„Downsizing“: Wenn Reduktion bereichert

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Schauspieler Matt Damon in einer Szene aus dem Film "Downsizing."

Die Ideologie des ungebremsten Wachstums macht Unternehmer nicht glücklicher. Gastbeitrag von Falk S. Al-Omary

Die Gedanken an ein immerwährendes Wachstum hat die Politik in den vergangenen Jahren jäh gebremst. Krise türmt sich auf Krise und schwächt Unternehmen in ihrer finanziellen und materiellen Substanz. Und schlimmer noch: Keiner kann mehr planen. Schon in der kommenden Woche kann die Welt eine andere sein. Dabei sind die Erwartungen an Unternehmen höher denn je. Sie sollen Menschen einen sicheren Arbeitsplatz geben und erhalten, möglichst hohe Steuern zahlen, sich nachhaltig verhalten und immer mehr staatliche Aufgaben übernehmen. Mit immer neuen Gesetzen und Verordnungen wird aber genau dies auch immer mehr Unternehmen unmöglich gemacht. Es wird also Zeit, umzudenken.

Fachkräfte sind knapp, Rohstoffe kaum mehr zu bezahlen oder gleich gar nicht mehr verfügbar, die Inflation macht viele Produkte unwirtschaftlich. Nachhaltigkeit wird großgeschrieben. Alles soll entwickelt und produziert werden, darf aber kein CO2 ausstoßen, niemanden belasten und keinen Abfall hinterlassen. Mitarbeiter wollen und sollen weniger arbeiten, die Lieferketten, so sie noch funktionieren, müssen ethisch bis ins letzte Glied sein, was natürlich auch sorgsam dokumentiert werden soll. Die Liste der Forderungen ist lang, die Unterstützung dafür allerdings gering. Im Gegenteil: Regeln werden verschärft, Steuern erhöht und das gesellschaftliche Klima zu Lasten von Unternehmern und Selbständigen vergiftet.

Downsizing als Freiheitsstrategie

Unternehmer müssen die Weichen neu stellen. Wachstum ist dabei nur noch selten eine Lösung. Es ist nicht davon auszugehen, dass es zeitnah ein Nach-der-Krise geben wird. Wachstum bedeutet in aller Regel auch mehr Komplexität, mehr Abhängigkeiten und regulatorische Vorschriften. Wer auf vielen Hochzeiten tanzt, muss auch viele verschiedene Vorgaben und Erwartungen erfüllen. Der bessere Weg scheint daher eine sinnvolle Reduktion, eine Strategie des Downsizing.

An die Stelle eines „immer Mehr“ könnte ein „substanzielles Weniger“ treten: mit weniger Komplexität, weniger Abhängigkeiten, weniger Zwang zur Kooperation, weniger Kunden, weniger Produkten, weniger Aufwand sowie weniger Ärger und Stress. Stattdessen mit mehr Zufriedenheit, mehr Ertrag und mehr Selbstbestimmung sowie einer besseren Qualität und erfüllteren Geschäftsbeziehungen.

Konzentration auf die eigenen Interessen

Statt weiterhin gesellschaftlichen Wachstumserwartungen zu folgen, die mehr Mitarbeiter, mehr Umsatz und mehr produzierte Waren als Gradmesser für unternehmerischen Erfolg anlegen, sollten sich Unternehmer trauen, egoistischer zu werden. Statt eines quantitativen Wachstums sollten sie mehr qualitative Aspekte in den Mittelpunkt stellen: ihren eigenen Gewinn, ihre eigene Zufriedenheit und die Qualität bestehender Geschäftsbeziehungen. Nicht selten hat das Wachstum der Vergangenheit Unternehmer unglücklicher gemacht, sie von ihrer eigentlichen Tätigkeit, ja sogar dem eigenen unternehmerischen Handeln entfremdet und zu Managern im eigenen Haus degradiert. Downsizing ist auch dafür die Lösung.

