EXKLUSIV

Arbeitskraftabsicherung: Neue Ideen braucht das Land

hnlich ist auch das Vorgehen des Volkswohl Bundes. Auch dort können Schüler, Studierende oder Auszubildende die Versicherung immer wieder bei Bedarf anpassen. So kann etwa bei Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums die Monatsrente verdoppelt werden. Durch die Karrieregarantie lässt sich die BU-Monatsrente auf bis zu 6.000 Euro erhöhen.

Kalkulierbares Risiko?

Der Fokus auf die junge Klientel sorgt bei Franke für Unbehagen. „Für die Versicherer und damit die Versichertenkollektive tun sich durch die enorm langen Laufzeiten erhebliche Risiken auf. Die Kalkulation solcher Tarife muss bis zu 55 Jahre halten – wobei die Entwicklung von Berufsbildern oder Erkrankungen schlicht nicht vorhersehbar ist. Wie sich etwa psychische Erkrankungen, die Digitalisierung der Arbeitswelt oder völlig neue Berufsfelder auf das Risikoprofil auswirken, kann heute niemand seriös kalkulieren. Die langfristige Leistungspraxis lässt sich bei diesen Tarifen naturgemäß noch nicht bewerten.“ Man könne die Bedingungsqualität und die Versichererstabilität analysieren. „Aber ob die Kalkulation über Jahrzehnte trägt, zeigt sich erst in ferner Zukunft.“ Gerade bei Schülern mache es eher Sinn, zunächst Grundfähigkeiten oder Erwerbsunfähigkeit abzusichern und erst beim Berufseinstieg eine vollwertige BU anzubieten. „So entsteht früh ein bezahlbarer Schutz, ohne dass Versicherer und Kollektiv unkalkulierbare Langfristrisiken eingehen“, sagt der Experte.

Viele Berufsgruppen, die das Produkt nicht bezahlen können oder wollen, viele, die nicht versicherbar sind, und die Schüler als kalkulatorisches Risiko – angesichts derartiger Einwände stellt sich die Frage: Taugt die BU in ihrer heutigen Logik überhaupt für die breite Masse? „Die BU war noch nie ein Produkt für die breite Masse, das zeigt nicht nur die seit Jahren stagnierende Absicherungsquote deutlich. One size fits all ist aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse und individuellen Rahmenbedingungen der falsche Ansatz. Wir brauchen für jeden Arbeitnehmer, Selbstständigen etc. eine passende Absicherung“, sagt Fäth.

Fabian von Löbbecke, HDI Leben: „Hat das Potenzial, sich als eigenständige Säule im Einkommenschutz zu etablieren.“

Dabei sei die Hochleistungs-BU nur eine Möglichkeit der Einkommensabsicherung. Die betriebliche Arbeitskraftabsicherung gilt als weitere. Laut HDI-Leben-Vorstand Fabian von Löbbecke ist der Nettoaufwand bei HDI um bis zu 35 Prozent geringer als bei einer privaten BU. „Darüber hinaus profitieren Arbeitnehmer im betrieblichen Kontext meist von einfacheren Zugängen in der Gesundheitserklärung und höheren zulässigen Beitrittsaltern“, sagt von Löbbecke. Hinzu kommt, dass das Konzept auch für Arbeitgeber lohnend ist.

„Sie senken die Lohnnebenkosten und ermöglichen es, die eingesparten Mittel gezielt zur Mitarbeiterbindung und -motivation einzusetzen. bAV-Modelle mit integrierter BU oder betrieblicher Arbeitskraftabsicherung (bAKS) haben das Potenzial, zu einem Wachstumshebel der betrieblichen Vorsorge zu werden. Wenn es gelingt, die Produkte zu standardisieren, Prozesse konsequent zu digitalisieren und die Risikoprüfung bAV-tauglich auszugestalten, ist in den kommenden Jahren ein nachhaltiges Wachstum realistisch. Entscheidend für den Durchbruch in der Breite ist, dass bAKS für Arbeitgeber einfach umsetzbar ist und für Mitarbeitende als verständliche, bezahlbare Grundabsicherung erlebbar wird“, sagt denn auch Häsch.

Die Grundfähigkeitsversicherung als Offenbarung

Angesichts der unzureichenden Durchdringung sieht die Branche in der Grundfähigkeitsversicherung einen vielversprechenden Ansatz in der Arbeitskraftabsicherung. Es sei allgemein bekannt, dass ein Großteil der Menschen mit den bislang am Markt verfügbaren Produktlösungen nicht adäquat erreicht wird. Die Grundfähigkeit werde als attraktive Ergänzung zur klassischen BU wahrgenommen, so von Löbbecke. „Die Grundfähigkeitsversicherung besitzt zweifellos das Potenzial, sich als eigenständige Säule im Einkommensschutz zu etablieren“, zeigt sich der HDI-Vorstand überzeugt. Allerdings bestehe für den Vertrieb die Aufgabe darin, klar und deutlich zu kommunizieren, wie sich Grundfähigkeit und BU voneinander unterscheiden und wie sie sich effektiv ergänzen lassen.

„Die Grundfähigkeit sichert etwas völlig anderes ab als die BU“, ergänzt Alte-Leipziger-Leben-Vertriebsleiter Häsch. Sie versichert nicht den ausgeübten Beruf, sondern den Verlust zentraler Grundfähigkeiten. Sie könne deshalb neben einer BU bestehen oder sogar zusätzliche Lebensbereiche absichern – von der Haushaltsführung bis hin zu alltäglichen Aktivitäten wie dem Gassigehen mit dem Hund. Damit eröffnet sich für Vermittler eine neue Absicherungsperspektive, die weit über das rein Berufliche hinausgeht. „Die aktuelle vertriebliche Herausforderung besteht darin, die Grundfähigkeitsversicherung nicht als zweite Wahl zu positionieren, sondern als eigenständiges, gleichwertiges Produkt mit anderen Schwerpunkten und einem eigenen Zielgruppenansatz. Gelingt dies, kann die Nachfrage deutlich wachsen – das Potenzial ist heute schon da“, sagt Häsch.

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