Eine Frage der Beratung

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Land unter und finanzieller Totalschaden: „Ein vollgelaufenes Haus ist meistens unrettbar verloren.“

Sturm, Starkregen, Überschwemmungen und vollgelaufene Wohnungen. Der Juni 2021 hat gezeigt, welche Folgen der Klimawandel mit sich bringen kann. Die Deutschen investieren sehr viel Geld in ihre Immobilien. Doch bei der Absicherung gegen Naturgefahren hapert es nach wie vor. Es ist vor allem eine Frage der Beratung.

Sach macht Krach“, lautet ein Spruch in der Versicherungsbranche. Doch Sach macht nicht Krach. Sach lässt auch die Kassen klingeln. Heißt, es wird Geld verdient im Sachversicherungssegment. Und das seit Jahren. Nach Berechnungen der Kölner Rating-Agentur Assekurata stiegen seit dem Jahr 2010 die Prämien im Bereich Schaden, Haftpflicht und Unfall von 55,2 Milliarden auf 74,8 Milliarden Euro in 2020. Das ist ein durchschnittliches Wachstum von 2,9 Prozent.

Bemerkenswert: Ungeachtet der weltweiten Corona-Pandemie setzte sich der positive Trend in der Schaden-/Unfallversicherung im Geschäftsjahr 2020 fort. Auf der Schadenseite profilierten sich neben der Hausratversicherung insbesondere die Haftpflichtversicherung und die Unfallversicherung als solide Erfolgslieferanten. Neben der Rechtsschutzversicherung erwies sich laut Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden- und Unfallversicherung bei Asskurata, das Kfz-Segment als wesentlicher Wachstumstreiber der Branche.

Hinzu kommt, dass auch die Wohngebäudeversicherung von vergleichsweise geringen Elementarschadenereignissen profitierte. Die Branche sei dort profitabel, sagt Wittkamp.

Für 2021 erwartet Wittkamp eine ähnliche Entwicklung: „Die pandemiebedingten Rückgänge auf der Schadenseite dürften sich weiter fortsetzen und die Ertragssituation der Branche erneut positiv beeinflussen“, so der Experte. Damit stehen auch für 2021 die Zeichen auf Wachstum.

„Wir sind sehr gut durch die Pandemie gekommen und hatten 2020 das fünfte Rekordjahr in Folge“, freut sich Uwe Schumacher, Vorstandsvorsitzender der Domcura AG, Kiel. Auch für die Alte Leipziger Versicherung war 2020 ein hervorragendes Jahr.

„Nicht nur weil es weniger Elementarschäden und Unfälle gab und weniger Auto gefahren wurde. Es ist auch ein Ergebnis der 2019er-Leistungen gewesen“, ergänzt Michael Neuhalfen, Vertriebsleiter bei der Alte Leipziger Versicherung. Ein Geschäftsjahr in der Kompositversicherung lebe auch ein Stück weit davon, was in den Vorjahren angebahnt wurde. „Und da waren wir offenbar erfolgreich im Vermittlermarkt“, so Neuhalfen.

Über 323 Millionen Verträge halten die Versicherer im Geschäftsfeld Sach- und Kompositversicherung mittlerweile in ihrem Bestand. Und bearbeiteten rund 22,9 Millionen Schadenfälle, von Hausbrand durch ein Gewitter über den Leitungswasserschaden bis hin zum abgedeckten Hausdach. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es in Deutschland Ende 2019 rund 42,5 Millionen Wohnungen.

Für den Traum von den eigenen vier Wänden nehmen die Deutschen laut dem Trendindikator des Immobilienfinanzierers Dr. Klein im Schnitt Hypotheken von rund 303.000 Euro. Vor zehn Jahren lag der Durchschnitt noch bei 145.000 Euro, vor fünf Jahren bei 193.000 Euro.

Doch nicht nur die Finanzierung der eigenen vier Wände kostet. Auch für Einrichtung greifen Besitzerinnen und Besitzer nochmals tief in die Tasche. Wer derart viel Geld in die Hand beziehungsweise als Kredit aufnimmt, wird sich zwangsläufig auch Gedanken über die passende Absicherung machen.

Wird die Immobilie finanziert, besteht der Kreditgeber gewöhnlich nur auf eine Feuerversicherung. Neben den Schäden, die an den Gebäuden entstehen können, empfiehlt sich aber auch, die Vermögenswerte im Inneren eines Objektes mit einer Hausratversicherung abzusichern. Angesichts der Vielzahl der Vermögenswerte, die bei möglichen Schadenfällen betroffen sein können, ist für Immobilieninhaber allerdings der Dreiklang aus Hausrat-, Haftpflicht und Wohngebäudeversicherung eine gute Wahl.

„Die Gebäudeversicherung ist mittlerweile eine Leitungswasserversicherung mit angeschlossenen Nebensparten.“

Im Standard sind in jeder Wohngebäudeversicherung die Grundgefahren Feuer, also Brand, Blitzschlag oder Explosion, Sturm, Hagel und Leitungswasser enthalten. Letzteres ist für rund 60 Prozent aller Schäden in der Wohngebäudeversicherung verantwortlich.

