Frau Fäth, wie stand es um die Sensibilität, die Arbeitskraft abzusichern im Jahr 2025?
Fäth: Gerade die weitere Zunahme psychischer Erkrankungen sensibilisieren weiterhin für die Bedeutung einer Arbeitskraftabsicherung. So verzeichneten wir bei der Stuttgarter Lebensversicherung im Geschäftsjahr 2025 sowohl eine gestiegene Nachfrage als auch höhere Neugeschäftszahlen bei Tarifen zur Einkommensabsicherung. Verstärkend ausgewirkt haben sich unsere deutlich verbesserten BU-Tarife und unserer Schüler-Kampagne, die gezielt Eltern für die Absicherung ihrer Kinder sensibilisiert hat.
Die BU gilt als ausgereift, die Durchdringung stagniert jedoch seit Jahren. Woran liegt es?
Fäth: Die BU ist und bleibt durch High-End-Bedingungen und berufsbezogene Preisdifferenzierungen für risikoreiche Berufe oft zu teuer, insbesondere im Verhältnis zum verfügbaren Nettoeinkommen. Auch Menschen mit Vorerkrankungen erhalten keinen oder nur einen eingeschränkten BU-Versicherungsschutz, was die Marktdurchdringung hemmt. Gleichzeitig wird bei der Vermittlung der Arbeitskraftabsicherung oft nur die BU beraten, Alternativen nicht oder nur rudimentär angesprochen, obwohl es neben der BU andere, ebenfalls passende Absicherungsmöglichkeiten gibt.
Körperlich Tätige zahlen hohe Prämien und erhalten nur schwer eine BU. Taugt das Produkt überhaupt noch für die breite Masse?
Fäth: Die Frage impliziert, dass nur die BU die passende Arbeitskraftabsicherung für alle darstellt. Dabei war die BU noch nie ein Produkt für die breite Masse, das zeigt nicht nur die seit Jahren stagnierende Absicherungsquote deutlich. „one size fits all“ ist auf Grund der unterschiedlichen Bedürfnisse und individuellen Rahmenbedingungen der falsche Ansatz. Wir brauchen für jeden Arbeitnehmer, Selbstständigen etc. eine passende Arbeitskraftabsicherung, dabei ist die Hochleistungs-BU nur eine von mehreren Möglichkeiten zur Einkommensabsicherung. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden andere, auch immer wieder neue Konzepte entwickelt, die den unterschiedlichen Bedürfnissen und Lebensrealitäten der Menschen besser gerecht werden. Nur mit verschiedenen Tarifen zur Einkommensabsicherung und wenn die Arbeitskraftabsicherung nicht ausschließlich auf die BU begrenzt wird, kann die breite Masse erreicht werden.
Schüler- und Azubi-Tarife erleben einen starken Ausbau. Sie bieten ja ebenfalls einen Tarif an. Wie stellen Sie sicher, dass diese frühen Einstiege nicht zu struktureller Unterversicherung führen, sondern über Jahrzehnte hinweg an den Lebens- und Einkommensverlauf angepasst werden können?
Fäth: Bei jungen Leuten ist es essentiell wichtig, dass die Absicherung nicht nur bei Abschluss zur Lebenssituation passt, sondern über das gesamte (Berufs-)Leben mitwächst und trotzdem flexibel bleibt. Mit easilife haben wir als Stuttgarter ein Lebensphasenkonzept entwickelt, das zentrale Vertragsflexibilitäten bietet. So können unsere BU-Tarife und unser GrundSchutz+ passgenau an sich ändernde Lebensverhältnisse angepasst werden: durch eine Berufswechsel-Option, durch umfangreiche Erhöhungs- und Nachversicherungsoptionen, aber auch durch Möglichkeiten, Beiträge zu pausieren. Viele Optionen können ohne erneute Risikoprüfung ausgeübt werden, so dass sich ändernde Gesundheitsverhältnisse oder auch andere risikoreichere Berufe im Vertragsverlauf irrelevant sind.
Die Grundfähigkeitsversicherungen gewinnt immer mehr an Zustimmung. Analysehäuser wie Franke und Bornberg schauen sich die Tarife inzwischen genau an. Wie entwickelt sich die Nachfrage?
Fäth: Die Nachfrage nach Grundfähigkeitsversicherungen ist da und auch das Angebot an Tarifen steigt immer noch. Damit allerdings auch die Komplexität für die Beratung. Zusätzlich spüren wir immer noch eine Zurückhaltung bei Vermittlerinnen und Vermittlern, jegliche BU-Alternativen anzubieten. Darüber hinaus schaden Diskussionen, ausgelöst durch das entsprechende BGH-Urteil, ob die Grundfähigkeitsversicherung eine Einkommensabsicherung ist, dem Ansehen des Produktes und dämpfen das Wachstum. Wohin diese Entwicklung führt, ist nicht vorhersehbar.
Welche strategische Rolle spielen Grundfähigkeitsversicherungen für Die Stuttgarter? Eine Ergänzung zur BU oder eine eigenständige Säule der Arbeitskraftabsicherung?
Fäth: Da die Grundfähigkeitsversicherung eine andere Zielgruppe als die BU hat, ist unsere Grundfähigkeitsversicherung GrundSchutz+ ein wichtiger Bestandteil unseres Produktportfolios. Denn mit der Grundfähigkeitsversicherung erreichen wir nachweisbar Personen, die sich keine BU leisten können oder aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen keinen BU-Schutz erhalten. Daher kann die Grundfähigkeitsversicherung eine eigenständige Möglichkeit zur Absicherung darstellen, aber bei ausreichendem Budget auch gut mit einer BU kombiniert werden, um eine adäquate Absicherung zu erhalten. Zudem können mit Grundfähigkeitsversicherungen bereits Kinder im Vorschulalter versichert werden, also bevor viele Diagnosen wie ADHS gestellt werden oder Mobbing-Erfahrungen in der Schule gemacht werden.
Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung gilt fachlich als näher an der BU als andere Alternativprodukte, wird jedoch von vielen Gesellschaften nicht angeboten. Warum eigentlich nicht?
Fäth: Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung wurde lange als „Alternative zur BU“ angeboten, jedoch mit geringem Vertriebserfolg. Zum einen lag dies oft am Beratungsansatz einer „Alternative“, zum anderen an der Nähe zur gesetzlichen Erwerbsminderungsrente. Und diese genießt in Deutschland – zu Unrecht – nicht den besten Ruf. Dabei hat die Erwerbsunfähigkeitsversicherung bei manchen Berufen eine größere Nähe zur Arbeitsfähigkeit als die Grundfähigkeitsversicherung – und damit ebenfalls ihre Daseinsberechtigung. Wenn insgesamt ein Beratungsansatz weg vom Produkt hin zum Bedarf gewählt wird, kann auch eine EU erfolgreich sein.














