Charta und Smart Insurtech: „Es mangelt an verlässlichen Standards“

Foto: Teresa Rothwangl
Dietmar Diegel (Charta) und Bernd Jakobs (Smart Insurtech), v.l.

Der Maklerverbund Charta kooperiert seit dem Frühjahr mit der Hypoport-Tochter Smart Insurtech. Cash.-Interview mit Charta-Vorstand Dietmar Diegel und Smart-Insurtech-Vorstand Bernd Jakobs über die Hintergründe.

Die Coronakrise dauert mittlerweile anderthalb Jahre an. Herr Diegel, wie ist Charta bisher durch die Krise gekommen?

Diegel: Auch wenn es keine Chance für Generalproben gab – es war überraschend, wie reibungslos die Arbeit im Home-Office funktioniert hat. Aber trotz Video-Formaten hat der sehr wichtige persönliche Kontakt mit unseren Partnern – etwa auf unseren regionalen Stammtischen oder mit unseren Fachbeiräten – in dieser Zeit gelitten. Jetzt gilt es auch den persönlichen Austausch wieder zu forcieren. Von unseren Partnerunternehmen höre ich, dass viele bemerkenswert schnell und gut auf die neue Situation reagiert haben. In unseren digitalen Foren hat beispielsweise die Frequenz der Kommunikation merklich zugenommen. Auch die Nutzung digitaler Medien in der Kundenkommunikation stieg spürbar.

Herr Jakobs, wie hat Smart Insurtech die Pandemie bisher bewältigt?

Jakobs: Da unser Team aus mehr als 250 Mitarbeitenden auf elf Standorte verteilt ist, waren wir es bereits vor der Corona-Pandemie gewohnt, standortübergreifend zu arbeiten. Aber von nun auf jetzt nahezu das gesamte Team nur noch remote anzutreffen, war schon eine Herausforderung. Aus professioneller Sicht muss man festhalten, dass die Corona-Pandemie ein Digitalisierungstreiber war. Kunden und Interessenten fragen nun verstärkt nach digitalen Lösungen.

Sie haben im Frühjahr eine Kooperation von Charta und Smart Insurtech angekündigt. Worauf bezieht die sich?

Diegel: Für uns ist die Kooperation ein weiterer wichtiger Schritt, den Partnerunternehmen unseres Verbundes optimale Prozesse zu ermöglichen. Das erreichen wir durch Schnittstellen zwischen den Verwaltungssystemen marktführender Partner wie Smart Insurtech mit unseren verbundeigenen TAA-Systemen. Als Verbund ist es uns wichtig, in so komplexen Bereichen wie dem Maklerverwaltungsprogramm mit den besten Partnern am Markt zu kooperieren – technisch ebenso wie durch Verbundvorteile auf der Kostenseite. Deshalb freue ich mich sehr, dass wir nun zusätzlich zu unserer erfolgreich etablierten Zusammenarbeit mit Keasy mit Smart Insur eine weitere, sehr leistungsfähige Lösung anbieten können.

Jakobs: Konkret beinhaltet die Kooperation, dass die rund 400 an die Charta angebundenen Makler die digitale Plattform-Technologie von uns nutzen können. Sie haben Zugriff auf ein vollumfängliches Softwarepaket, das sämtliche Services entlang der Wertschöpfungskette beinhaltet: Von einem webbasierten Maklerverwaltungsprogramm mit KI-gestütztem Dokumentenservice über einen Vergleichsrechner, eine Qualitätsbewertung nach Verbraucherschutzkriterien bis hin zur Software für Beratung, Analyse und Online-Abschluss.

Was verbirgt sich hinter der „Charta-Starthilfe“ für Ein- und Umsteiger in das Maklergeschäft?

Diegel: Unsere Initiative „Starthilfe“ richtet sich besonders an Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich in der Aufbauphase ihres Unternehmens und Kundenbestandes befinden. Wenn sie sich der Charta anschließen, können sie im Rahmen der Verbundpartnerschaft bis zu 36 Monate das komplette Softwarepaket der Smart Insurtech ohne zusätzliche Kosten nutzen. Gerade in dieser ersten Phase des jungen Unternehmens wollen wir den Maklerinnen und Maklern ermöglichen, ihre gesamte Kraft auf den Bestandsaufbau zu konzentrieren, indem wir ihnen – neben unseren sehr wettbewerbsfähigen Produktkonzepten, Beratungssystemen und einem belastbaren Netzwerk zu mehreren hundert Maklerunternehmen – auch für die Kundenverwaltung eine sehr zukunftsfähige Lösung eines starken Kooperationspartners zur Verfügung stellen.

