Schwellenländer: „Stetig wachsender Reifegrad bei ESG-Reportings“

Fotos: Nordea

Schwellenländer und das Thema ESG sind derzeit zwei wichtige Investmentthemen. Wir befragten dazu Juliana Hansveden, Portfoliomanagerin der Nordea Emerging Stars Equity Strategy, und Harry Granqvist, Senior-ESG-Analyst, beide Nordea Asset Management.

Frau Hansveden, wie ist der Nordea 1 – Emerging Stars Equity Fund durch das Coronajahr 2020 gekommen? An welchen Stellen mussten Sie das Portfolio anpassen?
Hansveden: Der Fonds erzielte im Jahr 2020 eine unglaubliche Rendite von 37,9 Prozent (gemessen in US-Dollar). Dies entspricht einer Outperformance von 19,6 Prozentpunkten gegenüber der Benchmark, die eine Rendite von 18,3 Prozent erzielte. Die Outperformance war in erster Linie auf die Aktienauswahl zurückzuführen, was wir als Bottom-up-Aktienselektoren gerne sehen. Die besten Aktienpicks im Jahresverlauf waren Sea, das südostasiatische Gaming- und E-Commerce-Unternehmen, Samsung SDI, der koreanische Hersteller von Batterien für Elektrofahrzeuge, und Mercadolibre, das lateinamerikanische E-Commerce- und Fintech-Unternehmen.

Diese Unternehmen profitierten alle von der erhöhten Akzeptanz ihrer Produkte und Dienstleistungen während der Pandemie, da die Verbraucher von zu Hause heraus arbeiteten, einkauften und Unterhaltung suchten. Das gestiegene Umweltbewusstsein trieb die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen an. Im Laufe des Jahres 2020 haben wir die Positionen in unseren stärksten Performern schrittweise reduziert und unser Engagement in Unternehmen erhöht, die von einer wirtschaftlichen Erholung profitieren könnten.

Viele von ihnen leisteten im Jahr 2021 bereits starke Beiträge, darunter Capitec, die südafrikanische Bank, die auf Haushalte mit geringerem Einkommen abzielt, OTP, die ungarische Bank, und Lojas Renner, der brasilianische Einzelhändler.

Wie haben sich die Schwellenländer allgemein während der Pandemie geschlagen und welche Auswirkungen erwarten Sie durch gegenwärtig dritte Welle von Covid-19?
Hansveden
: Die Schwellenländer litten in unterschiedlichem Maße unter der Pandemie. Einige Länder, die schnell ihre Grenzen schlossen und Eindämmungsstrategien umsetzten, hatten weniger wirtschaftliche Auswirkungen, andere wiederum litten stark. Im Allgemeinen waren die Sterblichkeitsraten niedriger als in den entwickelten Märkten, obwohl die Qualität der Daten zugegebenermaßen schlecht ist. Eine im Durchschnitt jüngere Bevölkerung in diesen Ländern könnte ein Grund dafür sein, was aber teilweise durch eine schwächere medizinische Infrastruktur ausgeglichen wird.

Viele Schwellenländer haben immer noch mit den Wellen der Covid-19-Pandemie zu kämpfen, und in vielen Ländern gelten immer noch Mobilitätsbeschränkungen. Gleichzeitig sind Impfprogramme in vollem Gange, die letztlich einen großen Unterschied machen werden. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten glauben wir, dass dies ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung und der allmählichen Lockerung der Beschränkungen sein wird. Wir glauben auch, dass viele Schwellenländer aus der Coronavirus-Pandemie fiskalisch gestärkt hervorgehen, da sie deutlich weniger für Konjunkturprogramme ausgegeben haben als ihre Pendants aus den Industrieländern.

Die meisten von ihnen haben auch eine konventionelle Geldpolitik beibehalten, was bedeutet, dass ihre Zentralbanken keine quantitative Lockerung vorgenommen haben, was ihre Währungen mit der Zeit attraktiver machen könnte.

Welche Sektoren sind weiterhin attraktiv, da sie zum Beispiel von langfristigen strukturellen Trends profitieren?
Hansveden
: Derzeit sind wir in IT- und Finanzwerten übergewichtet. Technologische Veränderungen sind eine der Hauptquellen für strukturelles Wachstum in den Schwellenländern, und wir sehen viele interessante Anlagemöglichkeiten in diesem Bereich. Drei Bereiche von besonderem Interesse möchte ich hervorheben: Batterien für Elektrofahrzeuge und andere nachhaltige Technologien, Cloud-basierte Software-as-a-Service (SaaS) und die Entwicklung und Herstellung von Halbleitern. Die Einführung von Elektrofahrzeugen wird durch eine Kombination aus Regulierung und erhöhtem Umweltbewusstsein auf Verbraucherebene vorangetrieben. Unsere Portfolioposition Samsung SDI ist einer der wenigen Akteure, die qualitativ hochwertige EV-Batterien in großem Maßstab herstellen können.

