Nullzinswelt: Was Europa von Japan lernen kann

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Japans Rentner haben lange Erfahrung mit der Nullzinswelt, die sich in Europa und den USA etabliert hat. Doch trotz fehlender oder minimaler Renditen schafft es die alternde Bevölkerung in Japan, ein gewisses Einkommen zu erzielen. Wie legen sie ihr Geld an? Wie können Banken Anleger im Nullzinsumfeld unterstützen?

Seit Jahrzehnten verschaffen sich die Japaner höhere Renditen, indem sie Devisengeschäfte tätigen. Wie geht das? Banken, die sich Geld beschaffen müssen, bieten dem Privatkundenmarkt in Japan hochverzinsliche Uridashi-Anleihen (Zweitangebot an Anleihen außerhalb Japans) an, die an Währungen von Schwellenländern gekoppelt sind. Die Anleihen tragen das Risiko der Schwellenmarktwährung (daher die hohe Rendite), aber ohne das Ausfallrisiko dieser Märkte, da der Emittent in der Regel eine angesehene Bank mit hohem Kreditrating ist.

So funktioniert es: Angenommen Südafrika besitzt einen Zinssatz von etwa sieben Prozent. Große Förderbanken mit hohem Kreditrating können Anleihen ausgeben, die auf ZAR (Südafrikanischer Rand) lauten und hohe Kupons zahlen: Die Zinszahlungen werden jedoch in JPY (Japanische Yen) umge- rechnet und gezahlt, so dass der japanische Investor JPY auf sein Girokonto bekommt.


Pedro Porfirio: „Wenn die großen Banken diese Gelegenheit nicht nutzen, ist der Weg frei für große Fintech-Firmen.“

„Coupon Clipping“ – ein Rechenbeispiel

Angenommen 10 JPY kosten zum heutigen Devisenkurs 1 ZAR und die Zinsen in Südafrika betragen sieben Prozent. Die Weltbank kann dann eine Fünf-Jahres-Anleihe in Höhe von 100 ZAR ausgeben, die jährlich sieben Prozent zahlt und eine Laufzeit von fünf Jahren hat.

Bei einem Wechselkurs von 10 JPY für 1 ZAR wird der japanische Investor, der diese 100-ZAR-Anleihe kauft, 1.000 JPY dafür bezahlen. Wenn sich der Wechselkurs nicht ändert, erhält er für die 100 ZAR, die der Schein wert ist, 70 JPY pro Jahr und 1.000 JPY zurück, im Vergleich dazu erhält er 0,1 Prozent (oder 1 JPY) auf eine Standardinvestition von 1.000 JPY.

Aber Devisen bewegen sich, normalerweise nicht zu Gunsten der lokalen Währung. Wenn die Währung um 100 Prozent abwertet (1 ZAR kostet jetzt 5 JPY), erhält der Investor immer noch 35 JPY pro Jahr (7 ZAR x 5 JPY pro ZAR). Am Ende der Laufzeit werden die 100 ZAR wieder in 500 JPY umgewandelt, so dass der Anleger insgesamt 675 JPY für seine 1.000 JPY-Investition erhält (500 JPY + 5 mal x 35 Zinsen). Dies mag nicht nach einer großen Rendite klingen, wenn man es mit dem vergleicht, was der Investor ursprünglich erwartet hat, aber es ist immer noch besser als Null.

Und wenn der ZAR so abwertet, werden die lokalen Zinssätze wahrscheinlich höher sein, sagen wir 12 Prozent. Bei Fälligkeit verwendet der Investor also seine 500 JPY, um eine weitere ZAR-Anleihe im Wert von 100 ZAR zu kaufen, die bei einem Zinssatz von 12 Prozent 60 JPY pro Jahr auszahlt. Das jährliche Einkommen des Anlegers beträgt nun 60 JPY, weniger als die ursprünglichen 70 JPY, aber wie bereits erwähnt immer noch viel besser als eine lokale Investition mit 1 JPY Einkommen pro Jahr.

Anleger müssen Ersparnisse nicht verbrauchen, um zu überleben

„Coupon Clipping“ bedeutet, dass Investoren ihre Ersparnisse nicht aufbrauchen müssen, um zu überleben, sondern stattdessen die Zinserträge nutzen. Im Gegensatz zu dem, was man in der Vergangenheit in den entwickelten Ländern gemacht hat (z.B. Investoren in den USA, die steuerfreie Staatsanleihen kaufen), birgt diese Art der Investition ein hohes Risiko. Doch angesichts der ultraniedrigen Zinssätze und der alternden Bevölkerung könnte diese Art von Anlegerverhalten dennoch zunehmend auch attraktiv für Europa und die USA werden. Und was ist mit normalen hochverzinslichen Unternehmensanleihen?

