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Arbeitskraftabsicherung: Neue Ideen braucht das Land

Sandra Fäth, Produktmanagerin Biometrie
Foto: Die Stuttgarter
Sandra Fäth, Die Stuttgarter: „Die BU war noch nie ein Produkt für die breite Masse.“

Die Berufsunfähigkeitsversicherung gilt als Königsweg der Arbeitskraftabsicherung – empfohlen von Versicherern wie Verbraucherschützern gleichermaßen. Doch trotz hoher Produktqualität, wachsender Sensibilität und neuer Zielgruppen stagniert der Versorgungsgrad. Die Branche sucht nach Antworten. Doch reicht das aus, um die Versorgungslücken zu schließen?

Es ist eine Crux mit der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Sie ist eine der wenigen Absicherungen, bei der sich Versicherer und Verbraucherschützer ausnahmsweise nicht über Kreuz liegen und unisono fordern: Bitte frühzeitig abschließen, am besten zum Berufsstart. Doch die Mahnungen verhallen. Zwar ist die Sensibilität für die Notwendigkeit einer Absicherung gestiegen – auch als Folge der Coronapandemie, betonen die Versicherer in Gesprächen immer wieder.

Doch Auswirkungen auf die Verbreitung von BU-Versicherungen hat das nicht wirklich. „Die Branche braucht dringend neue Ideen zur Zukunft der Arbeitskraftabsicherung. Der Versorgungsgrad stagniert auf zu niedrigem Niveau. Die Versicherungswirtschaft hat ihr Klassenziel verfehlt – bei 45,9 Millionen Erwerbstätigen kommt ein Bestand von gerade einmal 5,63 Millionen selbstständigen Invaliditätsrenten sowie weiteren 11,11 Millionen Zusatzrenten“, konstatiert denn auch Michael Franke.

Klassenziel verfehlt

Der Geschäftsführer des Analysehauses Franke und Bornberg setzt sich seit rund 30 Jahren intensiv mit den Produkten auseinander und gilt als einer der profundesten BU-Tarifexperten des Landes. An der Qualität der Produkte liegt es jedenfalls nicht. Da gibt es nach Aussage Frankes inzwischen kaum noch etwas zu kritteln. „30 Jahre Produktratings und Wettbewerb haben die Berufsunfähigkeitsversicherung zur Produktkategorie mit dem höchsten Qualitätsniveau gemacht“, sagt der Experte. Verbesserungen im Leistungskern seien kaum noch möglich. Leistungsmerkmale, die früher einen echten Unterschied dargestellt haben, sind heute Standard.

Michael Franke, Franke und Bornberg: „Die Berufsunfähigkeitsversicherer schreiben die Entwicklung zur „Klassengesellschaft“ fort.“

„Was einst einen Unterschied machte – etwa der Verzicht auf abstrakte Verweisung – ist heute in praktisch allen Tarifen Standard“, so Franke. Aus diesem Grund habe man die Bewertungssystematik in den vergangenen Jahren angepasst. Stärker gewichtet werden nun Kriterien, die qualitative Unterschiede zwischen den Tarifen sichtbar machten, wie das Abschneiden im BU-Leistungspraxisrating oder die Ergebnisse des BU-Stabilitätsratings. „Denn die Stunde der Wahrheit schlägt erst im Leistungsfall“, sagt Franke. Die eigentliche Herausforderung sieht der Analyst weniger in der Tarifqualität. „Viel Potenzial für Kundengewinnung und Neugeschäft bleibt bislang ungenutzt, während der Versorgungsgrad auf einem zu niedrigen Niveau stagniert.“