Cloud-basiertes SaaS steckt in China noch in den Kinderschuhen und stellt eine große Wachstumschance dar. Es ist ein attraktives Geschäft, da der Umsatz wiederkehrend ist, die Produkte skalierbar und die Umstellungskosten hoch sind. Und schließlich wäre die laufende technologische Entwicklung der Welt ohne zwei Unternehmen aus den Emerging Markets nicht möglich: Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) stellt die fortschrittlichsten Logik-Halbleiter der Welt her und hat keinen nennenswerten Konkurrenten. Samsung Electronics in Südkorea ist führend bei Speicher-Halbleitern. Ohne sie wären 5G, Hochleistungscomputer, das Internet der Dinge und die Computerisierung von Autos nicht möglich.

Wir glauben, dass ihr langfristiges profitables Wachstum vom Markt falsch eingeschätzt wird. Die Übergewichtung in Finanzwerten ist auf unser strukturell bedingtes Wachstum qualitativ hochwertiger Banken und Versicherungen zurückzuführen, sowie auf eine Reihe von Positionen, die während der Pandemie gelitten haben, aber über ein enormes Erholungspotenzial verfügen.

Das Thema ESG wird zukünftig in Europa auf allen Investmentebenen eine zentrale Rolle spielen und auf diese Weise auch Anlagen in Schwellenländern beeinflussen. Wie weit verbreitet ist das Thema Nachhaltigkeit in den Emerging Markets aktuell?
Granqvist
: Die Schwellenländer sind in Bezug auf den Reifegrad der ESG-Offenlegung und ESG-Integration sehr heterogen, und es wäre falsch, von einer einheitlichen Entwicklungsrichtung zu sprechen. Dennoch sehen wir in vielen der wichtigsten Märkte eine starke Entwicklung hin zu einem höheren Niveau der Offenlegung und Integration. In Hongkong und Taiwan beobachten wir seit einigen Jahren einen stetig wachsenden Reifegrad des ESG-Reportings, und auch das chinesische Festland hat sich im vergangenen Jahr rasch verbessert.

Welche Bedeutung hat ESG dort verglichen mit den Industriestaaten?
Granqvist
: Einige koreanische Large Caps haben bessere ESG-Berichte als ihre europäischen oder nordamerikanischen Pendants, und wir sehen einen starken und echten Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung bei einer großen Anzahl indischer und lateinamerikanischer Unternehmen. Bemerkenswert ist auch, dass sich China zum weltweit zweitgrößten Markt für grüne Anleihen entwickelt hat und die Dynamik des Marktes für nachhaltigkeitsbezogene Anleihen in den Schwellenländern wohl stärker ist als in den Industrieländern.

Und dies ist nicht nur ein Unternehmenstrend – wir sehen, dass sich auch Investoren in den Schwellenländern in Richtung ESG bewegen. Ein Beispiel: Nordea Asset Management hat die Führungsrolle bei den Climate Action 100+ Engagements mit Petrobras und Eskom, und im vergangenen Jahr haben sich uns zum ersten Mal auch lokale brasilianische und südafrikanische Investoren diesen Engagements angeschlossen. Wir würden uns natürlich wünschen, dass die Geschwindigkeit dieser Entwicklung schneller und die Richtung einheitlicher wäre, aber die Dynamik ist da. Gleichzeitig ist die Heterogenität der ESG-Entwicklung auch eine Herausforderung. Es besteht ein Bedarf an mehr global standardisierten ESG-Offenlegungen und -Bewertungen, aber diese Herausforderung gilt für Schwellenländer ebenso wie für entwickelte Länder.

Wie lassen sich ESG-Themen angesichts einer überwiegend schwach ausgeprägten Datenbasis ernsthaft fokussieren?
Granqvist
: Die Herausforderung, was ESG-Daten betrifft, ist tatsächlich existent, aber auch überbewertet, wenn es darum geht, wie sie sich auf unsere Fähigkeit auswirkt, eine ESG-Strategie zu verfolgen. Letzten Endes sind die ESG-Zahlen nur im Kontext und als Teil einer strategischen Entwicklung aussagekräftig, wobei die Strategie natürlich nur dann glaubwürdig ist, wenn sie durch Zahlen untermauert werden kann. Und das bedeutet aus unserer Sicht, dass es selbst bei einer guten Offenlegung nie ausreicht, sich nur die Daten anzusehen – man muss bauch mit den Unternehmen sprechen, um den Kontext und die Dynamik zu verstehen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass im Laufe dieser Gespräche viele zusätzliche Informationen gewonnen werden können, sowohl in Bezug auf die ESG-Daten als auch auf die strategischen Prioritäten im Bereich ESG. Dies unterstreicht auch, warum es besonders wichtig ist, ein aktiver Investor in jenen Schwellenländern zu sein, in denen die Offenlegung von ESG-Daten eher begrenzt ist. Es ist wichtig, eine langfristige Perspektive einzunehmen, denn unserer Erfahrung nach entwickeln Emittenten ihre ESG-Berichterstattung am effektivsten im Dialog mit Investoren. Engagements lösen die Datenherausforderung natürlich nicht vollständig, und es ist sinnvoll, bei ESG-Investitionen ein Element von „Nichtoffenlegungsstrafen“ einzuführen.

