Hoffnungsträger Klimawandel?

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Europa klimaneutral machen und die Finanzberatung nachhaltig ausgestalten.

Millionen Menschen sind in Kurzarbeit. In der Folge kürzten oder strichen die Betroffenen in den Monaten März und April vor allem die Sparraten für die Altersvorsorge. Eine fatale Entwicklung, die dringend korrigiert werden muss. Warum ausgerechnet unser Umgang mit dem Klima und der Kampf dagegen die Wende bringen könnte.

Millionen Menschen sind in Kurzarbeit. In der Folge kürzten oder strichen die Betroffenen in den Monaten März und April vor allem die Sparraten für die Altersvorsorge. Eine fatale Entwicklung, die dringend korrigiert werden muss. Warum ausgerechnet unser Umgang mit dem Klima und der Kampf dagegen die Wende bringen könnte.

Die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von INSA Consulere, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) unlängst durchgeführt wurde, sind erschreckend. Danach hatten 20 Prozent der Befragten in den beiden zurückliegenden Monaten weniger Einkommen, weil das Gehalt aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung beziehungsweise die Einnahmen aus selbstständiger Tätigkeit teilweise oder ganz entfallen sind. Auf 64 Prozent traf dies allerdings nicht zu, sie hatten keine Einkommenseinbußen. Der Rest machte entweder keine Angaben dazu oder es fehlte der genaue Überblick über die Finanzen.

Je größer der Haushalt, desto häufiger verzeichneten die Befragten niedrigere Einkünfte. Während nur 17 Prozent der Ein-Personen-Haushalte im März oder April von Einkommenseinbußen betroffen waren, steigt der Anteil kontinuierlich bis auf 28 Prozent bei Haushalten mit vier Personen an. Offenkundig mussten Eltern wegen der häuslichen Betreuung der Kinder Abstriche an der Erwerbstätigkeit machen. Ebenso hatten Teilzeitbeschäftigte deutlich häufiger (31 Prozent) Einkommensminderungen hinzunehmen als Vollzeitbeschäftigte (24 Prozent).

Von den Befragten, deren Einkünfte niedriger als gewöhnlich waren, mussten acht Prozent ihre Mietzahlungen aufschieben.
13 Prozent ließen Versicherungsverträge beitragsfrei stellen oder kündigten sie sogar. Am häufigsten fiel die Altersvorsorge der schlechteren Einkommenssituation zum Opfer: 19 Prozent kürzten die Sparrate für die Absicherung im Alter oder stellten das Sparen vorerst ganz ein.

Bestehende Verträge nicht ganz aufgeben

“Die Altersvorsorge ist offenkundig einer der Posten, die bei einem finanziellen Engpass zuerst infrage gestellt werden”, erklärte Klaus Morgenstern, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). “Kürzungen bei diesen Verträgen entfalten in aller Regel erst in ferner Zukunft ihre Wirkung und fallen damit leichter.”

Das DIA rät, in solchen Situationen die bestehenden Verträge nicht ganz aufzugeben, sondern allenfalls die Einzahlungen auszusetzen und später nach einer Verbesserung der finanziellen Lage wieder aufzunehmen und am besten die ausgefallenen Raten nachzuholen.

Blickt man auf das Verhalten von Frauen und Männern in Sachen Altersvorsorge, fördert die Corona-Pandemie weitere eklatante Unterschiede zutage. Obwohl Männer und Frauen gleichermaßen von den beruflichen Auswirkungen wie Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen sind, treten Frauen laut einer Umfrage von Fidelity International unter 1.000 Berufstätigen, durchgeführt von Kantar Emnid deutlich stärker auf die Ausgabenbremse. So reduzieren 40 Prozent der Frauen ihre Konsumausgaben im Vergleich zu 25 Prozent der Männer. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei größeren Anschaffungen, die 26 Prozent der Frauen im Vergleich zu 15 Prozent der Männer aufschieben wollen.