Downsizing ist keine simple Kostenreduktion

Strategisch „downwsizen“ bedeutet dabei nicht, möglichst schnell viele Mitarbeiter zu entlassen, Standorte zu schließen, Produkte aus dem Sortiment zu nehmen oder gar den Service einzuschränken. Wer so agiert, betreibt kein Downsizing, sondern panische Kostenreduktion. Kosten reduzieren kann jeder und Kostenreduktionen dieser Art sind eher etwas Fremdbestimmtes, etwas, was Krise und Mangel suggeriert. Downsizing hingegen ist selbstbestimmt, eine freie Entscheidung des Unternehmers, sich künftig nur noch auf wenige Themen beschränken zu wollen. Downsizing ist ein Prozess, der zwei Jahre und länger in Anspruch nehmen kann, nicht zuletzt, weil zunächst die Wachstumsdoktrin der vergangenen Jahre aus dem Weg geräumt werden muss. Langfristige Verträge, etliche Verpflichtungen und Obligos finanzieller, menschlicher und technischer Art bestehen zunächst weiter und verlangen nach verantwortungsvoller Abwicklung.

Nicht einfach den Schlüssel umdrehen

Wer downsizt, muss mit Widerständen und Unverständnis rechnen. Zu tief sitzt die Konvention des Höher, Schneller und Weiter. Und natürlich werden Mitarbeiter, Lieferanten sowie auch manche Kunden nicht begeistert sein, wenn sie im Rahmen der neuen Strategie auf der Streichliste des irgendwann später Überflüssigen oder nicht mehr Notwendigen landen. Genau dem gilt es entgegenzuwirken – eben nicht einfach absagen, raus und Schlüssel umdrehen, sondern sorgsam abwickeln. Jeder Vertrag, jeder Prozess, jede Anfrage, jede eingehende Mail, jedes Abonnement von Software oder Medien, jeder Prozess, ja sogar jeder Handgriff gehört auf den Prüfstand: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Alles, wirklich alles muss dann einzeln bewertet, vertragsgemäß gekündigt, sorgsam abgewickelt, perfekt erledigt, vernünftig entsorgt oder einfach unterlassen werden. Niemand, kein Kunde und kein Lieferant, soll im Rahmen des Prozesses unbefriedigt oder unzufrieden aus dem System scheiden. Nur dann ist Downsizing verantwortungsvoll.

Im Ergebnis nur noch A-Kunden und Resilienz

Wer verantwortungsvoll downsizt statt mit der Brechstange, verhindert unnötige Shitstorms. Der Prozess kann zunächst auch zusätzliches Geld kosten: Abstandszahlungen, Fremdkosten für Subdienstleister, die Tätigkeiten übernehmen, die man noch erledigen, aber nicht mehr selbst erbringen kann oder will, oder Abfindungen sind hier nur einige Beispiele. Manchmal im Rahmen des Downsizings muss die Devise lauten „Raus mit Schaden“. Doch am Ende steht die Befreiung des Unternehmers von seinen Fesseln, all der Fremdbestimmung und Regelungswut.

Ist das das eigene Unternehmen gesundgeschrumpft, wird es nur noch A-Kunden bedienen. Es wird feststellen, dass all die anderen mehr Kosten und Ärger produziert haben als Ertrag, dass Umsatz und Gewinn in keiner guten Relation standen. Das Unternehmen bekommt weniger Gegenwind, muss weniger Marketing betreiben, weniger Angriffe und Shitstorms erdulden. Viele Hochzeiten bedeuten eben auch viele Angriffsflächen und Interaktionen. Der Unternehmer muss nicht mehr ständig Probleme lösen, für die eigentlich andere verantwortlich sind. Weniger Kooperation, weniger Kollaboration, weniger Komplexität und weniger Interaktion verringern Aufwand und Ärgernisse. Es ist der Weg zu mehr Freiheit und zu besseren, persönlicheren und stabileren Geschäftsbeziehungen, die den Namen Beziehung auch verdienen. Weniger ist mehr: mehr Qualität und Tiefgang.

Falk S. Al-Omary ist Krisen-PR-Manager, Markenentwickler und Kommunikationsexperte. Weitere Informationen unter www.al-omary.com.

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