Jakobs: Unsere Kooperation ist insbesondere mit der Charta-Starthilfe eine Chance für Vermittler, die ihr Maklergeschäft aufbauen. Sie können zu attraktiven Konditionen ein vollumfängliches Technologiepaket nutzen und sich ohne große Anfangsinvestitionen im Markt etablieren. Die Plattform-Technologie vereint viele für den Vermittleralltag notwendige Services in einer Hand. Die Daten laufen nicht mehr durch externe Drittsysteme und sind immer online abrufbar. Da die Prozesse effizient und automatisiert sind, sinken die Backoffice-Kosten. Makler gewinnen durch Entlastung in der Verwaltung mehr Zeit für die Kundenberatung und können sich auf das Vertriebswachstum fokussieren und den Wert ihrer Bestände steigern. Darüber hinaus bleiben sie unabhängige Eigentümer ihrer Daten und behalten die Direktverbindung zum Versicherer. Als hundertprozentige Tochter der SDAX-notierten Hypoport SE sind wir nicht in der Verwertungskette und stehen selbst für Unabhängigkeit.

Sie haben ein Vergütungsmodell nach Nutzungsintensität konzipiert. Wie funktioniert das?

Jakobs: Unser Gebührenmodell für die Plattform-Services richtet sich an der Nutzungsintensität nach aktiver Bestandsgröße aus. So ist die Vergütung an den Geschäftserfolg des Maklers gekoppelt und orientiert sich nicht an starren Lizenzen oder Mitarbeitendenzahlen. Die Kosten steigen in Relation zur Nutzung der Software, wenn das Geschäft des Maklers erfolgreich verläuft. Sie sinken hingegen in weniger erfolgreichen Zeiten. Vermittler, die wachsen möchten, ihr Team aufbauen und mehr Lizenzen benötigen, müssen nie vorab investieren.

Diegel: Das Vergütungsmodell von Smart Insurtech ist eine interessante Alternative, die aber aus Sicht des deutschen Marktes noch ungewohnt ist. Ich bin allerdings überzeugt, dass sowohl die Technologie als auch die Vergütungsmethodik absolut zukunftsfähig sind – zumal sie eine sehr gute Kombination aus den Vorteilen plattformbasierter Technik und der Freiheit zur unternehmerischen Selbstbestimmung bietet.

Wie digital ist die Maklerbranche nach anderthalb Jahren Coronakrise?

Jakobs: Einerseits hat die Pandemie der Digitalisierung einen Schub verliehen. Die Erkenntnis der Notwendigkeit, sich digital aufzustellen, ist gestiegen. Andererseits sind wir aber noch am Anfang der Digitalisierung von Prozessen. Es hakt beispielsweise daran, Versicherungen mit Maklern zu verbinden. Eine Hürde ist auch das hohe Durchschnittsalter der Vermittler. Ältere Makler können oft gut von ihren Beständen leben. Doch die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Viele Vermittler und Verbünde setzten daher auf Partnerschaften mit Technologiedienstleistern. Durch die moderne IT-Infrastruktur gewinnen sie Freiraum für die Kundenberatung und Entlastung im Arbeitsalltag.

Diegel: Viele Maklerinnen und Makler sind auf einem guten Weg, der durch die Coronakrise zusätzlich beschleunigt wird. Die gesamte Branche ist in Bezug auf die Digitalisierung in Bewegung. Insofern können Makler und Maklerinnen oft nur so digital sein, wie es das Angebot digitaler Lösungen erlaubt.

Wo sehen Sie die größten digitalen Defizite?

Jakobs: Das größte Defizit ist die Datenqualität, da sie zu schlechten Prozessen führt. Wir verbessern aktuell die Qualität der Daten auf unserer Plattform, indem wir Daten der Vermittler mit denen der Versicherungen abgleichen. Diese validierten Daten ermöglichen eine passgenaue Beratung. Durch die Verknüpfung von Daten aus unterschiedlichen Prozessschritten können letztendlich Beratungsanlässe aus dem System heraus angestoßen werden. Eine weitere Herausforderung ist die Kundenzentrierung. Wir müssen intuitiv bedienbare Software entwickeln, die Makler im Idealfall ohne Schulung vollumfänglich nutzen können. Und last but not least bremst die Heterogenität von Daten und Prozessen die Digitalisierung. Die Bipro-Initiative für einheitliche Branchenstandards ist ein wichtiger Schritt, hat sich jedoch leider noch nicht vollständig durchgesetzt.

Diegel: Es mangelt an verlässlichen Standards – und möglicherweise an einigen Stellen an der Bereitschaft, diese zu schaffen. Da sich mein Optimismus hinsichtlich der Branchenstandards zurzeit in Grenzen hält, erwarte ich, dass es am Ende Technologieanbieter wie Smart Insurtech sein werden, auf deren Plattformen das Matching der heterogenen Daten und deren weitere Verarbeitung erfolgen wird. Dass diese Datenhoheit einer besonderen Sensibilität bedarf, versteht sich von selbst. Um gefährliche Abhängigkeiten zu vermeiden, wird es noch wichtiger, dass Technologieanbieter höchste Transparenz ihres Geschäftsmodells und klare, verbindliche Regeln hinsichtlich des Eigentums der (Kunden-)Daten sicherstellen. Aus meiner Sicht hat Smart Insurtech ein erstes gutes Beispiel gegeben, wie es funktionieren kann.

Die Fragen stellte Kim Brodtmann, Cash.

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