1. Februar 2020, 16:09
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Tendenzen zur Unterkalkulation? Wie solide sind die BU-Versicherer noch aufgestellt?

Der map-report hat erstmals ein BU-Stabilitätsrating veröffentlicht. Neben Rating-Sieger Swiss Life erhielten weitere sechs Teilnehmer das „mmm“ für hervorragende Leistungen. Angesichts des Preisdumpings im Markt sieht map-Chefredakteur Klages eine Gefahr, dass BU-Bestände gezielt umgedeckt werden können. Und Franke und Bornberg-Geschäftsführer Michael Franke erkennt deutliche Tendenzen zur Unterkalkulation im BU-Markt.

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Die Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ist eine der wichtigsten Versicherungen überhaupt, auch im Urteil von Verbraucherschützern. Doch der scharfe Wettbewerb um Preise und Bedingungswerke hat bei den Versicherern Spuren hinterlassen. Die anhaltende Niedrigzinspolitik schmälert die Marge und erhöht den Druck zusätzlich. Wie stabil sind die BU-Versicherer heute noch?

Das hat der map-report im seinem ersten BU-Stabilitätsrating jetzt untersucht. Mit Unterstützung der Ratingagentur Franke und Bornberg, die hierfür ihren Studien zur BU-Stabilität aus den Jahren 2015 und 2016 zur Verfügung gestellt hatte. Das BU-Stabilitätsrating soll Kunden und Vermittlern zeigen, welche Versicherer für langfristig verlässliche Konditionen und damit für Zukunftsfähigkeit stehen, betont der map-report.

Insgesamt 35 Gesellschaften erhielten eine Gesamtbewertung. Davon erreichte jede fünfte einen Platz in der Spitzengruppe. An 26 Versicherer konnten nur Teilbewertungen vergeben werden, weil wesentliche Daten nicht verfügbar waren beziehungsweise die Unternehmen die Daten dem map-report nicht zur Verfügung gestellt haben.

Aggressive Beitragskalkulation gefährdet Stabilität

Bei der Beitragskalkulation der BU-Versicherer zeigte sich, dass die Bandbreite enorm ist –  beim Brutto- wie auch beim Zahlbeitrag. Als Benchmark diente laut map-report das jeweilige Beitragsmittel der aller verfügbaren Prämien der BU-Versicherer. Davon wichen die Beiträge in der Spitze um 50 Prozent (brutto) beziehungsweise 30 Prozent (netto) ab.

Michael Franke, Geschäftsführer von Franke und Bornberg, sieht diesen Status quo weiterhin kritisch: „Der Markt ist sehr umkämpft, da sich aufgrund der anhaltenden Zinskrise viele Versicherer auf das Biometrie-Segment konzentrieren wollen. Daher wird weiterhin sehr aggressiv kalkuliert. Es gibt Versicherer, die nur die Hälfte der marktüblichen Durchschnittsprämie aufrufen. Ein solches Pricing ist nicht allein mit einer strengen Risikoselektion zu rechtfertigen. Es zeigt deutliche Tendenzen zur Unterkalkulation.“

Und gefährde auf diese Weise die Stabilität, mahnt Franke. Die Freude über einen günstigen Beitrag könne schnell in eine böse Überraschung umschlagen, wenn Versicherer ihren Zahlbeitrag erhöhen müssten oder sogar Druck auf deren Regulierungspraxis entsteht.

Risiken realistisch einschätzen

Die Einschätzung des beruflichen Risikos bildet – neben der Gesundheitsprüfung – eine tragende Säule der Antragsprüfung. Um noch feiner differenzieren und damit noch günstiger anbieten zu können, nutzen Versicherer mittlerweile vielfach ein Scoring-Modell, das sich am Anteil der kaufmännischen  oder körperlichen Tätigkeit und manchmal auch der Reisetätigkeit orientiert.

Fragen nach Tätigkeitsanteilen aber öffnen Manipulationen Tür und Tor und bergen das Risiko, dass der Beitrag unter der Bedarfsprämie bleibt, warnt der map-report. Diese Gefahr steige weiter, sofern für Vermittler und Verbraucher Sprungstellen erkennbar werden, deren Überschreiten zu überproportionalen Steigerungen des Beitrages führt. Hier sei absehbar, dass Angaben optimiert würden, um eine günstige Einstufung zu erlangen – regelmäßig zum Nachteil der kalkulierten Risikoverteilung im Versicherungskollektiv.

Negativselektion vermeiden

Als weiteren destabilisierenden Faktor macht die Studie hohe Dynamiksätze ohne zusätzliche Gesundheitsprüfung aus. Diese bewirken eine unkalkulierbare Risikoerhöhung für das Versichertenkollektiv. Immerhin fünf Versicherer sind nach den Erhebungen bereit, zehn Prozent Dynamik ungeprüft in die Bücher zu nehmen.