„Die Gebäudeversicherung ist mittlerweile eine Leitungswasserversicherung mit angeschlossenen Nebensparten“, sagt Neuhalfen beim Cash. Extra Roundtable Gewerbeversicherung. Grund hierfür sei, dass viele Gebäude in den 50er und 60er Jahren gebaut wurden. Der Gebäudebestand ist somit 60 oder 70 Jahr alt. „60 oder 70 Jahre alte Rohre sind marode“, so Neuhalfen.

60 Jahre alte Rohre sind marode

Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verursachen rund 1,1 Millionen Leitungswasserschäden Kosten von rund drei Milliarden Euro. Die Schadenshochburgen liegen laut GDV insbesondere in Nordrhein-Westfalen, im Rheinland. Aber auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es besonders viele undichte Leitungen. Abschaltautomatiken könnten helfen, die Schäden zu minimieren. Was sich dann letztlich auch in niedrigeren Prämien niederschlagen dürfte.

Uwe Schumacher beziffert die Kosten auf wenige hundert Euro. Zuzüglich des Einbau liege der Betrag im sehr niedrigen vierstelligen Bereich. Die Geräte sind eine Alternative. Doch gesetzlich vorgeschrieben sind sie nicht. „Da hat der Gesetzgeber versagt. Die Nachrüstung können wir fördern und das tun wir“, ergänzt Neuhalfen.

Angesichts der zunehmenden Schäden durch Leckagen gehen Versicherungsgesellschaften dazu über, gewisse Leitungswasser-schäden nicht mehr zu versichern. „Die Tendenz geht dahin, dass die Versicherer die Bedingungen zunehmend umfahren oder stark einschränken“, betont Melanie Freund, Leiterin des Fachbereich Schaden, Unfall, Haftpflicht beim Hamburger Analysehaus Softfair. Bei vielen Gebäuden sind, so Freund, seine Zu- und Ableitungen kaum noch versicherbar.

„Die Tendenz geht dahin, dass die Versicherer die Bedingungen zunehmend
umfahren oder stark einschränken.“

Doch nicht nur die Leitungswasserschäden bereiten den Sachversicherern Kopfschmerzen. Es ist – wieder einmal – eine Serie schwerer Gewitter- und Hagelstürme, die nicht nur Bürgern, sondern auch Deutschlands Versicherungen klar macht, dass das Klima im Wandel ist.

Massive Schäden bereits im Juni

Die massiven Unwetterfronten im Juni sorgten dafür, dass bundesweit von Baden-Württemberg über Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg bis hoch nach Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein quasi jeden Tag in einem anderen Ort Häuser, Läden oder Keller vollliefen und Autos in den Fluten absoffen.

Die Branche beobachtet seit Jahrzehnten steigende Unwetterschäden – nicht kontinuierlich von Jahr zu Jahr, aber im Langfristtrend sichtbar. „Bei Naturgefahren sehen wir, dass Frequenz und Intensität der Ereignisse zunehmen“, sagte Jörg Asmussen, der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Zugegebenermaßen sind das Extremereignisse, die stets an einem anderen Ort auftreten. Doch sie nehmen zu. Der durchschnittliche Sturm- und Hagelschaden an Wohngebäuden hat sich laut GDV von 1976 bis 2019 von 376 auf 1.591 mehr als vervierfacht.

Dabei gibt es ein Auf und Ab ruhiger und stürmischer Jahre, doch der Trend geht insgesamt nach oben. Charakteristisch ist auch, dass die Intensität einzelner Stürme zulegt. „So hat im vergangenen Jahr beispielsweise nur ein einziges Sturmtief mit 700 Millionen Euro ein Drittel der gesamten Naturgefahrenschäden für 2020 verursacht“, sagt Asmussen.

Starkregen und Hochwasser nicht versichert

Nun sind Sturm und Hagelschäden in der Wohngebäudversicherung inkludiert. Starkregen und Hochwasser sind es nicht. Und Wolken halten sich halt nicht an Deiche. „Gut 45 Prozent der Hauseigentümer haben ein Naturgefahrenabsicherung“, sagt Domcura-Vorstand Schumacher.

55 Prozent haben sie aber nicht. Grob gerechnet rund zehn Millionen Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer verzichten auf den Schutz. Während die Absicherungsquote in Baden-Württemberg aus historischen Gründen bei 93 Prozent liegt, ist die Quote in den Norddeutschland mit rund 20 Prozent viel zu niedrig.

Beim Kieler Assekuradeur Domcura liegt die Durchdringungsquote bei rund 70 Prozent. Zum einen, weil die Elementargefahrenabdeckung nahezu immer Bestandteil der beantragten Policen sei. Einen weiteren Grund sieht Schumacher im Vertriebsansatz. Der Assekuradeur verkauft seine Produkte über Makler und Vermittler.

Und die seien notfalls in der Haftung. Auch Alte Leipziger-Mann Neuhalfen sieht es als Aufgabe der Beratung, die Kunden deutlichst auf die Gefahren hinzuweisen. „Ein weggeflogenes Dach ist ärgerlich. Das kann man aber wieder decken. Ein vollgelaufenes Haus ist meistens unrettbar verloren.“ Und damit auch der Traum von den eigenen vier Wänden. (dr)

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