Biodiversität als Kreditrisiko: Neue Leitlinien für Banken

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Leitfaden zeigt Banken, wie Biodiversität über KPIs in der Kreditvergabe berücksichtigt wird und Risiken messbar werden.

Der Verlust biologischer Vielfalt entwickelt sich zu einem relevanten Risikofaktor für Finanzinstitute. Eine neue Publikation zeigt, wie Banken Biodiversität konkret in ihre Kreditprozesse integrieren können. Im Fokus stehen erstmals anwendbare Kennzahlen für zentrale Branchen.

Der Verlust biologischer Vielfalt rückt zunehmend in den Fokus von Banken und Aufsicht. Neben klimabezogenen Risiken gewinnen naturbezogene Faktoren an Bedeutung, nicht zuletzt durch wachsende regulatorische Anforderungen. Eine neue Publikation des Global Nature Fund (GNF) und des Vereins für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten (VfU) zeigt, wie sich Biodiversität konkret in der Kreditvergabe abbilden lässt.

Der Leitfaden mit dem Titel „Biodiversität in der Kreditvergabe – Ein praxisorientierter Ansatz zur Identifikation und Anwendung von KPIs in drei ausgewählten Sektoren“ richtet sich an Institute, die Biodiversitätsrisiken und -chancen systematisch in ihr Kerngeschäft integrieren wollen. Er entstand im Rahmen des Projekts Unternehmen Biologische Vielfalt und stellt einen Ansatz zur Entwicklung konkreter Kennzahlen für das Kreditgeschäft vor.


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Ausgangspunkt ist die wachsende Relevanz von Ökosystemleistungen für wirtschaftliche Aktivitäten. Studien der Europäischen Zentralbank zeigen, dass ein Großteil der finanzierten Unternehmen im Euroraum stark von natürlichen Ressourcen abhängig ist. Parallel fordert das globale Biodiversitätsrahmenwerk von Kunming-Montréal mehr Transparenz über entsprechende Risiken in Finanzportfolios.

Naturbezogene Risiken in Bankbilanzen

„Biodiversität ist längst kein reines Nachhaltigkeitsthema mehr – sie ist finanziell relevant für Finanzinstitute und die von ihnen finanzierten Unternehmen. Sie betrifft Kreditrisiken, Geschäftsmodelle und die Zukunftsfähigkeit ganzer Branchen“, erklärt Andrea Reuter, Projektmanagerin beim GNF. „Banken haben hier einen enormen Hebel – über ihre Finanzierungsentscheidungen.“

Im Zentrum der Publikation steht die Entwicklung spezifischer Key Performance Indicators für besonders relevante Branchen. Dazu zählen die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, der Immobiliensektor sowie die Chemieindustrie. Für diese Bereiche werden zentrale Einflussfaktoren auf die Biodiversität identifiziert und systematisch eingeordnet.

Methodisch basiert der Ansatz auf dem State-Pressure-Response-Modell, das Ursachen, Auswirkungen und Reaktionen entlang von Wertschöpfungsketten strukturiert. Ergänzend werden die Kennzahlen mit der Mitigationshierarchie verknüpft, die den Grundsatz „Vermeidung vor Reduktion vor Wiederherstellung“ verfolgt.

Praktische Anwendung in der Kreditvergabe

Die entwickelten KPIs sollen sich direkt im Kreditgeschäft einsetzen lassen, etwa bei Sustainability-Linked Loans, bei denen Zinskonditionen an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt sind. Darüber hinaus eignen sie sich für Portfolioanalysen, Sektorrichtlinien und strategische Transformationspfade von Banken.

„Viele Institute wissen, dass sie sich mit Biodiversität befassen müssen – aber es fehlt an praktikablen Instrumenten“, so Patrick Weltin, Referent Sustainable Finance beim VfU. „Genau hier setzen wir an: mit messbaren, prüfbaren und branchenrelevanten Kennzahlen.“

Die Autoren verstehen die Publikation als praxisnahe Grundlage für den weiteren Aufbau von Steuerungsinstrumenten. Sie soll Banken dabei unterstützen, auch bei begrenzter Datenlage erste Schritte zur Integration biodiversitätsbezogener Risiken in bestehende Prozesse zu gehen.

Biodiversität als Teil der Transformation

Mit Blick auf die europäische Finanzmarktregulierung bleibt Sustainable Finance ein zentraler Bestandteil des Transformationsprozesses. Neben dem Klimaschutz etabliert sich Biodiversität zunehmend als zweite zentrale ökologische Dimension.

„Wer Biodiversität frühzeitig in seine Kreditprozesse integriert, reduziert nicht nur Risiken, sondern positioniert sich strategisch im Transformationsprozess“, betont Weltin.

Die Publikation „Biodiversität in der Kreditvergabe“ sowie die zugehörige KPI-Sammlung stehen ab sofort auf folgende Webseite zur Verfügung: https://www.unternehmen-biologische-vielfalt.de/ressourcen/downloads/#down-finanzen

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