Nachhaltige Vorsorge: „Anbieter noch zu zurückhaltend“

Viele Anleger wollen mit reinem Gewissen investieren: Über den Markt für ökologisch-ethisch korrekte Vorsorgeprodukte sprach Cash. mit Professor Dr. Henry Schäfer, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzwirtschaftslehre an der Universität Stuttgart.

Prof. Schäfer2_Uni-Stuttgart

Cash.: Wie schätzen Sie das Marktpotenzial für nachhaltige Vorsorgeprodukte im Versicherungsbereich ein?

Schäfer: Die Altersvorsorge ist generell ein zentrales Thema der nachhaltigen Entwicklung, geht es doch um die eigene Nachhaltigkeit der Menschen im Sinne ihrer persönlichen Zukunftsfähigkeit. Hier besteht ja trotz Riester- und Rürup-Rente im europäischen Vergleich immer noch großer Nachholbedarf, auch um vom dominierenden Umlage- vermehrt zum Kapitaldeckungsverfahren zu gelangen. Bei der heutigen hohen Sensibilität in der Bevölkerung für Umwelt- und Sozialthemen, aber auch für moralisches Wirtschaften überhaupt, dürfte das latente Marktpotenzial für nachhaltige Vorsorgeprodukte im Zeitvergleich gesehen heute sehr hoch sein. Dazu bedarf es allerdings eines entsprechenden Produktangebotes. Bislang sind die Lebensversicherer, Banken und Fondsanbieter hier noch sehr zurückhaltend. Es gibt nur wenige Angebote und die werden nach meiner Kenntnis nur bei einzelnen Häusern wirklich aktiv vermarktet.

Cash.: Es gibt keine einheitlichen Vorgaben, welche Kriterien bei einer nachhaltigen Anlage für die Altersvorsorge heranzuziehen sind. Zudem gibt es keine einheitliche Instanz, die die Einhaltung der selbst gesetzten Anlagekriterien sicherstellt. Sehen Sie eine Gefahr, dass Kunden vewirrt oder gar irregeführt werden?

Schäfer: Das Problem ist bekannt und betrifft immer wieder Anlage- und Versicherungsprodukte, die neu am Markt oder wenig bekannt sind. Warenstiftungen spielen mit ihren Produkttests hier eine wichtige Rolle, um die interessierte Öffentlichkeit zu informieren. Allerdings nützt das nur wenig, wenn in den Vertrieben keine entsprechende Qualifikation der Berater vorliegt und ihre meist erfolgsabhängige Vergütung eventuell zu einer Benachteiligung solcher nachhaltigen Anlageprodukte führen. Da die Vertriebe von Altersvorsorgeprodukten extrem erfolgsabhängig gesteuert sind, dürfte ein so erklärungsbedürftiges Produkt wie eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Altersvorsorge eher beim einzelnen Berater ins Hintertreffen geraten. Hier müssen also der Wille und die Vorgaben der Vertriebsleitungen im Zusammenspiel mit einer passenden Beraterqualifizierung noch weiterentwickelt werden. Helfen könnte auch ein entsprechendes Labelling, dessen Erfolg man ja auf anderen Gebieten des nachhaltigen Wirtschaften beobachten kann – vor allem im Bereich der Bio-Landwirtschaft. Alles in allem scheint aber die Gefahr einer Irreführung derzeit gering, weil sich kaum ein Produzent von Altersvorsorgeprodukten mit dem Thema Nachhaltigkeit in seinen Produkten beschäftigt.

Seite 2: Wie es mit der Risikostreuung bei nachhaltigen Kapitalanlagen aussieht

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