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Zwischen Versicherer und Plattformanbieter: Interview mit Neodigital CEO Stephen Voss

Zur HUK: Es gab anfangs keine aktuarielle Verbindung, keine Verbindung der Schadenservices. Eine tiefere Zusammenarbeit hatten Sie aber auch nicht ausgeschlossen. Wo stehen Sie heute?

Voss: Wir haben im Jahr 2025 unseren Anteil am gemeinsamen Risikoträger an die HUK zurückverkauft – zum Jahresende ist das komplett abgeschlossen. Die Neodigital Autoversicherung AG ist heute eine 100-Prozent-Tochter der HUK. Damit war der Schritt auf die Pricing-Expertise rechtlich auch einfacher, weil es ein Unternehmen der HUK ist. Wichtig ist aber die Unterscheidung: Wir haben unseren Anteil am juristischen Risikoträger veräußert. Alles andere – Technik, Plattform, API-Schnittstellen zum Markt, Vertrieb, Operations, Schaden, Service – machen wir weiterhin. Wir betreiben das komplette Modell und werden dafür am Beitrag vergütet. Und vertraglich ist das langfristig so gesichert, dass es nicht morgen „Hahn zu, Ende“ heißt. Für uns ist das ein sehr gutes Modell: Wir bleiben nah am Geschäft, ohne dass wir in eine Eigenkapitalspirale geraten, die uns irgendwann überfordert.

Sie sagten, die Combined Ratio im Kfz bewegt sich in Richtung Markt. Gleichzeitig sehen wir hohe Werkstattpreise und Inflation. Wie stellen Sie Verlässlichkeit sicher?

Voss: Final ist es noch nicht, aber wir bewegen uns in die Richtung 100 – nicht bei 260 Prozent wie das bei anderen Insurtechs in der Vergangenheit gern mal der Fall war. Wir schwimmen mitten im Markt. Zur Verlässlichkeit: Herstellerpreise können wir nur begrenzt beeinflussen. Wenn BMW in der Spitze 80 Euro pro Viertelstunde nimmt, nimmt BMW 80 Euro. Was wir beeinflussen können, ist Geschwindigkeit und Prozessqualität. Je schneller wir von der Schadenmeldung zur Bearbeitung kommen, desto geringer ist die Gefahr, dass dazwischen Zusatzkosten entstehen – etwa in Form von Mietwagen. Bei Glasschäden geht es um schnelle Reparatur, Partnernetzwerke, Rahmenverträge. Und insgesamt: Geschwindigkeit in der Schadenbearbeitung. Da hilft ein digitales System, digitale Kommunikation mit dem Kunden und mit Dienstleistern.

Wetter können wir nicht beeinflussen. Und ja: 2025 war bei Sturm, Hagel und Überschwemmung ein gutes Jahr. Da schlagen sich viele Versicherer auf die Schulter – aber auch das Positive kann man nicht „machen“. Der Unterschied ist: Wenn Prozesse und Portfolios im Griff sind, werden gute Jahre sehr gut – und schlechte Jahre weniger schlecht.

Was werden eigentlich die kommenden Treiber im Kfz-Markt sein?

Voss: Telematik wird wieder auf die Agenda kommen – aber vor allem, weil Fahrzeuge vernetzter werden. Wir hatten in den letzten Jahren technologische Krücken: Dongles, Handy-Tracking. Das Handy bleibt wichtig, aber eher als Überträger. Die Daten entstehen im Fahrzeug. Der große Treiber wird sein, wie Versicherer auf diese Vernetzung zugreifen können.

Und dann die Gretchenfrage: Wird Fahren durch Technik sicherer? Ja. Werden die wenigen Unfälle dafür teurer, weil Sensorik, Kameras, Assistenzsysteme kaputtgehen? Ebenfalls möglich. Ob die sinkende Schadenhäufigkeit die höheren Reparaturkosten überkompensiert oder nicht – das werden wir sehen. Das ist noch Glaskugel.

Themenwechsel: Embedded Insurance wurde oft als Wachstumsmotor gehandelt. Sie haben dazu auch einen Gastbeitrag gemacht. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Warum?

Voss: Embedded ist im Kern ein Convenience-Produkt: Ich kaufe etwas, und die passende Absicherung ist direkt dabei. Ein gutes Beispiel: ein teures Fahrrad. Der Händler hat meine Daten, weiß, wo ich wohne, und bietet mir für 130 Euro im Jahr Diebstahlschutz plus X an. Das funktioniert. Die Idee, Embedded auf alles zu übertragen, scheitert häufig an der Integration. Der Retailer hat erst mal andere Prioritäten: verkaufen, liefern, Kosten im Griff behalten. Dann kommt: „Schnittstelle, Daten, Programmierung – machen wir irgendwann.“ Wir hatten mal ein Embedded-Projekt mit einem Grillanbieter. Dann stand ein Containerschiff, die Ever Given, im Suez-Kanal quer, und der sagte: „Leute, ich programmiere gar nichts, ich habe noch nicht mal Ware.“ Da sehen Sie: Interessenslage.

