Marktausblick Lebensversicherungen: „Der Altersvorsorgemarkt verändert sich stark“

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Thorsten Saal, Morgen & Morgen

Die Lebensversicherung unterliegt aktuell einem starken Wandel. Die Marktbedingungen verändern das Angebotsspektrum. Vor allem die Altersvorsorgeprodukte sind betroffen. Abnehmende Tarifvielfalt, zugespitztes Angebot: Verlierer gibt es viele. Das zeigt der neue Marktausblick von Morgen & Morgen.

In der Lebensversicherung verändern sich die Marktbedingungen deutlich. Und das hat sichtbare Konsequenzen auf das Angebotsspektrum. Vor allem die Altersvorsorgeprodukte sind stark betroffen. Die deutschen Lebensversicherer hätten das Jahr 2022 mit vielen Tarifanpassungen begonnen, zeigt die Analyse des Ratinghauses Morgen & Morgen (M&M).

Insbesondere die Senkung des Rechnungszinses auf nun 0,25 Prozent zum Jahresbeginn 2022 war laut M&M ursächlich für Anpassungen. In der Folge mussten nach der Analyse auch die Tarife zur Arbeitskraftabsicherung sowie zur Risikovorsorge überarbeitet werden. Sie kamen im Schnitt aber mit leichten Beitragserhöhungen recht gut in das neue Jahr.

Anders sieht es in der Altersvorsorge aus. Im Zuge der Umstellung der Kalkulationen auf den neuen Rechnungszins verschärfte sich die Herausforderung der Finanzierbarkeit von Beitragsgarantien für die Versicherer. Die Abkehr von der 100-prozentigen Beitragsgarantie wurde in den unterschiedlichen Tarifarten der Altersvorsorge noch deutlich verstärkt, betont M&M.

Das Angebot spitzt sich zu – ein Verlust von Tarifvielfalt

Für den Markt bedeutet das eine Neuordnung und einen damit einhergehenden Verlust an Vielfalt der Tarifarten. Der Absicherungsbedarf bei Verbraucherinnen und Verbrauchern bestehe zwar weiterhin, allerdings spitzt sich das Angebot in den verschiedenen Tarifarten laut Morgen & Morgen zunehmend zu. „Der Altersvorsorgemarkt verändert sich aktuell stark und zeigt die Tarifarten hinsichtlich ihrer Relevanz und Attraktivität in einem neuen Gefüge“, stellt Thorsten Saal, Bereichsleiter Mathematik, die derzeitige Entwicklung dar.

Die steuerlich geförderten Rentenprodukte unterliegen strengen gesetzlichen Vorgaben, um Verbraucherinnen und Verbrauchern eine sichere Option der Altersvorsorge zu ermöglichen. Hierzu gehören Vorschriften zum Beitragserhalt sowie zu den Kapitalanlageoptionen. „In diesem Rahmen sind die Produktgeber wenig flexibel, was in der aktuellen Kapitalmarktsituation und dem damit verbunden niedrigen Rechnungszins dazu führt, dass die Finanzierbarkeit oftmals nicht mehr gegeben ist und viele Anbieter ihre Produkte einstellen,“ sagt Saal.

80 ist die neue 100

Für die Tarife der Basisrente wurde die Beitragsgarantie im Zuge der neuen Kalkulation auf unter 100 Prozent gesenkt. Sie hat sich bei 80 Prozent eingependelt. Klassische Basisrenten werden kaum noch angeboten, sie sind aufgrund sinkender Beitragsgarantien und fehlender Partizipation an den Chancen der Kapitalmärkte nicht mehr attraktiv. Insgesamt können Basisrenten jedoch nach wie vor steuerlich sehr interessant sein.

Einige Tarife müssten momentan im Nachgang an die Neukalkulation zudem an die Logik der Basisrenten angepasst werden, so Saal. Andere hängen derzeit noch in den Freigabeprozessen hinsichtlich der PIA-Klassifizierungen. Das Angebot verzeichnet daher aktuell eine vorübergehende Delle, so Saal weiter.

Zu den absoluten Verlieren im Markt gehört laut Morgen & Morgen die Riester-Rente. Viele Anbieter hätten inzwischen ihre Riester-Produkte eingestellt. Eine Handvoll Anbieter bieten nach wie vor diese steuerlich geförderte Rentenform an. Die Kosten einer 100 Prozent Beitragsgarantie hält Morgen & Morgen gleichwoh für kaum noch finanzierbar. Zudem seien anfallende Vertriebskosten sind ebenfalls schwer darstellbar.

Riester-Rente über Honorartarife

Daher gehen laut Morgen & Morgen Anbieter dazu über, Riester-Angebote nur noch über die Honorartarif-Variante anzubieten. Hier seien die Kosten für den Anbieter niedriger. Es müssten keine Abschlusskosten für die ersten Jahre der Vertragslaufzeit einkalkuliert werden, die es erschweren, eine 100 Prozent Beitragsgarantie zu sichern. Entfallen die Abschlusskosten, ist es leichter, eine entsprechende Beitragsgarantie zu schaffen, so Saal.

