Gutes Gewissen gewinnt

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Verstörende Schönheit: Immer wieder brechen gewaltige Eisberge vom Jakobshavn-Gletscher auf Grönland ab – dramatische Zeichen des Klimawandels

Kaum ein Thema ist aktuell beliebter als eine verantwortungsvolle Geldanlage oder nachhaltiges Investieren, die Zuflüsse erreichten im Jahr 2020 neue Rekorde. Und aufgrund von neuer Regulatorik dürfte das Thema in diesem Jahr richtig abheben. Ein Wegweiser ins Grüne.

Das vergangene Jahr hat eindrucksvoll veranschaulicht, dass Märkte und Staaten lernen müssen, mit neuen Risiken wie Pandemien, Klimawandel oder sozialen Unruhen umzugehen. Was dies künftig für die Finanzindustrie bedeutet, bringt Allianz-Chef Oliver Bäte so auf den Punkt: „Es ist die wichtigste Aufgabe der kommenden Dekade, eine nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft zu gestalten.“

Die Münchner haben sich vor gut zwei Jahren mit anderen Großinvestoren in der sogenannten Net-Zero Asset Owner Alliance zusammengeschlossen, um die Klimagase zu reduzieren. Das Klimabündnis, das unter dem Dach der Vereinten Nationen angesiedelt ist, umfasst mittlerweile 30 internationale Investmentgesellschaften mit verwalteten Kapitalanlagen von mehr als fünf Billionen Dollar und hat sich ein ambitioniertes Zwischenziel bis 2025 gesteckt: In den kommenden vier Jahren sollen sich die Emissionen der Kapitalanlagen messbar verringern.

„Der Klimawandel wird zum Game Changer“, glaubt Volker Schulz, mitverantwortlich für den im Bernecker-Verlag erscheinenden, mehrfach prämierten ‚Aktionärsbrief’. Als Haupttreiber sieht er die Politik: „Die Präsidentin der Europäischen Kommission hat im Herbst 2020 die Klimaziele für die Europäische Union noch einmal nach oben korrigiert.“ Bis 2030, so der Plan, müssen die EU-Mitgliedsländer ihren CO2-Ausstoß um mindestens 55 Prozent reduziert haben. Spätestens im Jahr 2050 soll gar die komplette Klimaneutralität erreicht sein.

Um diesen Prozess voranzutreiben, wird das Konjunkturpaket der EU auf das Ziel zugeschnitten: Von insgesamt vereinbarten 1,8 Billionen Euro sollen 540 Milliarden direkt in den Klimaschutz fließen. Auch die Vereinigten Staaten drücken aufs Tempo. „Joe Biden als neuer US-Präsident treibt das Thema ebenso weiter nach vorn“, ist Schulz überzeugt. Die spannendsten Sektoren liegen für ihn im Bereich der regenerativen Energien: „Ohne grünen Strom macht Wasserstoff und E-Mobility keinen Sinn, die Aufwertung von Wind- und Solarparks hat eben erst begonnen.“

Einer der ältesten Klimafonds kommt von Deutschlands Pionier in Sachen ökologisch und ethisch-sozial orientierter Kapitalanlage. Der vom Fondsmanagementteam um Ökoworld-CIO Alexander Mozer gelenkte Ökoworld Klima wurde bereits 2007 aufgelegt und ist sehr erfolgreich unterwegs.

Über die letzten zehn Jahre begeisterte der Fonds mit einer annualisierten Wertentwicklung von jährlich mehr als 23,5 Prozent seine Anleger. Die weltweiten Anstrengungen zur Lösung der Klimaprobleme bieten gute Investmentchancen. Dazu zählen die Steigerung der Energieeffizienz, Recycling oder Technologien zur Reduzierung des Rohstoffeinsatzes in Industrie und Landwirtschaft. Unternehmen, die energie- und ressourceneffiziente Technologien entwickeln, gelten als die ökonomischen Gewinner der Zukunft, so Ökoworld.

Der Rückgang der natürlichen Ressourcen in Verbindung mit der Zunahme der Bevölkerung und des weltweiten Konsums verschärft die Lage. Laut Global Footprint Network lebt die Menschheit ab dem 22. August eines jeden Jahres auf Pump. „Wenn wir nichts unternehmen, bräuchten wir bis 2050 drei Planeten Erde, um die Bedürfnisse der Menschheit zu decken“, mahnt Monika Kumar, Fondsmanagerin beim auf Nachhaltigkeit spezialisierten Vermögensverwalter Candriam.

