Industrie und Heizung gleichzeitig und trifft damit Unternehmen wie Haushalte gleichermaßen.


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In einem Eskalationsszenario könnten die Preise jedoch deutlich stärker steigen. Einige Marktstrategen modellieren inzwischen Szenarien mit Ölpreisen von bis zu 200 Dollar pro Barrel. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Strait of Hormuz: Durch diese Meerenge fließen rund 20 Prozent des globalen Ölhandels sowie etwa ein Viertel der weltweiten LNG-Exporte. Eine längerfristige Blockade würde einen der größten Angebotsschocks am Energiemarkt seit den Ölkrisen der 1970er-Jahre bedeuten – mit kaum kalkulierbaren Folgewirkungen für die Weltwirtschaft.

Mehrere Risikofaktoren treffen gleichzeitig aufeinander

Die geopolitische Eskalation trifft auf ein ohnehin fragiles Marktumfeld – und das ist das eigentlich Beunruhigende.

Die Bewertungen vieler Technologieunternehmen bleiben hoch. Die sogenannten „Magnificent Seven“ stehen inzwischen für rund ein Drittel der Marktkapitalisierung des S&P 500 – eine Konzentration, die historisch selten war und das Indexrisiko strukturell erhöht. Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf eine Abschwächung des US-Arbeitsmarktes, der bislang eine wichtige Stütze für das globale Wachstum darstellte.

Hinzu kommt ein Faktor, der noch zu wenig Beachtung findet: der rapide gewachsene Private-Credit-Markt. Dieses Segment hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf ein Volumen von rund drei bis dreieinhalb Billionen Dollar ausgeweitet – bei gleichzeitig zunehmenden Berichten über schwächere Kreditqualität, aggressive Finanzierungsstrukturen und eingeschränkte Liquidität für Investoren. Sollten erste Fonds beginnen, Rücknahmen zu begrenzen, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen, die weit über den Private-Credit-Markt hinausgeht.

Ein Marktumfeld ohne klare historische Vorlage

Historische Vergleiche helfen in dieser Situation nur begrenzt. Die aktuelle Konstellation ähnelt weder eindeutig den Ölkrisen der 1970er-Jahre noch der Technologieblase um die Jahrtausendwende noch der Finanzkrise von 2008. Vielmehr entsteht eine Kombination aus geopolitischen Spannungen, hohen Sektorkonzentrationen und strukturellen Kreditrisiken – Faktoren, deren Wechselwirkungen schwer zu modellieren sind.

Das macht klassische Prognosen unzuverlässig. Wer heute mit Punktschätzungen arbeitet, unterschätzt die Bandbreite möglicher Szenarien. 

Szenariodenken statt Prognosen – und Portfolios, die beides aushalten

In einem solchen Umfeld verschiebt sich die entscheidende Frage: nicht mehr „Was wird passieren?“, sondern „Wie robust ist mein Portfolio gegenüber unterschiedlichen Entwicklungen?“

Die Erfahrung zeigt, dass Märkte häufig davon ausgehen, dass sich Krisen letztlich beruhigen. Manchmal stimmt das – manchmal nicht. Die derzeitige Stabilität sollte deshalb nicht als Entwarnung interpretiert werden. Sie könnte ebenso gut die Ruhe vor einer abrupten Neubewertung von Risiken sein.

Für Investoren bedeutet das konkret: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Portfolios auf ihre Krisenresistenz zu prüfen – bevor ein externer Schock diese Prüfung erzwingt. Der Vates Parade Fonds ist genau für dieses Umfeld konzipiert. Das Herzstück ist die Vates Ampel: Sie analysiert börsentäglich ein breites Spektrum makroökonomischer Indikatoren und steuert die Netto-Aktienquote aktiv – mit dem Ziel, in positiven Marktphasen zu partizipieren und Verluste in Bärenmärkten konsequent zu begrenzen. Über verschiedene Marktzyklen hinweg hat dieser Ansatz gezeigt, dass Stabilität und Renditepotenzial kein Widerspruch sein müssen.

Denn solange der Konflikt im Nahen Osten nicht klar eingehegt ist, bleibt eine zentrale Frage offen: ob die Energieversorgung der Weltwirtschaft stabil bleibt – oder ob ein geopolitischer Schock plötzlich aus einem geordneten Marktumfeld eine Phase deutlich höherer Volatilität macht.

Autor Benjamin Bente ist Geschäftsführer und Portfoliomanager des Vates Parade Fonds bei Vates Invest.

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