Ölpreisschock bedroht den US-Dollar

Dollarschein mit Rissen vor US-Flagge
Foto: Shutterstock

Angesichts der jüngst veröffentlichten Verbraucherpreisindex-Daten aus den Vereinigten Staaten steigt die Erwartung einer weiteren Zinserhöhung durch die US-Notenbank (FED). Dies dürfte sich negativ auf den Bitcoin-Preis auswirken. Angesichts der Ölpreisentwicklung und der drohenden Rezession glauben wir jedoch, dass die FED nur eine begrenzte Schlagkraft besitzt. Mit deutlichen Folgen für Fiat-Währungen und die Weltwirtschaft.

Der Bitcoin weist heute eine etablierte umgekehrte Korrelation zum US-Dollar auf. Diese Korrelation ist dem Umstand geschuldet, dass es sich um ein aufstrebendes Wertaufbewahrungsmittel handelt, macht es aber auch äußerst zinssensibel. Der Kursrückgang der vergangenen sechs Monate lässt sich im Großen und Ganzen als direkte Folge der zunehmend restriktiven Rhetorik der US-Notenbank erklären. Die Erklärungen des Offenmarktausschusses (Federal Open Markets Committee, FOMC) sind ein deutliches Zeichen dafür. Wir können einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erklärungen und den Kursbewegungen erkennen.

Die jüngste FOMC-Sitzung wurde zunächst als weniger restriktiv als erwartet vom Markt bewertet. Somit reagierten sowohl die Bitcoin- als auch die Goldpreise positiv, um dann im Laufe des Tages zu fallen, als die Anleger die Äußerungen weiter verdauten. Am Ende bewertete der Markt die Daten als restriktiver als zunächst aufgefasst.

Rezession: Der Ölpreis und seine Bedeutung für die Weltwirtschaft

Die größte Herausforderung für die Anleger liegt nun darin, festzustellen, wie nachhaltig die US-Dollar-Stärke ist. Es ließe sich argumentieren, dass ein Großteil der Markterwartungen in Bezug auf die US-Zinserhöhungen bereits vollständig eingepreist ist. Einige Wirtschaftsdaten wie das Lohnwachstum und die Einkaufsmanagerindizes beginnen sich zu überschlagen, aber der vielleicht beunruhigendste Faktor ist der Ölpreis und seine Auswirkungen auf die USA und die Weltwirtschaft. Eine Methode, um die Folgen der Ölpreisentwicklung für die US-Wirtschaft zu ermitteln, ist die Messung des prozentualen Anteils der Ölnachfrage am aktuellen BIP. Auf den ersten Blick ist dieser Wert mit knapp 1,9 Prozent nicht besonders alarmierend und liegt genau im langfristigen Durchschnitt. Die Spitzenwerte lagen zwischen 4,9 Prozent und 0,5 Prozent, wenn man bis ins Jahr 1970 zurückblickt.
Es ist bemerkenswert, dass kurz vor der iranischen Revolution im Jahr 1978 der Anteil der Ölnachfrage am BIP mit 1,9 Prozent dem heutigen Wert entsprach. Die Vergangenheit hat in der Tat gezeigt, dass die Ölnachfrage als prozentualer Anteil des BIP schleichend ansteigen kann, ohne dass dies zu einer allzu großen wirtschaftlichen Störung führt.

Es ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Ölnachfrage ändert, die das eigentliche Dilemma darstellt. Die Auswirkungen sind das, was wir üblicherweise als Ölpreisschocks bezeichnen, und sie stehen meist im Zusammenhang mit internationalen Konflikten. Dies lässt sich anhand der Veränderung der Ölnachfrage als Prozentsatz des BIP messen. In der Vergangenheit folgten auf einen starken Ölpreisanstieg fast immer eine Rezession in den Vereinigten Staaten. Auslöser waren in der Regel große Ölkrisen wie Jom Kippur 1973, die iranische Revolution 1978/79, der erste Irakkrieg 1990 und der 11. September 2000. Die einzigen beiden Ausnahmen waren die große Finanzkrise im Jahr 2008 und die jüngste Covid-Pandemie.

Staatsverschuldung lässt wenig Spielraum für eine weiche Landung

Die bisherige Zurückhaltung der FED in Bezug auf die Inflationsbekämpfung zeigt sich nun in einem viel aggressiveren, reflexartigen Vorgehen. Der Zeitpunkt dafür ist denkbar ungünstig, da das Wachstum der Staatsverschuldung von 30 Prozent des BIP auf heute über 100 Prozent den politischen Spielraum, den die FED in den 80er Jahren zur Inflationsbekämpfung hatte, stark eingeschränkt hat. Wir halten es zwar für wahrscheinlich, dass die US-Notenbank die Zinssätze bis zum Sommer weiter anheben wird, glauben aber auch, dass sie danach eine schwächere Prognose für das Wirtschaftswachstum abgeben wird, was zu einer erheblichen Dollarschwäche führen wird.

Die US-Notenbank hat nun die Aufgabe, eine weiche Landung zu erreichen und gleichzeitig die Inflation zu dämpfen. Doch viele der beteiligten Faktoren liegen außerhalb ihrer Kontrolle, wie z. B. der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen auf den Ölpreis. Die Inflation kann wahrscheinlich eingedämmt werden, aber zu welchem Preis? Die Vergangenheit spricht dafür, dass der Preis eine Rezession sein wird.

Inflation, Rezession und Bitcoin

Bitcoin wird zunehmend als Absicherungsinstrument bei geldpolitischen Fehlentwicklungen der Zentralbanken gesehen – was passiert, wenn das massive quantitative Lockerungsexperiment der letzten 12 Jahre misslingt? Insbesondere in Hinblick auf die aktuellen inflationären Herausforderungen? Die Folge wird eine enorme Währungsvolatilität sein, und an diesem Punkt wird Bitcoin sehr wahrscheinlich als Anker dienen – so wie es zunehmend in Ländern der Fall ist, in denen Währungsvolatilität bereits Realität ist, wie etwa im Libanon, in Venezuela und in der Türkei.

Damit wollen wir keineswegs sagen, dass es in den Industrieländern zu einem Systemzusammenbruch im Stil der Schwellenländer kommen wird. Unser Argument ist, dass die Zentralbanken in den Industrieländern aufgrund der hohen Verschuldung nur noch begrenzte Möglichkeiten haben, eine sanfte Landung herbeizuführen, die ihren Status als sicheren Hafen bzw. Reservewährung in Frage stellt. Dies dürfte in der zweiten Jahreshälfte zu einer gelockerten Geldpolitik und schwächeren Währungen führen. Auch wenn die Kursentwicklung von Bitcoin angesichts der aggressiven Geldpolitik der US-Notenbank (FED) schwach ist, könnte die derzeitige Kursschwäche sehr wohl von kurzer Dauer sein.

Autor James Butterfill ist Head of Research von CoinShares und verfügt über mehr als 20 Jahre Branchenerfahrung in den Bereichen Fondsmanagement, Investmentbanking und Vermögensverwaltung. Zuvor war James Leiter Research bei ETF Securities. Butterfill ist regelmässig als Medienkommentator tätig und tritt häufig bei Bloomberg TV, CNBC, BBC und anderen Sendern auf. Als Head of Research schreibt Butterfill diverse Research-Whitepapers zu Anlagethemen, identifiziert Anlagemöglichkeiten und hilft Anlegern und Investoren, die Welt der digitalen Vermögenswerte zu verstehen.

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