Pradetto zum Taping: „Schutz erzeugt man doch nicht mit der Beschneidung von Grundrechten“

Das Taping ist beschlossene Sache. Während viele Makler noch miteinander diskutieren, nimmt Cash.Online die Entscheidung zum Anlass und fängt Stimmen aus der Branche ein. Als Erster äußert sich Oliver Pradetto, Geschäftsführer des Maklerpools blaudirekt.

Oliver Pradetto, Geschäftsführer des Maklerpools blaudirekt.

Was halten Sie von der Entscheidung für Taping?

Ich finde das absolut katastrophal. Wir reden hier über nichts anderes als das Mitschneiden persönlichster Gespräche.

In den Achtzigern gab es noch Auseinandersetzungen in der Politik, ob „der große Lauschangriff“, also das Abhören durch die Polizei im Verdacht organisierter Kriminalität vertretbar sei.

Heute wird jeder Finanzberater dazu gezwungen vergleichbare Überwachungstechnologie einzusetzen, um intime Gespräche mit Kunden aufzuzeichnen. In solchen Beratungsgesprächen fragt ein Berater ja obligatorisch nach den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden.

Da kommen nicht selten sehr persönliche und vertrauliche Gespräche auf. Da entsteht ein Vertrauensverhältnis. Das wird brutal mit Füssen getreten. Ich halte es für einen unfassbaren Eingriff in die Selbstbestimmungsrechte des Kunden, dass er nur noch eine Beratung erhalten kann, wenn er einer solchen Aufzeichnung zustimmt.

Dient diese Entscheidung neben dem Verbraucherschutz auch dem Vermittler, indem Dokumentation und Rechtssicherheit auf beiden Seiten steigen?

Schutz erzeugt man doch nicht mit der Beschneidung von Grundrechten. Wenn Sie als Polizist einen Terroristen oder Schwerstkriminellen abhören wollen, müssen sie zumindest Verdachtsmomente nachweisen können.

Finanzberater werden hingegen präventiv und ohne jeglichen Verdachtsmoment gezwungen sich mit eigener Abhörtechnik einer solchen Überwachungsthematik auszusetzen. Terroristen müssen ihre eigene Überwachung wenigstens nicht selbst noch bezahlen.

Wenn hier irgendetwas rechtssicher ist, dann das Finanzberater auf eine bloße Unterstellung möglicher Beratungsfehler oder mangelnder Beratungsethik kriminalisiert und vollkommen entrechtet werden.

Und mit Verbraucherschutz hat da doch rein gar nichts mehr zu tun. Man kann doch eine solche Überwachungsstruktur nicht ernsthaft als Schutz des Verbrauchers betrachten.

Schauen Sie: Wenn Sie in Bezug auf Vermögensberatungen die komplette Aushebelung der Rechte des Kunden auf Überwachungsfreiheit abschaffen, wie sieht es denn dann aus, wenn es um das Leben, die Gesundheit oder andere wichtige Rechtsgüter des Kunden geht? Wenn ein Finanzberater den Kunden schädigt, dann ist das sicherlich schlimm, aber am Ende geht es nur um Geld.

Wenn ein Arzt berät, kann ein Fehler das Leben des Kunden kosten. Der kann dann – im Gegensatz zu einer schlecht laufenden Finanzberatung – nicht einmal mehr als Ankläger in eigener Sache auftreten. Wenn Sie der Logik des Gesetzgebers halbwegs konsequent in dieser Sache folgen, müssen sie eigentliche alle Arztgespräche erst Recht aufzeichnen. Das Gleiche gilt für Gespräche mit dem Anwalt.

Man darf das nicht bagatellisieren, indem man diese Maßnahme auf eine Unannehmlichkeit für Finanzberater reduziert. Wenn es eine Bandaufzeichnung gibt, auf der der Kunde über seine Wünsche, Träume und Pläne redet, wie schützen Sie sich denn dann davor, dass ein Polizist oder eine Behörde sich dessen im Rahmen von Ermittlungen in ganz anderen Sachen bemächtigen, um die Gesinnung des Verdächtigen zu erfahren?

Wenn es jemals ein Mittel gab, dass in keinem Verhältnis zum Zweck steht, dann ist es das Taping. Man muss sich Fragen, wo der Gesetzgeber überhaupt noch eine Grenze in der Überwachung seiner Bürger sieht? Wir reden hier über den vielleicht schlimmsten Eingriff in den Persönlichkeitsschutz des Bürgers, an den ich mich überhaupt in der Bundesrepublik erinnern kann.

Welchen Schritt erwarten Sie als Nächstes in Sachen Regulierung?

Wenn man der Logik des Tapings folgt, müssen Finanzberater demnächst irgendwelche Abzeichen tragen, damit man sie auf offener Straße meiden kann.Die Politik hat jede Vorhersagbarkeit und jede Planmöglichkeit verloren. Ich halte alles für möglich.

 

Foto: blaudirekt

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