Die Aussicht auf eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus entspannt zwar die Angebotssorgen. Doch die Folgen der geopolitischen Spannungen sind längst im deutschen Einkaufswagen angekommen – und dürften bleiben.
Anleger schauen bei der Krise im Nahen Osten vor allem auf den Ölpreis, Verbraucher auf den Benzinpreis. Doch beides greift zu kurz. Die eigentlichen Auswirkungen entstehen abseits der Schlagzeilen in den schleichenden Zweitrundeneffekten. Sie beginnen dort, wo steigende Rohstoff- und Lebenshaltungskosten höhere Löhne nach sich ziehen, die wiederum die Produktionskosten erhöhen. Auf diese Weise kann sich eine Inflationsspirale festsetzen.
Ein anschauliches Beispiel ist die Pistazie. Der Iran zählt zu den wichtigsten Produzenten weltweit und steht für rund ein Fünftel der globalen Produktion sowie etwa ein Viertel bis ein Drittel der Exporte. Damit stammt ein großer Teil direkt aus der Krisenregion. Der Konflikt erschwert die Schifffahrt durch die Straße von Hormus und bremst den Export. Der Markt war ohnehin angespannt, da eine schwache Ernte infolge der Dürre im Jahr 2025 das Angebot zusätzlich verknappt hat. Entsprechend sind die Preise bereits auf ein 8-Jahres-Hoch gestiegen.
Die Pistazie ist das Herzstück und zugleich die teuerste Zutat der Dubai-Schokolade. Der Hype hält an, die Nachfrage bleibt hoch und die Krise verschärft die Lage zusätzlich. Die geopolitischen Spannungen sorgen dafür, dass die Dubai-Schokolade entweder zum Luxusprodukt für wenige wird oder an Qualität verliert, um massentauglich zu bleiben. Um die Preise stabil zu halten, greifen Hersteller teilweise auf günstigere Alternativen wie Aromen zurück, statt ausschließlich Pistazienmus zu verwenden. Auch die grüne Farbe wird bei einigen Produkten nicht mehr nur durch Pistazien, sondern durch Farbstoffe erzeugt. Das zugrunde liegende Muster gilt auch für viele andere Produkte.
Was ist die logische Konsequenz?
Pistazien wandeln sich vom beiläufigen Snack zum grünen Gold des Agrarmarktes, bei dem eine Handvoll Nüsse preislich mit einer Dose Kaviar mithalten kann. Shampoo entwickelt sich vom schlichten Hygieneprodukt zum chemischen Luxuselixier, dessen Preis pro Milliliter zunehmend dem eines feinen Parfüms entspricht. Denn viele Shampoos enthalten Stoffe auf petrochemischer Basis, deren Kosten mit dem Ölpreis steigen. Das gilt übrigens auch für die Verpackung, denn für die Produktion von Shampoo-Flaschen aus PET oder HDPE braucht es Öl.
Jedes Unternehmen reagiert anders. Der globale Konsumgüterkonzern Unilever, bekannt für Marken wie Dove, Axe und Rexona, plant Preiserhöhungen in kleinen Dosen, um steigende Kosten abzufedern. Die Preise könnten dabei um etwa 2 bis 3 Prozent steigen und sollen schrittweise sowie gezielt angepasst werden. Der britische Mode- und Einzelhandelskonzern Next, der Marken wie FatFace, Cath Kidston und Victoria’s Secret besitzt oder an ihnen beteiligt ist, erhöht die Preise vor allem außerhalb Europas deutlich, um bis zu 8 Prozent je nach Land, während Europa weitgehend geschont wird.
Brot entwickelt sich vom täglichen Grundnahrungsmittel zu einem nahezu exklusiven Handwerksprodukt, bei dem jede Scheibe preislich mit einem Glas Champagner konkurrieren kann. Dabei beginnt die Kostenkette lange vor dem Backofen. Stickstoffdünger wird unter hohem Energieaufwand vor allem aus Erdgas hergestellt. Steigende Energiepreise treiben deshalb die Kosten für Landwirte weltweit nach oben. Auch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung ist energieintensiv. Pflügen, Säen und Ernten mit schweren Maschinen verbrauchen große Mengen an Treibstoff, was die Produktionskosten erhöht und sich im Weizenpreis widerspiegelt.
Wenn die gesamte Wertschöpfungskette betroffen ist
Ganz so krass wie in den oben genannten Beispielen wird es dann aber hoffentlich nicht. Gleichzeitig wirken die Spannungen im Nahen Osten nicht nur über Energiepreise, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Energie über die Produktion und den Transport bis hin zu den Endpreisen. Wie bei Zöllen geraten zunächst die Margen der Unternehmen unter Druck, doch am Ende wird ein Großteil der Kosten an die Verbraucher weitergegeben. Je länger die geopolitischen Spannungen anhalten, desto stärker verfestigen sich diese Effekte. Aus einem vorübergehenden Angebotsschock kann so eine dauerhafte Teuerungswelle entstehen.
Eine Lösung der aktuellen geopolitischen Spannungen im Nahen Osten (oder schon die Aussicht darauf) könnte den Druck zwar schnell lindern und die Ölpreise sinken lassen, allerdings wirkt das nicht wie ein Reset-Knopf. Preise kehren in der Regel nicht einfach auf ihr altes Niveau zurück. Denn die eigentliche Inflation entsteht nicht im Ölpreis selbst, sondern in allem, was er in Bewegung setzt.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro.