Nachfrage ist hoch

Christine Schönteich will dieser Argumentation nicht folgen. Die Fonds-Finanz-Geschäftsführerin sieht im Markt eine steigende Sensibilisierung beim Thema Arbeitskraftabsicherung. „Unsere Vertriebspartner haben das Thema konsequent im Fokus gehalten. Die positive Geschäftsentwicklung 2025 im Bereich Arbeitskraftabsicherung zeigt uns, dass unsere Makler das Thema aktiv in der Beratung verankern und die Nachfrage kontinuierlich hoch bleibt.“ Laut Schönteich registriert der Maklerpool bei Berufseinsteigern und jungen Menschen in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme der Sensibilität. „Gerade diese Zielgruppe erkennt zunehmend, wie wichtig die Absicherung des Einkommens für die eigene finanzielle Stabilität ist, und reagiert entsprechend. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, da sie Vermittlern neue Geschäftspotenziale eröffnet“, so Schönteich.


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Auch die Vema registriert einen wachsenden Absatz in dem Segment. „Das sehen wir aber nicht primär als Ergebnis der Pandemie“, sagt Dr. Johannes Neder, Vorstand der Maklergenossenschaft. „Vielmehr hat die stetige Beratung des gesamten Versicherungsvertriebs – Vertreter wie Makler – seit dem weitestgehenden Wegfall der gesetzlichen Berufsunfähigkeitsrente 2001 dazu geführt, dass sich Kunden heute überhaupt bewusst sind, dass hier eine enorme Versorgungslücke mit einem nicht zu unterschätzenden Risiko besteht. Das Thema Arbeitskraftabsicherung ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die private Versicherungswirtschaft Aufgaben übernimmt, die unsere Sozialsysteme nicht mehr leisten können“, sagt der Vertriebsvorstand.

Dr. Johannes Neder, Vorstand Vema
Dr. Johannes Neder, Vema: „Die Sensibilität der Kunden ist auf einem stabilen, leicht wachsenden Niveau.“

Ähnlich positiv klingt das Feedback aus der Assekuranz. Der Volkswohl Bund verbuchte 2025 nach Aussage von Biometrie-Produktmanagerin Laurine Geißler ein Neugeschäftsplus von 60 Prozent in der BU-Versicherung. „Das Bewusstsein für gesundheitliche Themen wächst insgesamt, auch durch die jederzeitige Verfügbarkeit von Informationen dazu im Internet. Die Hürde, sich mit dem Thema zunächst unverbindlich zu beschäftigen“, sagt Geißler. Auch Swiss Life, BarmeniaGothaer, HDI, die Stuttgarter oder die Alte Leipziger machen aktuell ähnliche Erfahrungen im Markt. Die Gothaer Lebensversicherung verzeichnet nach Aussage von AKS-Expertin Katharina Wiemers in diesem Bereich ein Wachstum über dem Marktdurchschnitt. „Insbesondere mit laufenden Beiträgen und der selbstständigen BU-Versicherung. Insgesamt kann man weiterhin von einer steigenden Attraktivität sprechen“, sagt Wiemers.

„Wir haben vor fast genau einem Jahr ein großes AKS-Update gefahren, und dieses wird seitdem vom Markt sehr gut angenommen“, sekundiert Swiss-Life-Leiter Intermediärvertrieb Sebastian Weigelt. Laut Stuttgarter-Biometrie-Produktmanagerin Sandra Fäth haben sich neben einer gestiegenen Nachfrage vor allem deutlich verbesserte BU-Tarife und eine Schüler-Kampagne, die gezielt Eltern für die Absicherung ihrer Kinder sensibilisiert, positiv auf das BU-Neugeschäft ausgewirkt. Dennoch bleibe es viel zu häufig bei bloßen Absichtserklärungen, sagt Interrisk-CEO Dr. Florian Sallmann. „Bei einer Marktdurchdringung von unter 30 Prozent besteht ein volkswirtschaftlicher Bedarf nach einer deutlichen Zunahme.“ Als Hauptursache für den Attentismus hat Sallmann die Kosten für eine BU ausgemacht.

Seite 2: „EIn Umdenken wäre dringend geboten.“

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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