Nachhaltigkeit ist seit Jahren ein omnipräsentes Dauerthema an den Finanzmärkten – und wird es bleiben. „Es nimmt vielmehr erst richtig Fahrt auf, wenn auch andere Regionen der Welt sich so intensiv damit auseinandersetzen wie wir in Europa“, unterstreicht Karsten Stroh, Investmentspezialist bei JP Morgan.

Hohe Nachfrage nach klimabezogenen Investments

Anleger können ihr Erspartes somit weiterhin mit gutem Gewissen vermehren. „Das Kapital folgt der Nachhaltigkeit und führt dort zu einer Ausweitung der Bewertung“, betont Volker Schulz, der die Märkte seit vielen Jahren intensiv begleitet, „in der nächsten Dekade wird das aus Anlegersicht ein wichtiger Aspekt und ist dementsprechend im Portfolio zu berücksichtigen.“ Eine Möglichkeit ist der Templeton Global Climate Change Fund, der im vergangenen Jahr um 18 Prozent zulegte. „Bei klimabezogenen Investments ist die größte Nachfrage zu spüren“, beobachtet Fondsmanager Maarten Bloemen.

Der Anlagefokus seines rund 50 Aktien umfassenden Portfolios liegt auf den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz und nachhaltiger Transport, vor allem Elektrofahrzeuge, Batterien und Speicher sowie futuristischere Lösungen im großen Maßstab wie grüner Wasserstoff, Brennstoffzellen und Abscheidungs- und Speichermöglichkeiten. Bei der Suche nach vernünftig bewerteten Titeln unterstützt ihn ein proprietäres Modell, das von einer Reihe externer und interner Metriken gesteuert wird. „Darüber hinaus erstellen wir für jede in Frage kommende Aktienidee ein umfassendes Fünf-Jahres-Finanzmodell sowie ein Bewertungstool, das Risiken und Chancen einbezieht und eine ESG-Analyse beinhaltet“, so Bloemen.

Energie-Effizienz ist das größte Thema in seinem Fonds. Deutlich erhöht hat Bloemen in den vergangenen Monaten auch seine Positionierung im Bereich „Transitioning“, der inzwischen fast ein Viertel des Portfolios ausmacht. Gemeint sind Unternehmen, die in Bezug auf die Kohlenstoffintensität und/oder das Engagement in Klimalösungen voraussichtlich führend sein werden, jedoch aktuell weniger als die Hälfte ihrer Erträge mit diesem Bereich erzielen. Die Top 3 im Templeton Global Climate Change Fund waren zuletzt die wohl nur Szenekennern geläufigen Azure Power, der italienische Kabelhersteller Prysmian und der US-Verpackungsmittelhersteller Crown Holdings.

Monika Kumar, Candriam: „Wenn wir nichts unternehmen, bräuchten wir bis 2050 drei Planeten Erde.“ Foto: David Arous

Der im April 2020 aufgelegte Candriam Sustainable Equity Circular Economy ist die jüngste Ergänzung im breiten thematischen Aktienportfolio der Vermögensverwaltungs-Tochter des US-Versicherers New York Life. „Kreislaufwirtschaft ist ein Bereich, der aufgrund der zunehmenden Regulatorik und der weltweit grassierenden Ressourcenverschwendung in den nächsten Jahren an Fahrt aufnehmen dürfte und Anlegern allein aus vor diesem Hintergrund Rendite-Potenzial bieten“, ist Fondsmanagerin Monika Kumar überzeugt.

Ein eigens gegründeter Ausschuss für Kreislaufwirtschaft aus fünf Experten soll anhand eines proprietären Analysemodell die interessantesten Unternehmen identifizieren. So landen nur Unternehmen im Portfolio, die die Verwendung von neuen Rohstoffen und die Abfallproduktion reduzieren und vermeiden und dadurch den ökologischen Fußabdruck der konsumierten Produkte verringern. Dazu gehören auch Firmen wie Nike oder das US-amerikanische Software-Unternehmen Autodesk. Um sein nachhaltiges Bestreben zu untermauern, verpflichtet sich Candriam dazu, zehn Prozent der Netto-Verwaltungsgebühren an Organisationen zu zahlen, die Lösungen für den Übergang in die Kreislaufwirtschaft entwickeln.

Jeroen Bos, der den bewerteten NN European Sustainable Equity steuert, hat sein Portfolio zuletzt in Richtung einer Normalisierung der Gesellschaft post-Covid-Krise ausgerichtet. Zugleich hat er mit seinem Team das Exposure im Bereich Energieeffizienz verstärkt und sich so positioniert, dass er weiter von den Trends der Kreislaufwirtschaft profitieren kann.

