Inflation und Insolvenzwelle: Mit welchen Fragen Finanzberater jetzt konfrontiert werden

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Die wenigsten Klein- und Mittelbetriebe haben sich frühzeitig gegen steigende Kosten abgesichert (Hedge).

Die Inflation in Deutschland liegt bei fast zehn Prozent. Für 2023 gehen Ökonomen von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent aus. Auswirkungen auf Finanzierungsmix und Liquiditätsplanung der Unternehmen sind erheblich. Ein Gastbeitrag von Andreas Dehlzeit und Marko Dupor, Bibby Financial Services.

Die Verbraucherpreise für Energie stiegen nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes in den vergangenen zwölf Monaten um fast 44 Prozent. Die entsprechenden Erzeugerpreise lagen sogar 132 Prozent höher als im September 2021. Angesichts der Teuerungs- und Inflationsdynamik geraten viele Unternehmen an ihre finanzielle Belastungsgrenze. Deckungsbeitragsgesichtspunkte, also die Differenz zwischen den Erlösen und den immer höheren variablen Kosten, rücken in den Fokus.

Kurz: Lohnt es sich, bestimmte Produkte im Portfolio weiterzuführen – oder ist betriebswirtschaftlich nur die Stilllegung sinnvoll? Um dies abzuwenden, suchen Betriebe sowie deren Finanzberater und Vermittler nach Lösungsansätzen.

Auftragsbücher gefüllt wie nie

Wie ambivalent die Lage ist, zeigt ein Blick in die Auftragsbücher der deutschen Industrie. Diese verzeichnen einen Höchststand und im Vergleich zum Vorjahresniveau einen Zuwachs von über elf Prozent. Angesichts anhaltender Lieferengpässe (Beispiel Baubranche und Elektronikbauteile) und immens gestiegener Preise für Vorleistungsgüter und Rohstoffe besteht im deutschen Mittelstand allerdings dennoch erhebliche Unsicherheit, ob die Aufträge überhaupt abgearbeitet werden können.

Drastisch gestiegene Kosten

Die wenigsten Klein- und Mittelbetriebe haben sich frühzeitig gegen steigende Kosten abgesichert (Hedge). Einigen Unternehmen – vornehmlich solchen mit soliden Bruttomargen und Preissetzungsmacht – gelingt es, gestiegene Kosten an Verbraucher weiterzugeben. Die meisten Firmen stehen bei der Suche nach Einsparpotenzialen und Möglichkeiten zur Produktivitätsverbesserung jedoch vor erheblichen Herausforderungen.

Welche Hebel, um „richtig“ zu kalkulieren, stehen zur Verfügung? Stellschrauben sind sicherlich die in Rechnungen vereinbarten Zahlungsziele und die sogenannten Debitorenlaufzeiten (durchschnittliche Zeit, die Schuldner eines Unternehmens benötigen, um Rechnungen zu begleichen). Auf Basis unserer gemeinsam mit dem Kreditversicherer Euler Hermes durchgeführten KMU-Befragungen gehen wir davon aus, dass mindestens 40 Prozent der hiesigen Unternehmen Schwierigkeiten haben, Zahlungen von Kunden pünktlich zu erhalten. Zur Absicherung gegen Forderungsverluste bietet es sich an, Kreditversicherungen sowie Factoring (mit sogenannter Delkredere-Funktion) als Bausteine in die Finanzierungsstrategie einzubinden. Dabei verkauft das Unternehmen seine Forderungen an einen Factoring-Dienstleister und erhält dafür (mit einem kleinen Abschlag) sofort die Rechnungssumme.

Investitionsklima

Gerät ein Unternehmen in Liquiditätsengpässe (Kapital reicht nicht aus, um Alltagsgeschäft abzuwickeln) so stellt sich die Frage, ob Betriebskredite im Lichte der skizzierten Deckungsbeitragserwägungen die beste Wahl sind. Maßnahmen, um den Cashflow (also die verfügbaren Geldmittel) zu verbessern, sind sicherlich hilfreich. Nochmals neues Fremdkapital (zur Überbrückung) aufzunehmen, welches die Kasse eigentlich nicht hergibt, dies sollte kritisch hinterfragt werden. Zumal mit der eingeläuteten restriktiveren Geldpolitik der Notenbanken die Kreditzinsen für gewerbliche Darlehen zügig klettern. Es rentiert sich daher, neben den klassischen Kontokorrentlinien breit diversifiziert mit verschiedenen Formen der Mittelstandsfinanzierung – unter anderem Factoring, Leasing, Private Equity, Mezzanine – zu beschäftigen.

Ausblick: Geldfluss aufrechterhalten

Insgesamt führt die breite Unsicherheit eher zu einer Abwartehaltung und Investitionszurückhaltung. Auch bei der Personalplanung – bislang war der Arbeitsmarkt nahe der Vollbeschäftigung und durch Fachkräftebedarf geprägt – werden die Unternehmen vorsichtiger. Der Verband der Insolvenzverwalter und Sachwalter teilte unlängst mit, dass ein Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland innerhalb der nächsten zwölf Monate um bis zu 40 Prozent nicht auszuschließen sei. Allerdings stellt das aus Sicht der Insolvenzverwalter eher eine Normalisierung dar – gegenüber dem durch die coronabedingte Insolvenzaussetzung verzerrten Bild der Vorjahre.

Dieser Verzerrung leisten natürlich auch die derzeit richtigen und wichtigen Staatshilfen Vorschub sowie aktuelle Eingriffe in die Marktordnung, geplante Preisdeckel und die Folgen geldpolitischer Rettungsprogramme und hoher Neuverschuldung. Gute Geschäftsbeziehungen zu Kunden mit transparentem Austausch zu Zahlungsvereinbarungen, risikominderndes Forderungs- und Cash Flow-Management sowie ein professionelles Mahnwesen können wertvolle unternehmerische Beiträge leisten, um in diesem Umfeld den Kopf über Wasser zu halten.

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