28. November 2019, 15:09
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

Wer ist hier eigentlich dick? So übergewichtig ist Deutschland

Die Deutschen werden immer dicker – mit fatalen gesundheitlichen Folgen. Dagegen kann jeder Einzelne etwas tun, sagen Experten.

Shutterstock 532103068 Dick in Wer ist hier eigentlich dick? So übergewichtig ist Deutschland

Deutschland nimmt zu. Nur noch 40 Prozent der Bevölkerung gelten hierzulande als normalgewichtig

 

Wer ist hier eigentlich dick? Wer Asterix & Obelix gelesen hat, kennt diese Frage, auf die Obelix stets explosiv reagierte. Um dann zu antworten: Ich bin nicht dick. Doch der Comic-Spass von damals heute traurige Realität. „Dick ist ein umgangssprachlicher Begriff, der nicht wirklich definiert ist“, sagt Prof. Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München.

Liegt der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) jenseits der 30, spricht die Fachwelt von krankhafter Fettleibigkeit oder Adipositas, zwischen 25 und 29,5 liegt der Bereich der Übergewichtigkeit. Als ideal gilt in Europa ein Wert ein Wert zwischen 18 und 24,9.

Doch immer weniger Menschen erreichen diesen – Deutschland ist zu dick. Nur noch 40 Prozent gelten hierzulande als normalgewichtig, erklärt Hauner – eine Minderheit. Und 20 Prozent werden sogar als adipös eingestuft. Ein bedenklicher Anstieg ist bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Frauen zu beobachten. Auch die extreme Form von Adipositas nimmt zu.

Der ganze Körper leidet

Das Zuviel an Körperfett hat viele negative Auswirkungen: Eine Art Stresssituation für den Stoffwechsel, leicht chronische Entzündungen, erhöhter Blutdruck und eine stärkere Belastung der Gelenke an Füßen oder Knien sind die Folgen. „Es gibt fast kein Organ im Körper, was von der Adipositas nicht potentiell bedroht ist“, so Hauner.

Ist Fettleibigkeit krankhaft oder angeboren? „Bei der Neigung zu Übergewicht gibt es starke genetische Einflüsse“, sagt Hauner. „Genetische Krankheitsbilder, zum Teil mit Fresssucht, machen allerdings nur maximal 5 Prozent aller Adipositas-Fälle aus.“ Viel stärker wirken Lebensstilfaktoren, die Ernährungsweise und das Bewegungsverhalten.

Genetisch nicht vorbereitet auf den Überfluss

Krankmachende Adipositas-Gene gab es schon vor 100 Jahren – allerdings gab es damals auch eine andere Umwelt, nicht so viel zu essen, mehr körperliche Arbeit. „Die Chance war einfach nicht da, sich weniger zu bewegen und mehr zu essen zu bekommen. Die Genetik lässt sich nicht beeinflussen, wir können nur unsere Umweltbedingungen und unsere Lebensweise ändern“, sagt Hauner.

Die Privilegien unseres Fortschrittes machen es schwierig, schlank zu bleiben. „Unser Körper ist in der Evolution auf Mangel optimiert worden, sein Stoffwechsel und Hormonhaushalt ist darauf ausgerichtet. Er hatte nie die Chance, eine Bremse zum Schutz vor Überernährung einzubauen“, sagt der Experte. Ein permanentes Überangebot an Essen führt dazu, dass wir mehr Energie aufnehmen, als wir brauchen.

Der Körper schreit nach mehr

„An jeder Ecke gibt es heute drei Imbiss-Buden mit den verschiedensten Geschmacksrichtungen – so ist die Verführung auf dem Nachhauseweg natürlich groß“, sagt Hauner. Heimtückisch ist auch das körpereigene Belohnungssystem: Auch oder gerade, wenn man bereits satt ist, aktiviert das nachgereichte Tiramisu Lustgefühle.

„Essen ist immer ein emotionaler Prozess, und Essen macht glücklich“, so Hauner. Diese angeborenen Instinkte werden von Industrie und Werbung geschickt genutzt. Der kurzfristige Genuss schlägt langfristige gesundheitliche Bedenken. Mehr Bewegungsanreize, gesünderes Fast Food oder kleinere Portionsgrößen sind Vorschläge, die nach Ansicht des Experten längst fällig sind.

Steigendes Diabetes-Risiko

Eine der wichtigsten Folgekrankheiten ist Diabetes: 40 Prozent der mindestens Übergewichtigen entwickeln die Zuckerkrankheit, erklärt Prof. Jens Aberle, Vorsitzender der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Ein steigender BMI geht immer mit einem erhöhten Diabetes-Risiko einher, das zeigten neueste Meta-Analysen.

Nach Aussage des Experten ist dieser Zusammenhang seit Jahren konstant. „Je länger man übergewichtig ist, desto früher ist das Diabetes-Risiko, weil es länger Zeit hat, den Körper zu schädigen.“ Immer öfter taucht ein vergleichsweise hohes Diabetes-Risiko schon in jüngeren Jahren auf, also mit unter 40. Der Begriff vom „Altersdiabetes“ stimmt so nicht mehr.

