Gebt den Gefühlen eine Chance

Foto: Ellwanger & Geiger
Andreas Rapp

Wer sich selbst kennt und seine Emotionen reflektiert, trifft bessere Entscheidungen. Was nach Psychotherapie klingt, sollten auch Anleger beherzigen. Gastbeitrag von Andreas Rapp, Ellwanger & Geiger

Wer sich selbst kennt und seine Emotionen reflektiert, trifft bessere Entscheidungen. Was nach Psychotherapie klingt, sollten auch Anleger beherzigen. Gastbeitrag von Andreas Rapp, Ellwanger & Geiger

Emotionen haben eigentlich in der Welt der Kapitalmärkte und Finanzen nichts verloren. Und gerade Geldfragen sollen mit Verstand gehandhabt werden: Das jedenfalls ist die Idealvorstellung vieler Berater – der Anleger als rational und logisch handelndes Wesen.

Nur die Realität ist eine andere: Im Leben wie in Finanzfragen dominiert bei Entscheidungen, die Menschen treffen, häufig nicht die Ratio. Weil Emotionen und Persönlichkeit untrennbar miteinander verwoben sind, birgt die Vorstellung einer rein faktengetriebenen Anlageentscheidung ohnehin enormes Illusionspotenzial. Wie bei jeder anderen Kaufentscheidung auch spielen Emotionen eine wesentliche Rolle, wenn es um Kapitalanlagen geht.

Negative Beispiele hierfür gibt es zu Hauf: Man nehme etwa gerade die bei Unternehmern ausgeprägte Neigung vor allem in Anlagebereichen zu investieren, wo man selbst beruflich erfolgreich ist. Man kauft also gerne, was man vermeintlich kennt. Das hat häufig erhebliche Klumpenrisiken im Portfolio zur Folge, weil bestimmte Branchen oder Länder überrepräsentiert sind.

Ähnlich beliebt: Anstatt Investitionen, die nicht so gelaufen sind wie erhofft, als Verlust abzuschreiben, wird weiter investiert und in der Regel noch mehr Geld unwiederbringlich versenkt. Der sogenannte “Sunk cost”-Effekt oder “Dem schlechten Geld noch gutes hinterherwerfen”, wie es im Volksmund heißt, gilt also bei Weitem nicht nur nach der wiederholten Reparatur der eigenen Lieblingskarosse.

Emotionen besser als ihr Ruf

Es hilft also nichts, auch als Anleger sollte man sich mit seiner Persönlichkeit und Emotionen beschäftigen. Studien haben sogar gezeigt, dass Emotionen besser sein können als ihr Ruf und zu fundierteren Investitionen führen, weil sie dabei helfen können, unwichtigere Details auszublenden. Wer in der Lage ist, seine eigenen Gefühle zu identifizieren und zu reflektieren, trifft stringentere Anlageentscheidungen. Beispiel Risikobereitschaft. Der Finanz-Fachliteratur zufolge geht es dabei um die potenziellen Verluste, die in Kauf genommen werden, um einen Gewinn zu erzielen – so ist steigender Ertrag mit steigendem Risiko verbunden.

Das greift jedoch häufig zu kurz. Denn beim Risiko sehen viele auch die Gewinn-Möglichkeiten, achten also nicht einseitig auf den potenziellen Schaden. Während die einen den Fokus darauflegen, Risiken kontrollieren zu wollen, gibt es andere, die bewusst und gerne Risiken eingehen: Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es auch Anleger gibt, die bereit sind, Verluste um der Chancen willen auszuhalten.

Sich nicht von der eigenen Wahrnehmung täuschen lassen

Hier sollte man sich also gewahr werden, welcher Risikotyp man eigentlich ist. Diese Risikofreude unterschätzen auch Berater häufig, weshalb es auch einer der Gründe ist, warum Portfolios gerade im vermögenden Bereich insgesamt zu ähnlich strukturiert sind.

Während die eigentliche Risikobereitschaft stabil bleibt, kann sich freilich die Wahrnehmung von Risiken verändern. Dies macht sich dann insbesondere in Krisenphasen oder Hypes bemerkbar. Und hat wiederum mit Emotionen zu tun: Sich hier nicht von allgemeiner Begeisterung, Gier oder auf der anderen Seite von negativen Gefühlen wie Angst mitreißen zu lassen, funktioniert nur, wenn man seine eigenen Koordinaten genau definiert hat und diese emotionale Komfortzone gerade bei wichtigen Anlageentscheidungen nicht verlässt.

Autor Andreas Rapp ist Leiter Private Banking bei Ellwanger & Geiger.

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