Negative Selektionseffekte seien somit vorprogrammiert. Dabei lehre die Erfahrung, dass, sobald sich die versicherte BU-Rente dem bisherigen Nettoeinkommen des Versicherten nähere, die Wahrscheinlichkeit eines Leistungsantrags steige, bis hin zu einer Verdoppelung der Antragszahlen insgesamt.

Überschüsse konstant halten

Risikoüberschüsse sind das Ergebnis einer vorsichtigen Kalkulation. Sie entstehen, wenn das tatsächliche Risiko unterhalb der kalkulierten Invalidisierungswahrscheinlichkeit verläuft. Aber Überschüsse sind nicht naturgegeben.

Senkungen der Überschussanteile sind sicherlich der stärkste Indikator dafür, dass die Kalkulation schon in der Vergangenheit nur teilweise aufgegangen ist. Leidtragende seien die Kunden. Ihr Beitrag steige, ohne dass damit bessere Leistungen verbunden wären. Die Studie zeigt, welche Unternehmen die Risikoüberschüsse zurückgefahren haben.

Kompetenz beweisen

Seit Jahren untersucht Franke und Bornberg mit dem BU-Unternehmensrating die Professionalität von Versicherern im BU-Geschäft. Neben einer Prüfung der Kundenorientierung sowie der Arbeitsprozesse vor Ort stehen Stabilität und Nachhaltigkeit der Geschäftsentwicklung im Fokus der Untersuchung. Die Prüfung der teilnehmenden Versicherer vor Ort erlaubt einen tiefen und verifizierten Einblick in deren Geschäftsprozesse. Diese Erkenntnisse sind zudem in die Studie BU-Stabilität eingeflossen.

Finanzielle Stabilität zeigen

Im Bereich „Finanzstärke“ wurden Unternehmenskennzahlen bewertet. Acht Gesellschaften erreichten mindestens 75 Prozent, weitere sieben mindestens 70 Prozent. Die Bilanzwertung konnte die Allianz für sich entscheiden. Die Finanzstärke muss dabei aber nicht per se größenabhängig sein. Die Silbermedaille geht an InterRisk und LV 1871, die nach verdienten Bruttobeiträgen 2018 auf den Plätzen 67 und 32 rangieren und auf Marktanteile von 0,10 bzw. 0,71  Prozent kommen.

Die Stabilitätssieger

Das Rating ermittelt für jedes Wertungskriterium eine Kennzahl im Bereich zwischen 0 und 100 (100 = Maximalerfüllung) als Maßstab für die Fähigkeit eines Unternehmens, sein BU-Geschäft langfristig stabil betreiben zu können. Der Stabilitätsindex zeigt für jeden Teilbereich sowie für die Gesamtwertung das Verhältnis von erreichter Punktesumme zu zu möglicher Punktesumme. Die Ergebnisse der Teilbereiche werden gewichtet und zu einem Gesamtindex zusammengeführt. Dieser Index ist ein wichtiger Indikator für langfristige Stabilität im Geschäftsfeld Berufsunfähigkeit.

Gezielte Umdeckung in der BU wird wahrscheinlicher

Beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung liegt der Fokus immer noch zu stark auf dem Preis als ausschlaggebendem Kriterium. Mit dem Stabilitätsrating soll ein Gegengewicht zum Preiswettbewerb etabliert werden. Das Rating beleuchtet die Lage der Versicherer aus verschiedenen Blickwinkeln. Untersucht wird nicht nur den Status quo, sondern auch Merkmale mit Wirkung auf die Zukunft.

Reinhard Klages, Chefredakteur des map-reports, erläutert den Zusammenhang: „Müsste ein Versicherer seine deklarierten Überschüsse auf breiter Front senken und damit die Zahlbeiträge erhöhen, wäre die weitere Entwicklung absehbar. In der Privaten Krankenversicherung zeigt sich bereits seit einigen Jahren, wie Vermittler und Kunden in diesen Fällen reagieren: mit gezielter Umdeckung gesunder Kunden. Mittel- bis langfristige Konsequenz sind Entmischung des Kollektivs und damit eine weitere Beschleunigung der Talfahrt. Ich halte eine solche Entwicklung bei einzelnen Versicherern für möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich.“ (dr)

Foto: Shutterstock

1 Kommentar

  1. Tendenzen zur Unterkalkulation? Wie solide sind die BU-Versicherer noch aufgestellt?

    Kommentar von Jörg Meyer — 4. Februar 2020 @ 18:56

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