Nässe, Kälte und frühe Dunkelheit prägen die Verkehrslage in den Wintermonaten. Eine aktuelle Auswertung der Verti Versicherung zeigt, dass sich bei winterlichen Witterungsverhältnissen rund 20 Prozent mehr Auffahrunfälle ereignen als im Sommer. Schlechte Sicht, ein zu geringer Sicherheitsabstand und ungeeignete Bereifung zählen zu den häufigsten Ursachen.
Ein zentrales Risiko ist der verlängerte Bremsweg. „Viele Autofahrer unterschätzen im Winter den tatsächlichen Bremsweg“, sagt Alexander Held, Kfz- und Versicherungsexperte der Verti Versicherung AG. „Auf verschneiter Fahrbahn verlängert sich der Bremsweg erheblich – eine Faustregel besagt, dass er drei- bis viermal so lang ist wie auf trockener Fahrbahn, bei Glatteis sogar bis etwa siebenmal so lang.“
Zusätzlich verschärft falsche Bereifung die Gefahr. „In Deutschland gilt eine situative Winterreifenpflicht und das bedeutet, dass Sie bei winterlichen Straßenverhältnissen nur mit Winter- oder Ganzjahresreifen fahren dürfen, die das Alpine-Symbol – eine Schneeflocke – tragen. Ältere M+S-Reifen ohne dieses Symbol reichen nicht mehr aus“, warnt Held.
Sicherheitsabstand bleibt oft zu gering
Auffällig ist, dass viele Auffahrunfälle trotz reduzierter Geschwindigkeit passieren. Der verbreitete Trugschluss lautet, dass langsameres Fahren automatisch mehr Sicherheit bedeutet. „Wir beobachten ein winterliches Sicherheitsparadox“, sagt Held. „Zwar wird langsamer gefahren, dennoch ist der Sicherheitsabstand oft nicht ausreichend.“
Besonders im dichten Berufsverkehr steigt das Risiko. Häufiges Anfahren und abruptes Bremsen an Ampeln oder im Stop-and-go-Verkehr können schnell eine Kettenreaktion auslösen. Schon kleine Verzögerungen reichen aus, um den verlängerten Bremsweg zum Problem werden zu lassen.
Hinzu kommt die eingeschränkte Sicht. Verschmutzte Scheinwerfer, beschlagene Scheiben oder abgenutzte Wischerblätter verlängern die Reaktionszeit. „Im Winter verschlechtert sich die Sicht oft schleichend. Dieser Faktor wird von vielen Fahrern unterschätzt“, so Held. „Dabei kann schon eine halbe Sekunde mehr Reaktionszeit über einen Unfall entscheiden.“
Technik hilft, ersetzt aber keine Vorsicht
Moderne Fahrerassistenzsysteme wie Notbremsassistenten können Auffahrunfälle zwar abmildern oder verhindern, stoßen im Winter jedoch an Grenzen. Schnee, Eis oder Schmutz können Sensoren und Kameras beeinträchtigen. „Sensoren und Kameras können durch Schneematsch, Eis oder Schmutz beeinträchtigt werden“, gibt Held zu bedenken.
Auffahrunfälle zählen aus Sicht der Versicherer zu den häufigsten Schadenarten. Gleichzeitig steigen die Kosten, da selbst kleinere Kollisionen teure Reparaturen nach sich ziehen können. Empfindliche Sensorik oder Kameras in Stoßfängern erhöhen den finanziellen Schaden deutlich. „Viele dieser Schäden ließen sich durch einfache Vorsorgemaßnahmen vermeiden“, sagt Held.
Grundsätzlich gilt auch im Winter das Verursacherprinzip. „Fährt man auf ein anderes Fahrzeug auf, haftet man in der Regel selbst – unabhängig vom Wetter“, erklärt Held. Die Kfz-Haftpflichtversicherung übernimmt Schäden beim Unfallgegner, während Schäden am eigenen Fahrzeug nur über die Vollkaskoversicherung abgedeckt sind. Das gilt auch bei Unfällen ohne weitere Beteiligte, etwa bei einem Abkommen von der Fahrbahn.
Haftung bleibt beim Fahrer
Auch der Einsatz von Assistenzsystemen ändert nichts an der Verantwortung des Fahrers. „Auch wenn ein Notbremsassistent versagt oder durch Schneematsch beeinträchtigt ist, bleibt der Fahrer in der Haftung. Technik entbindet also nicht von der Pflicht, Abstand zu halten und vorsichtig zu fahren“, betont Held.
Eine Rolle für den Versicherungsschutz spielt zudem die Bereifung. Wer bei winterlichen Straßenverhältnissen mit ungeeigneten Reifen unterwegs ist, muss im Schadenfall mit Leistungskürzungen oder einer Mitschuld rechnen. Held rät daher zu vorausschauendem Handeln und einer rechtzeitigen Anpassung von Fahrzeugausstattung und Fahrweise an die winterlichen Bedingungen.
















