Nachhaltigkeit oder Wirtschaftswachstum? Das sagen die Deutschen

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Umwelt oder Wirtschaft? Falls sich beides nicht unter einen Hut bringen lässt, haben die Deutschen laut einer aktuellen Umfrage eine Präferenz.

Nicht nur aus Klimaschutzgründen, auch zur Verringerung der Abhängigkeit von Energielieferungen aus politisch problematischen Ländern soll die deutsche Wirtschaft auf mehr Nachhaltigkeit umgebaut werden. Inzwischen stellen Politiker der Regierungsparteien bereits in Aussicht, dass wir während der Transition Wohlstandsverluste aufgrund geringeren Wirtschaftswachstums in Kauf werden nehmen müssen. In einer repräsentativen ING-Umfrage vom Juni 2022 zeigt sich: Für eine Mehrheit der Deutschen ist das in Ordnung.

Nicht die Oma ist die „Umweltsau“

„Dem Umweltschutz sollte Vorrang gegeben werden, auch wenn dies das Wirtschaftswachstum dämpft“ – mit dieser Aussage kann sich offenbar eine Mehrheit der Deutschen identifizieren. Dabei gibt es auch keine demografischen Ausreißer. Über alle Altersgruppen und Geschlechter liegt die Zustimmung zu dieser Aussage durchweg zwischen 47 und 57 Prozent, die Ablehnung lediglich zwischen 10 und 19 Prozent.

Ein überraschendes Altersgefälle zeigt sich jedoch bei der Gegenfrage. Die öffentliche Diskussion zu Nachhaltigkeitsthemen erweckt oft den Eindruck, als seien es vor allem die älteren Mitglieder der Gesellschaft, die nicht bereit sind, für die Zukunft der jüngeren auf Wohlstand zu verzichten, und dafür von diesen an den Pranger gestellt werden. Vorrang für die Wirtschaft fordern aber vor allem letztere: Die Altersgruppen 18-24 und 25-34 sind die einzigen der Umfrage, in denen die Zustimmung zu „Das Wirtschaftswachstum sollte die höchste Priorität haben, auch wenn die Umwelt in gewissem Maße darunter leidet“ höher ist als die Ablehnung.

Bislang kaufen nur zwei von fünf Deutschen bewusster ein

Eine Mehrheit fordert Vorrang für die Umwelt – wenn es darum geht, den Worten im Konsumalltag Taten folgen zu lassen, ist allerdings noch etwas Luft nach oben. Nur knapp über 40 Prozent haben ihre Kaufgewohnheiten bereits auf mehr Nachhaltigkeit umgestellt. Aber immerhin können sich mehr als 30 Prozent vorstellen, das noch zu tun – nur gut ein Viertel lehnt eine Umstellung ab oder erachtet das Thema nicht für relevant.

Aber auch wenn nur zwei von fünf Verbrauchern ihre Gewohnheiten geändert haben, gibt mehr als die Hälfte an, mehr nachhaltige Produkte als früher zu kaufen. Womöglich zahlt es sich hier aus, dass einige der problematischsten Produkte aufgrund regulatorischer Vorgaben schlicht und einfach aus den Regalen verschwunden sind, wie zum Beispiel FCKW-Spraydosen, Glühlampen und ineffiziente Elektrogeräte – auch ohne auf Konsumentscheidungen zu achten, kauft man in diesen Fällen zwangsläufig nachhaltiger ein.

Der Teufel steckt im Detail – oder im Portemonnaie

Wie viel der einzelne Verbraucher mit seinen Konsumentscheidungen tatsächlich für Umwelt und Klima bewirken kann, ist immer wieder Gegenstand hitziger Diskussionen. Drei von fünf Deutschen sind aber der Meinung, dass der Kauf nachhaltiger Produkte einen Unterschied machen kann.

Energieeffizienzlabel, Bio-Siegel, Angaben zu Tierhaltungsformen und nachhaltiger Fischerei oder Forstwirtschaft sowie allerlei weitere Produktkennzeichnungen sollen dabei den Verbrauchern helfen, den ökologischen Fußabdruck ihres Konsums besser abschätzen zu können. Das funktioniert in der Realität allerdings nur mäßig gut: Über die Hälfte der Deutschen findet es schwierig, Produkte im Hinblick auf Nachhaltigkeit zu beurteilen. Nur rund 14 Prozent sehen das anders.
Und wenn es nicht an der Auswahl der passenden Produkte scheitert, dann möglicher-weise am Geldbeutel. Tierwohlstandards, ein weitgehender Verzicht auf Chemie in der ökologischen Landwirtschaft, Elektroauto statt Verbrenner – all das kostet Geld. Fast zwei Drittel der Deutschen stimmen der Aussage zu, dass nachhaltige Produkte teurer sind – zu teuer für jeden Dritten.

Wer rettet den Planeten? Vielleicht doch nicht die Verbraucher

Die Deutschen sind mehrheitlich der Meinung, dass der nachhaltige Umbau der Wirtschaft auch zulasten des Wachstums gehen darf. Beim Blick auf die eigenen Konsumentscheidungen zeigt sich aber, dass die Begeisterung auch schon mal geringer ausfällt, wenn es statt abstrakter Zahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt konkret an den eigenen Geldbeutel geht. Das würde zu einer Auffassung passen, die sich zuletzt mehr und mehr durchsetzt – dass nicht die Verbraucher mit ihren Konsumentscheidungen die Wende schaffen können, sondern die Regulatorik gefragt ist.

Über die Umfrage

Ziel der mehrmals jährlich durchgeführten Umfrage ist es, zu einem besseren Verständnis für die finanzielle Entscheidungsfindung von Konsumenten zu gelangen. Die Umfrage wurde vom Ipsos Meinungsforschungsinstitut in Form einer Onlinebefragung durchgeführt. In Belgien, Deutschland, Polen, Rumänien, Spanien und der Türkei wurden je ca. 1.000 Befragungen durchgeführt.

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