Embedded hat große Chancen – wenn die Integration wirklich niedrigschwellig ist und beide Seiten es wollen: Versicherer, der liefert, und Plattform, die es auch so einbaut, dass es dem Kunden Spaß macht.

Das klingt nach einem Henne-Ei-Problem.

Voss: Ist es auch. Und die Realität ist: Selbst beim Auto – dem naheliegendsten Embedded-Case – kriegen wir es seit Jahrzehnten nicht sauber hin. Der Autoverkäufer weiß, wo Sie wohnen, was Sie verdienen, was das Auto kostet. Ein Angebot wäre so einfach. Und trotzdem schicken viele Händler den Kunden wieder zum Makler. Es wäre wirklich nicht kompliziert.

Nächstes Stichwort: Ökosysteme. Auch da ist es sehr ruhig geworden. Woran liegt’s?

Voss: Ich glaube, Ökosysteme sind häufig eher Informations- und Inspirationsräume. Nehmen Sie Vanlife-Communities: Da informieren sich Leute, aber der Abschluss einer entsprechenden Versicherung ist selten wirklich integriert. Oder Hausbau-Ökosysteme: Bausparen, Finanzierung, Handwerker, Versicherung – das wurde oft versucht, ist aber nicht geflogen. Viele Kunden nutzen solche Seiten, um sich zu orientieren. Aber ob sie dort dann auch nachgelagerte Versicherungen abschließen, ist eine andere Frage.

Und zusätzlich: Medienverhalten hat sich verändert. In ein Forum muss ich rein, mich registrieren, mich anmelden, suchen. Heute geben Sie „Hausbau“ ein, bekommen Reels – drei Minuten Konsum. Das verändert, wie Menschen sich informieren und entscheiden.

Haben Sie selbst versucht, ein Ökosystem aufzubauen? Und welches könnte funktionieren?

Voss: Nein. Und ehrlich: Wenn überhaupt, dann wieder Auto – Deutschlands liebstes Kind. Aber selbst da fliegt wenig. Wo es funktionieren kann, sind klare Points of Sale: Ein großer Fahrradversender wie Canyon, der hohe Stückzahlen verkauft, eine klare Customer Journey hat – da kann Embedded oder ein Mini-Ökosystem funktionieren. Bei Sportschuhen sehe ich es eher nicht.

Thema KI. Sie sagten 2024, Automatisierung und KI seien nicht das große Problem der nächsten Jahre – wegen Demografie und Personalmangel. Was ist heute der größte Flaschenhals?

Voss: KI wird kommen, sie ist unumgänglich. Ich war kürzlich bei Microsoft in München und habe gesehen, was dort mit Versicherern passiert. Und ja: Die Angst vor KI ist aus meiner Sicht kleiner als die Angst vor Demografie. Wir bekommen die qualifizierten Mitarbeiter am Markt nicht mehr. KI wird dort wachsen, wo sie wiederkehrende Aufgaben intelligent automatisiert. Ein Beispiel: Ein Kunde schickt eine Schadenmeldung per E-Mail und nennt eine falsche Schadennummer. Normalerweise müsste ein Mitarbeiter recherchieren: Wer ist das, was hat der versichert, welcher Vertrag passt? Eine KI kann das heute: Sie erkennt den Schadenkontext, sucht über die E-Mail-Adresse den Vertrag, prüft Plausibilitäten, ordnet zu – und entlastet damit qualifizierte Mitarbeiter, die sich dann auf komplexe Fälle konzentrieren. Der Flaschenhals ist: KI kann nur so gut arbeiten, wie die Informationen digital und strukturiert vorliegen. Wenn E-Mails, Dokumente, Vertragsdaten nicht sauber verknüpft sind, kann die KI nicht zaubern. Wir müssen Prozesse so bauen, dass Daten auffindbar, maschinenlesbar und konsistent sind. Und wenn der Kunde merkt, dass es schneller und besser geht, hört die Grundsatzdiskussion ohnehin auf.

Wo nutzt Neodigital KI bereits konkret?

Voss: Vor allem im Schadenbereich: Beurteilung der Situation, Analyse von Schadenfotografie, Erkennen von Mustern. Dazu Betrugsprävention – ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Wir prüfen manipulierte Bilder, Geodaten, Zeitstempel. Und wir prüfen auch, ob ein Bild zum angegebenen Schadenzeitpunkt passt. Außerdem nutzen wir KI in der Kundenkommunikation. Kunden schicken uns Freitext – per App, Portal, E-Mail. Wir analysieren Inhalte und erstellen Antworten, die besser passen als reine Textbausteine. Das bauen wir weiter aus.

