Werden sich Neobanken auf dem KMU-Markt durchsetzen?

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Konstantin Stiskin

Neobanken haben die Chance, ihre Banking Features für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) weiter zu verbessern und mit traditionellen Banken in einen dynamischen Wettbewerb um die Kunden zu gehen. Gastbeitrag von Konstantin Stiskin, Finom

In der EU kommt ein KMU auf zwanzig Bürger – insgesamt sind es 24 Millionen. Allein in Deutschland gibt es 2,6 Millionen KMU. Sie sorgen dort für 42 Prozent der Beschäftigung und 42 Prozent der Bruttowertschöpfung. Das verdeutlicht die enorme Bedeutung von KMU für die Volkswirtschaften der EU. Dennoch haben KMU oft Schwierigkeiten, von traditionellen Banken genau das zu erhalten, was sie brauchen. Denn deren Angebote sind oft auf große Unternehmen zugeschnitten. Dies erweist sich oft als lukrativer.

In diese Lücke können Neobanken durch die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für KMU einspringen. Neobanken sind spezielle Fintechs, die sich auf die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen spezialisiert haben. Sie bieten aber oft auch automatisierte Tools, um die Effizienz von Arbeitsabläufen zum Beispiel bei Buchhaltung und Belegmanagement zu optimieren. Das hilft KMU ihren erstaunlich hohen Verwaltungsaufwand zu reduzieren.

Trotz der vorhandenen Marktlücke und der vielen hilfreichen Tools ist es noch ein langer Weg, bis Neobanken den EU-Markt für Finanzdienstleistungen für KMU beherrschen können. Fintechs bedienen derzeit nur 2 Prozent dieses Markts mit 200-Milliarden Dollar. Selbst der größte Fintech-Akteur Qonto hat lediglich 200.000 Kunden und deckt somit nur 0,5 Prozent des europäischen KMU-Markts ab.

Auch in Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild: Nur 34 Prozent der KMU-Vertreter können überhaupt ein Fintech nennen. Das Vertrauen in die klassische Bank ist mit 93 Prozent nach wie vor sehr hoch. All diese Zahlen verdeutlichen das enorme Potenzial, das Neobanken auf dem KMU-Markt in der EU haben.

In einigen Ländern, darunter Brasilien und dem Vereinigten Königreich, ist die Ausschöpfung des Marktes für KMU bereits weiter fortgeschritten. So bedient das britische Fintech Tide mit 350.000 Kunden 5 Prozent des britischen Marktes. Und Nubank aus Brasilien hat 1,1 Millionen KMU – 15 Prozent des Marktes dort.

Noch viel Spielraum für Neobanken

Wie können in der EU tätige Neobanken wie Finom, Penta und Shine also ihren Marktanteil erhöhen? Auf der einen Seite ist zu erwarten, dass die neuen Rahmenbedingungen rund um PSD2 und Open Banking den europäischen Wettbewerb um KMU steigern werden. Die neuen Möglichkeiten in diesem Bereich werden Neobanken zusätzliche Chancen geben, sich von traditionellen Banken abzugrenzen. Auf der anderen Seite erwarten KMU zunehmend mehr von ihren Banken als noch vor kurzer Zeit. Es ist an der Zeit, die Einfachheit von Online- und Mobile-Banking von dem Privatkundengeschäft auch in das Banking für Unternehmen zu bringen. Vor allem kleinere Unternehmen und Selbständige wünschen sich die gleichen Features wie bei ihrem privaten Bankkonto.

Was das zusammengefasst für Neobanken heißt: Sie haben die Chance, ihre Banking Features für KMU weiter zu verbessern und mit traditionellen Banken in einen dynamischen Wettbewerb um die Kunden zu gehen. Dabei ist es auch erforderlich, dass Neobanken ihr Angebot in Bezug auf die Kreditvergabe ausbauen. Geschäftskredite sind für KMU bisher – durch die gesamte Bankenbranche hinweg – langwierig und schwierig zu bekommen. Neobanken verkürzten in der Vergangenheit bereits die Abläufe zur Kreditvergabe signifikant. Datenanalyse und KI ermöglichen aber neue, noch innovativere Finanzierungslösungen.

Gerade in Deutschland ist in Bezug auf die Kreditvergabe noch viel Spielraum für Neobanken, weiter in das Geschäftsfeld vorzudringen. Denn 67 Prozent der KMU sehen nach wie vor den Berater ihrer traditionellen Bank vor Ort als ersten Ansprechpartner.

Die EU und speziell Deutschland jedenfalls verfügen über alles Notwendige, was es braucht, damit B2B-Neobanken wachsen: KMU, die mehr und mehr bereit sind Neues auszuprobieren, große Volkswirtschaften mit gutem Marktpotential und behäbig agierende traditionelle Banken. Deshalb ist zu erwarten, dass in Zukunft viele neue Neobanken und Fintech-Start-ups entstehen werden.

Konstantin Stiskin ist Supervisory Board Member und Co-Founder bei Finom.

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