Nachhaltiges Investieren in der EU: Vom Tiefschlaf in den Halbschlaf

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Tim Bröning, Fonds Finanz

Seit einiger Zeit nimmt das Vorhaben der Europäischen Union, Investments in nachhaltiges Wachstum zu fördern, konkrete Formen an. Bislang waren vor allem Produktanbieter von den Regelungen betroffen. Ab diesem Sommer soll nun auch den Kunden eine aktive Rolle zukommen. So müssen Anlageberater ihre Kunden künftig nach ihren Präferenzen zur nachhaltigen Geldanlage befragen. Dieser wichtige Schritt soll Anleger dazu bewegen, sich mit dem verantwortungsvollen Investieren zu befassen.

Damit nutzt die EU ihre Macht und steuert die Richtung, in die Anlegergelder fließen sollen. Äußerst irritierend und wenig nachhaltig scheint daher die Entscheidung der EU-Kommission, Investitionen in neue Atom- und Gaskraftwerke vorübergehend als nachhaltig einzustufen. Der Vorstoß wird nach der als wahrscheinlich geltenden Zustimmung des EU-Parlaments in die sogenannte „Taxonomie“ aufgenommen werden. Dabei handelt es sich um eine Verordnung, die definiert, welche Investments als nachhaltig gelten.

Die EU stellt sich der Energielücke

Nach der Entscheidung hagelte es nachvollziehbare Kritik. Die österreichische Regierung, die ganz auf erneuerbare Energien setzt, will sogar dagegen klagen. Allerdings begegnet die EU-Kommission mit ihrer augenscheinlich unverständlichen Lösung einem massiven Problem: Während der Energiebedarf drastisch steigen soll, kommt der Ausbau erneuerbarer Energien nur schleppend voran – vor allem in Deutschland. Fast ein Drittel des hierzulande erzeugten Stroms stammte im dritten Quartal 2021 laut des Statistischen Bundesamtes aus der Kohleverbrennung, aus der die Ampelkoalition bis 2030 aussteigen will.

Hinzu kommt, dass Deutschland laut dem Analyseunternehmen EuPD Research trotz der Kohlekraft schon dieses Jahr eine Energielücke von 37 Terawattstunden droht, was rund sieben Prozent des Gesamtbedarfs entspricht. Das ist nur der Anfang eines viel größeren Mangels, denn nicht nur das derzeitige Verbrauchsniveau will gedeckt werden, der Bedarf soll bis 2030 auch noch um 20 Prozent steigen! Auch für die Wirtschaft wird die Energielücke zum Problem. Die Strompreise würden dadurch weiter stark anziehen. Unsere wichtigsten Industrien wie die energieintensive Autobranche sind bereits davon betroffen. In einem Brandbrief an die Bundesregierung vom Herbst letzten Jahres schrieben die Chefs verschiedener Zulieferer-Verbände, dass unter anderem die hohen Energiekosten den Standort Deutschland gefährden.

Beschreiten wir den Königsweg oder sind wir am Boden der Tatsachen?

Am besten wäre es, die Energielücke allein durch erneuerbare Energien zu schließen. Doch die Chancen, ohne Brückentechnologie wie Atomkraft oder Gas auszukommen, sind dank anhaltender politischer Blockaden – wie der 10H-Regel in Bayern, bei der Windkraftanlagen einen Mindestabstand vom zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden haben müssen – verschwindend gering.

Geht es nach der EU-Kommission, sollen bis maximal 2045 Investments in den Bau moderner Kernkraftwerke und bis 2030 Gelder zur Errichtung neuer Gaskraftwerke als nachhaltig gelten. Dadurch soll insgesamt CO2 eingespart, die Klimaziele erreicht und gleichzeitig die Energieversorgung sichergestellt werden. Doch die beiden Technologien sind nicht gleich gut geeignet, um Treibhausgase zu reduzieren. Während die Verbrennung von Erdgas CO2 erzeugt, kommt die Kernkraft bei der Stromgewinnung ganz ohne den Ausstoß klimaschädlicher Gase aus. Selbst die Berechnungen von Atomkraftgegnern ergeben, dass Kernkraftwerke über ihren gesamten Lebenszyklus, der unter anderem den Energieaufwand zur Uranförderung und Endlagerung einbezieht, 3,5 Mal weniger CO2 erzeugen als die Gasverstromung.