Nicht geförderte Rentenprodukte mit mehr Flexibilität

Die ungeförderten Rentenprodukte sind im Vergleich zu den steuerlich geförderten Produkten teils wesentlich flexibler in ihrer Ausgestaltung. Das ermöglicht ihnen einen anderen Umgang mit Beitragsgarantien und der
Partizipation an den Kapitalmärkten. Jedoch gibt es auch hier produktspezifische Korsetts, wie beispielsweise bei der betrieblichen Altersvorsorge. „Am Ende geht es um vertretbare Renditen, die sich am Markt erwirtschaften lassen und bei Verbraucherinnen und Verbrauchern im Rahmen ihrer Geldanlage zur Altersvorsorge Akzeptanz finden“, sagt Saal auf den Punkt.

Auch bei der betrieblichen Altersvorsorge können die Anbieter die 100 Prozent Beitragsgarantie nicht mehr halten und landen größtenteils bei 80 Prozent. Damit ist die Direktversicherung mit Beitragszusage mit Mindestleistung, die eine 100-prozentige Beitragsgarantie voraussetzt, vom Markt verschwunden. Die klassische bAV wird kaum mehr angeboten. Sie kann mit höchstens 80 Prozent Beitragsgarantie und ohne Partizipation an den Chancen der Kapitalmärkte keine entsprechenden Renditeaussichten hervorbringen.

Die Privatrente ist mit ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen und Konstrukten hinsichtlich Garantien und Partizipation an den Chancen der Kapitalmärkte sehr flexibel. Auch hier sind die maximalen Garantiehöhen gesunken. 100 Prozent Garantie ist eine Seltenheit geworden.

Der Fokus liegt laut Morgen & Morgen nun auf einem Garantiesockel von 80 Prozent. Gleichwohl registrieren die Experten einen zunehmenden Trend in Richtung fondsgebundene Produkte ohne Garantie. Klassische Rentenversicherungen werden hingegen kaum mehr angeboten, da sie mit den Renditeansprüchen des Marktes nicht mithalten können. Sie trifft das Dilemma der sinkenden Beitragsgarantien und der geringen Partizipation an Kapitalmarktchancen, urteilt Morgen & Morgen.

Ausblick auf die Altersvorsorge – Fondspolicen ohne Garantien gehört die Zukunft

Morgen & Morgen sieht zwar viele Überlebende, aber nur wenige Gewinner in der aktuellen Situation. Der Fondsgebunden Rentenversicherung ohne Garantie sowie mit flexiblen Garantieangeboten gehört sicherlich die Zukunft, lautet eine Aussage. Die Produkte hätten die Möglichkeit sich so flexibel aufzustellen, dass sie mit den Chancen des Kapitalmarktes mitgehen könnten. Allerdings birgt das Investment nach Ansicht des Analysehauses jedoch auch Risiken. Allerdings könnten Kunden flexibel das zu seinem persönlichen Maß an Chancen und Risiken passende Produkt wählen.

Der Markt steht weiter unter starkem Druck, denn der Bedarf einer Altersvorsorge besteht weiterhin. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen hält das Analysehaus es für essenziell, transparente Renditeaussagen zu treffen, auch wenn das gegebenenfalls den vertrieblichen Interessen gerade bei kurzen Laufzeiten widerspreche.

„Auch die Bafin spricht in der aktuellen Ausgabe des Bafin Journals genau diesen Interessenskonflikt an“, sagt Morgen & Morgen-Experte Saal. Die Finanzaufsicht bemängelt vor allem, dass im Hinblick auf hohe Effektivkosten sowie intransparente Rückvergütungen und damit verbundene Renditeschmälerungen beziehungsweise -verluste, dem Zielmarkt hinsichtlich seiner Interessen und Bedürfnisse nicht genügend Rechnung getragen wird.

Verlässliche Renditeaussagen fehlen weitgehend

Saal hält die Rentenversicherung weiterhin für einen wesentlichen Baustein in der Altersvorsorge. Allerdings liege auf der Hand, dass der vertrauensvolle Zugang zu Rentenprodukten neben einer verbraucherfreundlichen Produktgestaltung ebenfalls einer transparenten und verlässlichen Basis für Vermittlerinnen und Vermittler und Verbraucherinnen und Verbraucher bedürfe. „Rentenprodukte verbraucherfreundlich zu gestalten, ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, Renditeerwartungen transparent und vergleichbar zu machen. Produkte, die in den individuellen Kundenszenarien schwächeln, können somit verbraucherfreundlich ausgeschlossen werden“, sagt Saal.

Produkte, die der Kundensituation entsprechen, können nachhaltig und belastbar erkannt und vermittelt werden. „Vor diesem Hintergrund sind wir Anfang des Jahres mit der Marktinitiative Neuer Renditestandard gemeinsam mit Versicherungsgesellschaften und Vertrieben an den Start gegangen. Ziel ist es, einen einheitlichen und verlässlichen Renditestandard zu etablieren, der alle Kosten enthält und alle Produkte vergleichbar macht und das für jede Kundensituation individuell“, zeigt Saal den Ansatz in Richtung Verbraucher auf. Dies solle den Zugang zu einer passenden Altersvorsorge erleichtern und der Altersvorsorge wieder ein verlässliches Gesicht geben.

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