Die Bröning-Kolumne: Nominal, real – eben nicht egal!

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Tim Bröning, Fonds Finanz

Expertenwissen, zumal in Sachen Finanzen und Wirtschaft, ist in der deutschen Politik offenbar nicht so weit verbreitet. Dabei ist es gerade in der derzeitigen Lage wichtig, die Bedeutung von nominal und real zu verstehen, um auch die aktuellen Diskussionen über mögliche Zinserhöhungen verstehen und einordnen zu können.

Mit Fachkenntnissen ist es bei manch deutschem Politiker so eine Sache. Der mögliche zukünftige Finanzminister Robert Habeck gab in einem Interview zu erkennen, dass er kein Experte in Sachen Eigenkapitalvorschriften und Bankwesen ist. Und unser amtierender Finanzminister Olaf Scholz postulierte vor einiger Zeit noch ganz unverhohlen trotz Niedrigstzinsen sein Geld auf einem Sparbuch und dem Girokonto anzulegen. Gleichzeitig möchte Scholz mit seinen Steuerplänen langfristiges Investieren sogar noch unattraktiver machen. Ein erschütterndes Signal für alle Normalsterblichen, die auf eine aktien- oder fondsbasierte Zusatzrente im Alter angewiesen sind. Für ein Ministeramt scheint hierzulande nicht unbedingt Expertenwissen relevant zu sein. 

Es geht auch anders

In den USA dagegen läuft es anders. Dort wird ein Ex-General Verteidigungsminister und die amtierende Finanzministerin Janet Yellen – eine Wirtschaftswissenschaftlerin – leitete von 2014 bis 2018 die mächtigste Notenbank der Welt, die Fed (Federal Reserve System). Und deshalb hören Investoren auch ganz genau zu, wenn Frau Yellen sich zum geldpolitischen Kurs der US-Notenbank äußert. Das tat sie in letzter Zeit sogar häufiger, obwohl die Unabhängigkeit einer Notenbank das höchste Gut ist. Während Yellen als Präsidentin der Fed als „Taube“, also als eine Vertreterin der sehr lockeren und expansiven Geldpolitik galt, sind steigende Zinsen für sie heute „keine schlechte Sache“. Damit läutete Yellen die Zinswende verbal ein. 

Vorbereitung auf eine restriktivere Geldpolitik

Jerome Powell, ihrem Nachfolger im Amt des Fed-Präsidenten, erweist sie dabei einen Bärendienst. Powell hat Zinserhöhungen bis Ende 2023 (eigentlich) ausgeschlossen, was bei weiter niedrigen Inflationszahlen und Rekordschulden von Unternehmen und Staaten naheliegend gewesen wäre. Allerdings steigen seit ein paar Monaten die Inflationszahlen, allen voran in den USA, rasant an. Anfang Juni wurde sogar eine Steigerung der Verbraucherpreise um fünf Prozent berichtet.

Powell und seine Fed-Kollegen sahen sich deshalb bei der letzten Notenbanksitzung Mitte Juni dazu veranlasst, die Kapitalmarktteilnehmer auf eine restriktivere Geldpolitik vorzubereiten. So sind nunmehr zwei Zinsschritte bereits für das Jahr 2023 nicht unwahrscheinlich. Anleger müssen jetzt genau rechnen, denn: Für sie sind nicht die Nominalzinsen, sondern die Realzinsen, also die Nominalzinsen abzüglich der Inflation das Maß der Dinge.

Nur so wird der tatsächliche Kaufkraftverlust sichtbar. Und die Realzinsen fallen wegen den anziehenden Inflationsdaten derzeit ins Bodenlose. Am größten und wichtigsten Kapitalmarkt der Welt, den USA, liegen sie Mitte Juni für einen Fünfjahreszeitraum bei etwa Minus 4,3 Prozent. 

Schwierigster Job der Welt

Powell hat derzeit den wohl schwierigsten Job der Welt. Er muss beurteilen, ob die gestiegene Inflation dauerhaft und Zinserhöhungen damit notwendig, oder ob die Preissteigerungen nur vorübergehend sind. Anleihen, die wohl am stärksten unter weiter steigender Inflation und potenziellen Zinserhöhungen leidende Anlageklasse, fahren derzeit Achterbahn. Für den Aktienmarkt sind negative Realzinsen dagegen positiv. Insbesondere Wachstumsunternehmen profitieren, da ihre meist weit in der Zukunft liegenden Gewinne bei niedrigen und negativen Renditen rechnerisch an Wert gewinnen.

Zudem können Unternehmen bei steigender Inflation oftmals ihre Preise erhöhen und ihre Margen vereinzelt sogar ausweiten, solange die Lohnkosten nicht entsprechend mitsteigen. Drehen die Realzinsen aber zu weit ins Positive, könnten sich Anleger aus ihren Aktienpositionen zurückziehen, um ihr Geld weniger riskant anzulegen. Gold profitiert ebenfalls von höheren Inflationszahlen und sinkenden bzw. negativen Realrenditen. Es ist also nicht ganz einfach, die einzelnen Szenarien sauber zu trennen.

Auch wenn Powell die ultralockere Geldpolitik nun tatsächlich beenden möchte, die monatlichen Anleihekäufe drosselt und schlussendlich an der Zinsschraube dreht, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine Zinssteigerungen von drei bis vier Prozentpunkten wie in früheren Zinserhöhungszyklen geben. Diese wären für die hochverschuldeten Staaten und Unternehmen weltweit nicht zu finanzieren. Insgeheim setzen Politiker und Notenbanker ohnehin auf Inflation, um so die hohen Schuldenberge zu reduzieren, wie es die USA nach dem Zweiten Weltkrieges erfolgreich praktiziert hatten.

Nicht verunsichern lassen

Anleger sollten sich trotz der aufkommenden Diskussion über Zinserhöhungen nicht verunsichern lassen. Die ökonomischen Rahmenbedingungen lassen deutliche Zinsschritte nicht zu. Beginnt die Fed, die Geldexpansion der letzten Jahre zurückzudrehen, wird sie wegen der hohen Staatsschulden schnell an Grenzen stoßen. Die genaue Betrachtung der Realrenditen kann dabei helfen, sich auf die Anlageklassen zu konzentrieren, die eine reelle Chance haben, die Kaufkraft nach Inflation zu erhalten oder die im besten Falle sogar von den Preissteigerungen profitieren. Realer Kapitalerhalt ist im aktuellen Marktumfeld nur mit Aktien und Gold möglich.

Tim Bröning ist seit 2009 in der Geschäftsleitung der Fonds Finanz Maklerservice GmbH und verantwortlich für den Bereich Non-Insurance, Finance & Legal.

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