Am höchsten gewichtet in dem mit der Bestnote von fünf Morningstar-Sternen ausgezeichneten Anlagepool ist der gerade in Sachen ESG umstrittene Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé. Auf den Plätzen folgen der weltweit größte Anbieter von Lithographie-Systemen für die Halbleiterindustrie ASML Holding und der französische Konsumgüterkonzern L’Oréal.

Hohe Wertschwankungen einkalkulieren

Der JP Morgan Europe Sustainable Fund wiederum investiert in einige zukunftsorientierte Segmente wie nachhaltige Mobilität, Energieeffizienz, Ernährung und Bildung. Fondsmanager Richard Webb und sein Team bauen bei der Titelauswahl auf eine Kombination aus eigenen Recherchen und Daten von Drittanbietern, firmeneigenen Modellen, Fundamentalanalysen und Informationen über Unternehmensaktivitäten. Die Firmen werden auf absoluter Basis und relativ zu ihrer Peergroup bewertet.

Zuletzt haben die Fondsmanager die Position in der Versicherungsbranche durch den Kauf der französischen Versicherungsgesellschaft AXA ausgebaut. „Das Ziel war, das Engagement in attraktiven Value-Aktien auszubauen.“ Anleger brauchen indes gute Nerven: Konnte der JP Morgan Europe Sustainable Fund 2019 seinen Wert um 28,6 Prozent steigern, stand im vergangenen Jahr lediglich ein Plus von vier Prozent zu Buche.

Besonders gut lief es beim DNB Rewenable Energy. Seit Beginn dieses Jahres kamen bereits knapp elf Prozent hinzu. Der von Christian Rom gesteuerte Fonds investiert vorwiegend in Aktien von Unternehmen aus den Sektoren der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. Die größten der zuletzt 64 Positionen sind der italienische Energiekonzern Enel, die US-amerikanische First Solar und mit China Longyuan Power Group der größte Windkraftproduzent in Asien.

Zu den größten Neuzugängen in diesem Jahr zählt mit Wartsila ein weltweit führender Anbieter von nachhaltigen Lösungen für den Schifffahrtssektor, der zudem Speicher- und andere Ausgleichslösungen für den Energiesektor liefert. „Wartsila liefert die effizientesten Motoren für den Marinesektor, die eine hohe Toleranz gegenüber verschiedenen Kraftstoffen aufweisen“, erläutert Christian Rom, „dies wird entscheidend sein, wenn die Industrie beginnt, die nächste Generation von Schiffen zu bestellen.“

Hubert Aarts, BNP Paribas, findet gegenwärtig das Potenzial der „Fabrik der Zukunft“ sehr interessant. Foto: BNP Paribas

Hubert Aarts, Fondsmanager des BNP Paribas Global Environment, investiert in unterbewertete Unternehmen aus dem Umweltsektor. Für das Portfolio kommen nur Firmen infrage, deren Umsatz zu mindestens einem Fünftel aus dem Verkauf von Umweltprodukten oder -dienstleistungen auf den Märkten für Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Wasser, Abfall sowie nachhaltige Lebensmittel und Landwirtschaft stammt.

Aktuell interessant findet er neben der „Fabrik der Zukunft“ und der damit verbundenen effizienten Integration von Software und Hardware auch die Lösungen zur Erhaltung der Biodiversität. Mit knapp 55 Prozent entfiel zuletzt mehr als die Hälfte des 48 Titel umfassenden Portfolios auf US-amerikanische Aktien wie American Waterworks oder Idex, das Pumpen, Durchflussmesser sowie Komponenten und technische Produkte verkauft. Mit 3,5 Prozent am höchsten gewichtet ist der im Dax gelistete Gas- und Engineering-Konzern Linde.

Auch wenn Nachhaltigkeit über viele Jahre hinaus ein zentrales Thema an den Finanzmärkten bleiben wird, sollten Anleger die Risiken nicht ausblenden. Für Aktionärsbrief-Co-Chefredakteur Volker Schulz etwa liegt die größte Unwägbarkeit in einer Fehlallokation von Kapital nur in eine Richtung: „Daraus resultieren Bewertungsexzesse wie aktuell im Bereich Wasserstoff und E-Mobility.“ Ebenfalls im Auge behalten solle man das Verhalten der Behörden. Überzieht die EU in der Regulierungsdynamik in Sachen Nachhaltigkeit, sieht er erhebliche Wettbewerbsnachteile für etablierte europäische Industriekonzerne.

Autor Christian Euler ist Buchautor und Wirtschaftsjournalist.

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