Massive Emissionstätigkeit bei Unternehmensanleihen

Wir haben einen massiven Aufschwung bei der Emission von Unternehmensanleihen erlebt, da die Unternehmen Barmittel benötigen und die Banken nicht daran interessiert sind, ihr Kreditengagement zu erhöhen. Das Angebot ist da, aber wenn die Nachfrage höher ist, werden sich die Kreditspreads nach unten bewegen und die Rendite wird immer geringer. Wer Zweifel an der Jagd der Menschen nach Rendite hat, muss sich nur den Aktienmarkt anschauen…

Wenn also das Angebot an Unternehmensanleihen abnimmt und die Zinsen weiterhin niedrig bleiben, wird es nicht überraschen, wenn Finanzinstitute damit beginnen, Privatanlegern in Ländern wie den USA, Großbritannien und der EU, Anleihen anzubieten, die den Uridashis ähneln. Wenn die großen Banken diese Gelegenheit nicht nutzen, ist der Weg frei für große Fintech-Unternehmen, die einsteigen.

Das Rennen ist also eröffnet. Retail-Banken haben einen guten Vorsprung, da ihre Kunden generell nicht sehr wechsel- motiviert sind. Aber mit den Fintechs, die immer mehr Geschäft abgreifen, ist klar, dass geringe Wechselmotivationen ihre Grenzen haben. Wie können Banken von diesem Trend profi- tieren – falls (oder wenn) er eintritt – und sich schnell und ohne massive Investitionen verteidigen?

Plattforminfizierung des Bankwesens: Differenzierung zum Erfolg

Plattformen werden wahrscheinlich die Antwort darauf sein, um von eventuell aufkommenden Anlegertrends zu profitieren. Um in der sich abzeichnenden neuen digitalen Bankenlandschaft erfolgreich zu sein, müssen sich Finanzdienstleister von anderen abheben und ihre Dienstleistungen differenzieren können.

Die Zusammenarbeit mit Plattformen von Drittanbietern bietet Finanzinstituten einen schnellen Turnaround und ROI. Kosten, Komplexität und Zeitaufwand, um nützliche Funktionen zu den bestehenden Kernsystemen hinzuzufügen, können eingespart werden. Die Offenheit, die Vorteile eines Plattform- zu-Plattform-Ansatzes als Teil eines vollständig vernetzten, offenen Ökosystems zu nutzen, ermöglicht es Finanzinstituten, die neuesten Fintech-Entwicklungen zu nutzen und ihren Kunden anzubieten.

Finanzinstitute, die über Expertise in der Finanzberatung von Rentnern in Ländern mit einer alternden Bevölkerung verfügen (wie in Europa), sollten sich um eine Skalierung und Erweiterung der Alternativen für ihre Kunden bemühen. Das Angebot von Anleihen des Typs Uridashi bietet nicht nur eine bewährte und vertrauenswürdige Zinsertragsalternative für Anleger, sondern da die Anleihen in der Regel von Entwicklungsbanken mit hoher Bonität ausgegeben werden, helfen sie zugleich auch bei der Finanzierung von nachhaltigen Projekten in Regionen, in denen Unterstützung benötigt wird. Die Marktteilnehmer sollten überlegen, wie ein plattformbasierter Ansatz, Banking as a Service (BaaS) oder ein Embedded-Finance- Geschäftsmodell ihnen helfen kann, mit Partnern zusammenzuarbeiten, um neue Zielgruppen zu erreichen.

“Primary Issuance as a Service”

Mit einer Plattform wie der FusionFabric.cloud müssen Banken ihre Produkte nicht neu erfinden: Sie können sich einfach mit Unternehmen verbinden, die Neuemissionen im Auftrag von Förderbanken durchführen, und Produkte direkt an- bieten. Ob man es nun „Primary Issuance as a Service“ oder „High Yield Bonds as a Service“ nennt, es ist auch eine Möglichkeit, das Risiko effektiv zu übertragen, da die Rolle der Banken nur darin besteht, die Produkte direkt an den Kunden zu bringen. Wird das beschriebene Szenario der Uridashi-ähnlichen-Anleihen eintreten?

Wenn wir Glück haben und Aktien den Weg richtig weisen (und nicht nur wegen der überschüssigen Liquidität im System hochgepumpt werden), dann wird die aufgestaute wirtschaftliche Aktivität in Gang kommen und die Inflation wird zurückkehren. Dann wird man für Anleihen auch wieder ordentlichen Zinserträgen bekommen. Doch sollten sich die Nullzinsen weiter fortsetzen, können die hohe Renditen von Schwellenländern, eine Gelegenheit für Banken sein, ihren Kunden ein großartiges Produkt anzubieten, solange sie über Plattformen und Partnerschaften verfügen, um die Vorteile davon zu nutzen.

Autor Pedro Porfirio ist Global Head of Treasury & Capital Markets bei Finastra.

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