Es ist aber auch wichtig zu verstehen, wo ein Mangel an Daten die ESG-Perspektive grundlegend verändert und wo nicht. Und das kann man nur mit einem detaillierten Verständnis der ESG-Wesentlichkeitsmatrix für jeden Emittenten.

Das Portfolio weist einen großen China-Anteil auf, obwohl das Reich der Mitte bislang nicht als ESG-Musterschüler aufgefallen ist. Wie passt das zusammen?
Granqvist
: Es ist natürlich richtig, dass China immer noch vor sehr großen Herausforderungen in Bezug auf die Umweltverschmutzung und die Eindämmung der Treibhausgasemissionen steht, und insbesondere in Bezug auf die weiterhin hohe Abhängigkeit von Kohle. Dies ist ein Teil der Erklärung, warum die Emerging Stars Equity-Strategie derzeit kein Engagement in Energie, Versorgern oder Rohstoffen in China hat.

Gleichzeitig wäre es falsch, China als Land zu bezeichnen, das keinen bedeutenden Beitrag zum Klimawandel leistet. China hat in einigen Bereichen des Umweltschutzes und der Umweltverschmutzung große Fortschritte gemacht, ist aber – was vielleicht noch wichtiger ist – auch zu einer Drehscheibe für eine Reihe von Technologien geworden, die für den Klimawandel absolut notwendig sind. Daher ist es wichtig, nicht nur die operative ESG-Performance von Unternehmen zu betrachten, sondern auch auf die Matrix der Produkte und Dienstleistungen zu achten, die sie anbieten, und darauf, wie diese zum Klima und anderen nachhaltigen Entwicklungszielen beitragen.

Darüber hinaus finden wir in China viele ESG-Chancen in Bezug auf die anderen Säulen von ESG. Derzeit hält die Emerging-Stars-Equity-Strategie beträchtliche Positionen in chinesischen Unternehmen aus dem Technologie- und Finanzsektor, wo wir Emittenten finden, die ein höheres Niveau an operativem ESG-Risikomanagement aufweisen als die meisten anderen Schwellenländer, sowie wesentliche Beiträge zu nachhaltigen Entwicklungszielen wie finanzielle Inklusion und Energieeffizienz.

Die G7-Staaten haben angekündigt, 100 Milliarden US-Dollar für Klimaschutzprojekte in den Schwellenländern bereitzustellen. Welche Auswirkungen erwarten Sie dadurch für ESG?
Granqvist
: Im Großen und Ganzen ist die Umlenkung der öffentlichen Finanzierung und Regulierung auf klimaresiliente Investitionen nicht nur für den Klimaschutz selbst notwendig, sondern auch eine Voraussetzung dafür, dass das volle Potenzial der Beiträge von Unternehmen zum Aufbau von Klimaresilienz erschlossen werden kann. Allerdings ist Klimaschutz ein sehr weites Feld, das viele Arten von Projekten sowohl im Bereich der Emissionsminderung als auch der Anpassung umfasst.

Es bleibt abzuwarten, wie das G7-Paket genau verwendet wird. Aber nach dem, was wir bisher gesehen haben, scheint es eher in Richtung Emissionsminderung zu gehen und wird daher einen Schub bedeuten für Unternehmen in emissionsintensiven Sektoren, die agil genug sind, um die Chancen zu nutzen. Gleichzeitig gibt es auch im Bereich der Anpassung dringend notwendige Investitionen, die dazu dienen würden, die Schwellenländer auf breiterer Basis vor negativen Klimaauswirkungen zu schützen, und die einen gleichmäßigeren Schutz vor ESG-Risiken bieten würden. Beides ist notwendig.

Was sind die größten Herausforderungen für die Emerging Markets in den kommenden Monate und mit welchem Ergebnis rechnen Sie?
Hansveden
: Die größte Herausforderung wird zweifellos das effektive Impfen in den Schwellenländern sein. Der größte Teil der Weltbevölkerung lebt in den Schwellenländern, und wir haben bereits die Auswirkungen der Entwicklung neuer Varianten in diesem Teil der Welt aufgrund der niedrigen Impfquoten gesehen. Leider ist es wahrscheinlich, dass dies wieder geschieht, wenn die Regierungen die Impfprogramme nicht beschleunigen. Die wirtschaftliche Aktivität könnte sich erneut verschlechtern, obwohl ich glaube, dass die Regierungen zögern, strenge Abriegelungsmaßnahmen zu ergreifen, da diese eine verheerende Wirkung auf die Ärmsten haben.

Ich glaube, dass die monetären Bedingungen wahrscheinlich locker bleiben werden, aber es besteht ein nicht zu vernachlässigendes Risiko einer Straffung der US-Geldpolitik, die in der Vergangenheit von den Finanzmärkten negativ aufgenommen wurde. Wir verfolgen einen Bottom-up-Ansatz mit einem Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren und suchen nach Unternehmen, die unabhängig von den monetären Bedingungen eine langfristige Performance erzielen können.

Die Fragen stellte Frank O. Milewski, Cash.

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