Beunruhigend ist laut Fidelity, dass Frauen auch deutlich häufiger ihre Altersvorsorge kürzen oder aussetzen wollen als Männer (14 Prozent der Frauen, im Vergleich zu vier Prozent der Männer). Jeder zweite Befragte gab an, dass sich seine Sicht auf die Altersvorsorge geändert hat. Immerhin planen nur wenige Menschen (drei Prozent), dauerhaft weniger zu sparen oder weniger fürs Alter vorzusorgen.

Auch wenn diese Umfragen nur Momentaufnahmen sind und stark durch die Eindrücke der Corona-Pandemie geprägt sind, wird dennoch deutlich: Für viele Deutsche scheint die Altersvorsorge – sicherlich auch befördert durch die bereits seit mehr als zehn Jahren anhaltende Niedrig- oder Nullzinsphase – zur Disposition zu stehen. Einzig Wohneigentum scheint von dieser Entwicklung ausgenommen. Das zeigt eine Umfrage der Fortis AG. So gaben 42 Prozent der Befragten an, Wohneigentum sei für sie ein Sicherheitsfaktor in Krisenzeiten, wohingegen nur elf Prozent es als einen Unsicherheitsfaktor in Krisenzeiten bewerten. Insgesamt antworteten 52 Prozent der Umfrageteilnehmer auf die Frage, ob der Besitz von Wohneigentum durch die Corona-Krise für sie generell attraktiver werde, mit Ja, während 30 Prozent mit Nein antworteten. Die Unsicherheit in Corona-Zeiten ist groß, dennoch sehen 27 Prozent der Befragten im Moment günstige Einstiegschancen und würden gerade jetzt in Wohneigentum investieren.

Ein neuerlicher Schub für das Thema Altersvorsorge auch im kapitalmarktnahen Bereich etwa bei Fonds oder Fondspolicen könnte ausgerechnet durch den Klimawandel kommen. Nicht erst seit “Fridays for Future” steht Nachhaltigkeit in allen Bereichen von Gesellschaft und Wirtschaft gerade bei jungen Menschen ganz oben auf der Agenda.

Sensibilität aller Beteiligten erhöht

Und auch die Politik – allen voran die EU-Kommission unter ihrer Chefin Ursula von der Leyen – scheint endlich die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und will den ökologischen und ethisch-sozialen Umbau Europas massiv vorantreiben. Sie will nicht nur Europa bis 2050 klimaneutral machen, sondern sowohl die nachhaltige Geldanlage als auch eine ebensolche Finanzberatung ab 2021 in Europa fest verankern. Die gesamte Finanzbranche soll so für die Erreichung ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsziele und somit letztlich der Bekämpfung des Klimawandels herangezogen werden.

Kein Trend der letzten Jahre, abgesehen einmal vom Megatrend Digitalisierung, hat so große Veränderungen angestoßen wie das Thema Nachhaltigkeit. Mittlerweile bauen nahezu alle Versicherer und Investmentgesellschaften ihre Produktpaletten um und statten sie ESG-konform aus. Grüne Aktien und Anleihen finden verstärkt Zugang in Fondsportfolios und auch das Segment der Fondspolicen wendet sich zunehmend dem Thema ESG zu. Der Vorstoß der EU soll nicht zuletzt auch für mehr Transparenz sorgen. “Der Aktionsplan der EU lädt viele börsennotierte Unternehmen und Asset Manager ein, ihre Geschäftsmodelle ‘grün’ zu waschen,” sagt Nedim Kaplan, Fondsmanager bei der auf nachhaltige Kapitalanlagen spezialisierten Fondsboutique Ökoworld.

Dennoch ist es ein Anfang. Nach Jahren und Jahrzehnten des Nichthandels kommt zumindest Bewegung in den Markt und erhöht die Sensibilität aller Beteiligten, sich sehr viel stärker als früher, auf das verantwortungsvolle Handeln und Investieren zu fokussieren. “Wie nachhaltig das dann 30 Jahre lang sein wird, das muss sich schlussendlich noch zeigen. Ein großer Vorteil ist in jedem Fall, dass junge Menschen, die sich für herkömmliche Altersvorsorgethemen kaum erwärmen können, über die Nachhaltigkeit einen Zugang zu diesem Segment erhalten”, sagt Jens Arndt, Vorstandsvorsitzender der myLife Lebensversicherung AG.

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