Das bedeutet im Übrigen nicht, dass die Kernkraft nicht auch gravierende und hinlänglich bekannte Nachteile birgt, wie etwa den Atommüll, aber auch Unfallrisiken. In Sachen Klimaschutz ist sie dem Erdgas allerdings eindeutig überlegen. Dass es sich hierbei um ungleiche Ansätze im Kampf gegen den Klimawandel handelt, weiß wohl auch die EU-Kommission, denn in der Taxonomie soll die moderne Atomkraft im Vergleich zu Gaskraftwerken deutlich länger als nachhaltig gelten. Auch dürfen die Kraftwerke, die durch die Taxonomie gefördert werden, ab 2035 nur noch klimafreundliche Gase wie Wasserstoff verbrennen.

Für die Nachteile der Atomkraft gibt es zudem immer bessere Lösungsansätze. Voraussetzung für die nachhaltige Klassifizierung der Kraftwerke ist, dass bis 2050 ein Endlagerplan für den Atommüll vorliegt. Der EU-Staat Finnland geht als Positivbeispiel voran. Dort steht ein Endlager kurz vor Inbetriebnahme, das so konzipiert wurde, dass es den Klimawandel und sogar Eiszeiten sicher überstehen soll. Außerdem ist ein Ziel der EU-Pläne, neue Atomkraftwerke zu finanzieren, die somit auf dem aktuellen Sicherheitsstand sind. Was bereits technisch möglich ist, zeigt sich etwa bei Thorium-Reaktoren, deren Brenn- und Kühlmaterial eine unkontrollierte Kernschmelze verhindert. Ein Prototyp davon startet derzeit in China.

Der große Kuhhandel: Deutschland beharrt auf Erdgas

Dass sowohl Gas- als auch Atomkraftwerke nun als „grüne“ Brückentechnologie gelten dürfen, ist auch das Ergebnis eines politischen Kuhhandels auf EU-Ebene. Während Frankreich den Atomstrom als Brückentechnologie fördern wollte, setzten sich die Deutschen für Gaskraftwerke und gegen die Kernkraft ein. Schließlich entstand ein halbgarer Kompromiss.

Voraussichtlich wird es auch den Anlegern überlassen sein, ob und vor allem welche Brückentechnologien sie unterstützen wollen. So geht zum Beispiel das Forum Nachhaltige Geldanlage in seinen Entwürfen davon aus, dass Kunden bei der Abfrage ihrer Nachhaltigkeitspräferenzen im Beratungsgespräch bestimmte Investitionen wünschen oder ausschließen können. Geld hat eine Lenkungswirkung und deshalb sollte jeder, der nachhaltig investiert, sich selbst über die Brückentechnologien informieren, bevor er vielleicht vorschnelle Schlüsse zieht.

Es geht um Übergangslösungen, die nicht perfekt sind, aber uns helfen, die Erde lebenswert, die Stromrechnung bezahlbar und unsere Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn wir uns darauf einlassen, sollte ein möglichst geringer CO2-Ausstoß und eine sichere Energieversorgung ausschlaggebend sein. Für uns alle ist es also an der Zeit aufzuwachen und nicht nur der Realität des Klimawandels, sondern auch der Energieknappheit ins Auge zu sehen. Die EU-Kommission ist mit ihrer Lösung schon einmal vom Tiefschlaf in den Halbschlaf übergegangen. Anleger werden mit etwas Überlegung sicher einen besseren Kompromiss finden.

Tim Bröning ist seit 2009 in der Geschäftsleitung der Fonds Finanz Maklerservice GmbH und verantwortlich für den Bereich Non-Insurance, Finance & Legal.

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