Bedeutet das, KI übernimmt Aufgaben, während Menschen wegfallen – weil sie in den Ruhestand gehen?

Voss: Genau. KI wird in der Versicherung aktuell eher Arbeitskraft ersetzen, die wir sonst gar nicht mehr bekommen. Natürlich: Wer komplett analog arbeitet, wird über Automatisierung auch Stellen verlieren. Aber im Großen brauchen wir KI, um Qualität und Geschwindigkeit zu halten – bei weniger Personal und steigenden Erwartungen, die Kunden aus anderen Industrien längst gewohnt sind.

Wo braucht es den Menschen zwingend – wo können Sie definitiv nicht verzichten?

Voss: Wir werden hybride Rollen sehen: Mensch plus KI. Den Menschen braucht es weiterhin bei komplexen Entscheidungen, bei Fällen mit viel Kontext und Verantwortung. Beispiel Unfall: schwere Schäden, Leistungsfragen, Abwägungen – da ist heute noch der Mensch gefragt.

Und wir brauchen den Menschen auch im Vertrieb bei komplexen Produkten: Wohngebäude, Berufsunfähigkeit. Information kann Komplexität reduzieren, aber emotionale Dissonanz – „Treffe ich die richtige Entscheidung?“ – löst ein Mensch heute oft besser auf. Gleichzeitig: Wenn es bequem ist, wird der Kunde KI nutzen. Für eine Hundeversicherung will nicht jeder einen Termin. Bei wirklich komplexen Vorsorge- oder Gesundheitsfragen wird es oft weiter das Gespräch geben – auch wenn die Vorauswahl automatisiert ist.

KI-generierter Betrug: Ist das ein Kostentreiber?

Voss: Es ist ein Thema, und es nimmt zu – vor allem bei Kleinschäden. Das Missverständnis ist: Es geht nicht um den einen großen 15.000-Euro-Schaden. Es geht um Masse. Kleinschäden lassen sich in großer Zahl produzieren und an viele Versicherer schicken. Wenn von 300 Einreichungen zwei bezahlt werden, lohnt es sich. Früher manipulierte man aufwendig einen großen Schaden. Heute skaliert man Kleines.

Sie sagten 2024, Konsolidierung findet statt. Sie sagten auch: Kleinere Versicherer ohne hohe Tech-Investitionen werden es schwer haben. Was ist aus Ihrer Sicht das wahrscheinlichste Szenario in den nächsten vier Jahren: mehr Run-offs, mehr Plattformpartnerschaften oder echte Fusionen? Und wie positionieren Sie sich?

Voss: Ich glaube, wir sehen mehr Fusionen. Barmenia/Gothaer, Stuttgarter/SDK – solche Beispiele werden mehr. Ich glaube weniger an „Exits“ im Sinne von „macht zu“. Ein Versicherer wird eher verkauft und integriert. Wir positionieren uns dort, wo Versicherer technisch eine Chance haben, sich zu modernisieren. Bei Fusionen treffen Systeme aufeinander, die nicht sofort harmonieren. Da sehen wir uns als Brückentechnologie oder auch als Zielarchitektur: „Damit der Laden läuft, legen wir das erst mal auf die Neodigital-Plattform – und dann lösen wir es sauber.“ Unser Ziel ist natürlich, dass das dann final mit uns passiert, aber es gibt beide Varianten. Ich schaue vor allem auf Sach aber auch Kranken ist im Kommen. Kleine Versicherer werden geschluckt. Mittelgroße mit guten Netzwerken, aber zu klein für die langfristige Systemlast, gehen eher in Fusionen. Und in diesem Kontext werden technische Lösungen notwendig – Kernsysteme, Schaden, Service, Operations. Außerdem werden wir sehen, dass Versicherer sich von Sparten trennen: entweder verkaufen oder weiter betreiben, aber nicht mehr zwingend auf eigener Plattform. White-Label kann da ebenfalls eine Rolle spielen.

Abschließende Frage: Sie sind Versicherer und Technologieanbieter. Wo liegt Ihr strategischer Schwerpunkt 2026 und 2027?

Voss: Erstens: Der Risikoträger soll in der Combined Ratio weiterhin gut dastehen – also Rentabilisierung statt Wachstum bis zum Anschlag. Zweitens: Technologie. Im Moment sind unsere Versicherungsumsätze noch deutlich größer als die Technologieumsätze – ungefähr Faktor drei. Aber 2027 kann das erste Jahr sein, in dem wir ähnlich große Umsätze in Technologie wie im Risikoträger haben. Langfristig wird der Technologie-Teil größer sein. Davon gehe ich fest aus.

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