Eine weltweite Wohlstandserkrankung

Die Rache des süßen Lebens? „Diabetes ist eine Wohlstandserkrankung, das betrifft nicht mehr nur die Industrieländer, die Krankheit ist überall auf der Welt auf dem Vormarsch, wo es ein reichhaltigeres Nahrungsangebot gibt“, sagt Aberle.

Diabetes entsteht meist ganz unbemerkt. Erhöhte Zuckerwerte bewirken zunächst noch keine Symptome – Betroffene merken also nichts und ändern daher auch ihren Lebensstil nicht. Aberle fordert daher Lebensstilberatungen rund um Ernährung und Bewegung etwa.

„Wir Ärzte haben in Deutschland das Problem, dass solche Beratungen nicht bezahlt werden. Diabetes-Medikamente dagegen schon“, sagt der Experte. Gerade im Anfangsstadium könne jedoch viel erreicht werden mit Verhaltensänderungen.

Die Zukunft ist übergewichtig

Die Probleme könnten sich in Zukunft noch verstärken. Zahlen der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) zeigen, dass es in zehn Jahren etwa 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche mit therapiebedürftigem Übergewicht geben dürfte.

Ernährungswissenschaftlerin Stefanie Gerlach von der DAG sieht für diese Generation ein schwerwiegendes Problem: „Schon im Kindesalter wird der Stoffwechsel geprägt, der Körper falsch programmiert für das ganze Leben. Auch der Geschmack wird in der Kindheit maßgeblich erlernt, was bei einer zuckerreichen Ernährung zukünftig das Verlangen auf noch Süßeres verstärkt.“

Verpflichtung statt Freiwilligkeit

Kinder werden heute schon massiv beworben – entweder direkt oder indirekt über die Eltern, die ihren Kindern süßes und energiedichtes Essen kaufen sollen. Nur freiwillige Appelle zur Kennzeichnung solcher Lebensmittel reichen nicht aus, glaubt Gerlach. Ihrer Meinung nach müssen klare Verpflichtungen her – und bessere Anreize zur Rezepturverbesserung.

„Es macht mehr Sinn, die Ernährungsumwelt gesundheitsförderlich zu gestalten, als den Menschen ständig zu sagen: Esst mal gesund!“, sagt sie. Ihr geht es darum, gute Entscheidungen einfacher zu machen: Das bedeutet preiswertere Angebote in der Kantine für gesunde Mahlzeiten, Werbeverbote für ungesunde Produkte mit Kinderoptik und eine gezielte Mehrwertsteuer-Erleichterungen für Obst und Gemüse. Wenig populäre Optionen für eine Regierung – aber effektiv im Kampf gegen eine dicke, zu dicke Gesellschaft. (dpa) (dr)

 

Foto: Shutterstock

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Ersatzteile werden um fünf Prozent teurer: Treiben Hersteller die Preise?

Ersatzteile wie Scheinwerfer, Windschutzscheiben und Kotflügel sind in den letzten zwölf Monaten erneut deutlich teurer geworden. Zwischen August 2019 und August 2020 haben die Autohersteller die Preise im Schnitt um fast fünf Prozent erhöht, wie aus einer aktuellen Auswertung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hervorgeht. Einige Ersatzteile wurden sogar noch teurer.

mehr ...

Immobilien

Studie: Homeoffice lässt Bürobedarf in Frankfurt sinken

Die zunehmende Verbreitung von Homeoffice infolge der Corona-Krise könnte laut einer Studie die Büronachfrage in Frankfurt einbrechen lassen. Mittelfristig werde der Flächenbedarf um 10 bis 14 Prozent des Bestands fallen, schätzt der Immobilienspezialist NAI Apollo. Im Extremfall werde der Rückgang 20 Prozent betragen, heißt es in einem jetzt veröffentlichten Papier.

mehr ...

Investmentfonds

Die Fehlstarter unter den Superaktien

Die Aktienauswahl könnte so einfach sein, wenn Investoren eine Glaskugel hätten und wüssten, welche Titel sich in den kommenden zehn Jahren am besten entwickeln. Garantiert wäre die gute Performance trotzdem nicht. „In der Vergangenheit starteten manche ‚Superaktien‘ so holprig, dass einige Investoren wohl kalte Füße bekommen hätten“, sagt Sven Lehmann.

mehr ...

Berater

Project: Vertriebs-Chef wird Holding-Vize

Mit Wirkung zum 21. September 2020 ist Alexander Schlichting (45) vom Aufsichtsrat der Project Beteiligungen AG zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Holdinggesellschaft der Project Investment Gruppe ernannt worden. Der Holding-Vorstand wird damit von zwei auf drei Mitglieder erweitert.

mehr ...

Sachwertanlagen

Ökostrom-Anteil in diesem Jahr bisher bei rund 48 Prozent

Nahezu die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland wurde in den ersten neun Monaten des Jahres aus erneuerbaren Energien gedeckt. Der Ökostrom-Anteil soll weiter steigen.

mehr ...

Recht

Reform der Mietspiegelverordnung sorgt für Quantensprung

Die Mietspiegelkommission der gif Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung e. V. sieht den Gesetzentwurf zur Reform des Mietspiegelrechts als gelungen an.

mehr ...