Ukraine: „Dem Gefühl der Ohnmacht begegnen wir am besten mit Aktivität“

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Cash.-Interview mit Mareike Fell, Heilpraktikerin für Psychotherapie, über Kriegsangst und wie man damit umgehen kann

In der Ukraine tobt seit über einem Monat ein Krieg, gerade einmal zwei Flugstunden von Deutschland entfernt. Auch hierzulande fürchten sich viele Menschen vor einer Ausweitung des Kriegs oder gar einem Atomkrieg. Was macht Kriegsangst mit Menschen?

Fell: Gemessen an unseren demokratischen Grundwerten ist der überfallartige Krieg in der Ukraine für uns nicht zu verstehen. Die Wucht der Aggression, die niemand für möglich gehalten hätte, stellt unser Grundgefühl der Sicherheit massiv in Frage und verunsichert zutiefst. Sie löst bei vielen nicht nur ein Gefühl des Kontrollverlustes und der Ohnmacht aus, sondern auch tatsächlich eine Ur-Angst, eine existenzielle Angst um unser Leben: Wie sicher sind wir noch, wenn so etwas passieren kann? Sind Vereinbarungen nichts mehr wert? Oder die gemeinsame Grundhaltung, auf die man sich mal geeinigt hat? Was ist der Frieden, die eigene Sicherheit wert, wenn andere sie einfach überrollen? Ur-Angst kann zu einer Überaktivität führen oder zu einer Art Lähmung oder Starre, bei gleichzeitiger großer innerer Unruhe, sie kann auch zu Schlafstörungen und anderen körperlichen Beschwerden führen. Allerdings ist die aktuelle Angst vor einem Atomkrieg mit all ihren Folgen keine pathologische, wie man vielleicht denken könnte. Vielmehr ist die Angst eine nicht ganz unberechtigte und damit nicht „krankhaft“. Insofern geht es aktuell im Besonderen darum, wie wir mit unserer Angst umgehen können in einer derart unsicheren, unplanbaren und unkontrollierbaren Zeit mit faktischen existenziellen Bedrohungen und beginnenden spürbaren Einschnitten in unser Leben.

Wie soll man jetzt noch arbeiten?“ fragte kürzlich „Der Spiegel“. Wozu raten Sie? Wie können Menschen im Job mit ihren Ängsten umgehen?

Fell: Viele lassen gerade auch während der Arbeit den News-Ticker laufen. Besser ist es, sich zwei Mal pro Tag eine Übersicht zu erlauben und vor allem den Abend frei zu halten von dem Thema. Das verhindert eine ständige Flutung von Stresshormonen und erlaubt uns einen besonders wichtigen Fokus: Wir können uns in den so entstehenden Pausen immer mal wieder bewusst werden darüber, dass eine besondere Situation eingetreten ist, sich aber dennoch nicht alles im Ausnahmezustand befindet. Es sind genau diese gedanklichen Pausen von den Sorgen, die uns wieder Kraft tanken und unserer Arbeit nachgehen lassen. Wir müssen uns auch nicht schlecht fühlen, wenn wir parallel zu der aktuellen Situation unser Leben weiter leben. Es gilt nicht das entweder-oder, sondern das sowohl-als auch: Ich kann in Sorge sein und trotzdem meinen Geburtstag feiern. Auch diese Erkenntnis bringt eine Entlastung mit sich, braucht allerdings auch die innere Erlaubnis dazu. Geben Sie sie sich! Wenn uns dennoch immer wieder während der Arbeit Gedanken von Katastrophen-Szenarien überrollen, können wir uns in diesen Momenten aktiv in die Gegenwart zurückholen: Fragen Sie sich ganz bewusst, ob Sie jetzt, genau in diesem Moment in Sicherheit sind.

Sollte man das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen suchen, also im Team über seine Ängste sprechen?

Fell: Das ist individuell sehr verschieden. Die Eine sucht den Austausch, ein anderer will sich lieber nicht zu sehr damit auseinander setzen. Es ist wichtig, einmal in sich hinein zu fühlen, was man selbst braucht – das mag vielleicht sogar von Tag zu Tag verschieden sein. Auch dürfen wir das Thema aktiv wechseln oder uns zurück ziehen, wenn es uns zu viel wird. Das kann man ganz charmant machen, solange wir nicht warten, bis wir plötzlich und unerwartet – für uns und alle anderen – explodieren. Sie können Ihr Problem auch transparent halten und sagen, dass es Ihnen nicht gut damit geht, weiter bei dem Kriegsthema zu bleiben. Letztlich müssen wir unsere eigene Meinung oder Wahrnehmung dazu auch nicht diskutieren oder verteidigen. Existenzielle Krisen schärfen innere Haltungen und die Angst lässt Menschen schwerer von ihrer Meinung abweichen. Nutzen Sie die wertvolle Energie lieber anders.

Lassen sich die Ängste bekämpfen, indem man selbst aktiv wird, zum Beispiel durch das Organisieren von Spenden oder die Unterstützung von Geflüchteten?

Fell: Zunächst mal ist es völlig normal, auf diese besonderen und schlimmen Geschehnisse emotional und betroffen zu reagieren, denn unser Gefühl der Sicherheit wird davon gespeist, dass wir unsere Lebenswelt aktiv gestalten und kontrollieren können. Die aktuelle Lage signalisiert jedoch das Gegenteil. Aktuell werden zentrale menschliche Bedürfnisse bedroht wie Sicherheit, Planbarkeit, Kontrolle, Freiheit, Schutz, Vertrauen und andere. Stattdessen haben wir ein Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Diese Gefühle sind damit verbunden, dass wir vermeintlich nichts tun können, also passiv sein müssen. Diesem Gefühl begegnen wir am besten mit Aktivität: Schauen Sie, wie und wo Sie helfen können! Etwas zu tun aktiviert unsere Selbstwirksamkeit, also genau die Kraft in uns, die unser Selbstbewusstsein und damit auch unser Gefühl der Selbstsicherheit nährt. Besonders kraftvoll ist es, andere zu beruhigen – Ihre eigenen Ohren hören mit! Wir können im Gespräch mit anderen unsere Ängste verstehen und einordnen anhand konkreter Fragen: Was von unseren Ängsten ist wirklich real und was sind Katastrophen-Gedanken? Was betrifft uns wirklich? Und wenn uns etwas betrifft, was können wir dann konkret dagegen tun? Gemeinsam Lösungsstrategien zu entwerfen gibt Kraft und führt raus aus dem Nichts-Tun.

Die Fragen stellte Kim Brodtmann. Cash.

Mareike Fell ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und betreibt in Hamburg eine Praxis für systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie. Darüber hinaus ist sie als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für Unternehmen tätig und sitzt im wissenschaftlichen Beirat von einfach-eltern. www.diesinnstiftung.de

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