Bitcoin und Gold: Warum die Kapitalströme derzeit auseinanderlaufen

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Gold und Bitcoin gelten beide als Wertspeicher. Doch in den vergangenen zwei Jahren haben Anleger die beiden Anlageklassen auffallend unterschiedlich genutzt. Geopolitische Risiken, staatliche Reservepolitik und privates Sicherheitsbedürfnis treiben die Entwicklung auseinander.

Vor dem Hintergrund aktueller Marktverwerfungen und geopolitischer Spannungen ordnet Stephen Coltman, VP und Head of Macro bei 21shares, die jüngsten Kursentwicklungen von Bitcoin und Gold sowie die zugrunde liegenden Kapitalströme ein.

Stephen Coltman (Foto: 21shares)

Wie haben sich die Zuflüsse in Gold- und Bitcoin-ETFs in den letzten zwei Jahren entwickelt bzw. unterschieden?  

Coltman: Obwohl sie sich in ihren Merkmalen überschneiden, wurden Gold- und Bitcoin-ETFs von Anlegern sehr unterschiedlich gehandelt. In den vergangenen zwei Jahren wiesen die ETF-Ströme in Gold und Bitcoin überraschenderweise eine ausgeprägte negative Korrelation auf: Abflüsse bei Gold fielen oft zeitlich mit Zuflüssen bei Bitcoin zusammen und umgekehrt. Es scheint, dass ETF-Anleger es derzeit vorziehen, sich zwischen den beiden Vermögenswerten zu entscheiden, anstatt in beide gleichzeitig zu investieren.  

Man muss zudem sehen, dass China in den letzten Jahren eine der größten Quellen für Goldzuflüsse war. Eine vergleichbare Dynamik gab es bei Bitcoin offensichtlich nicht, da der Handel mit Kryptowährungen in China illegal ist. Darüber hinaus hat sich Gold seit 2022 und dem Einfrieren der russischen Devisenreserven von seiner historischen Beziehung zu den Realzinsen (inflationsbereinigt) entkoppelt. Stattdessen sehen wir eine anhaltende Grundnachfrage von globalen Zentralbanken und Staatsfonds, die versuchen, ihre Reserven außerhalb der Reichweite potenzieller Sanktionen zu diversifizieren. Dies war ein wesentlicher Treiber der Goldrallye und hat das Verhalten des Goldmarktes in den letzten Jahren fundamental verändert.  

Was verursacht derzeit diese Divergenz in der Preisentwicklung von Gold und Bitcoin? Gibt es spezifische aktuelle Ereignisse, die dies vorantreiben?  

Coltman: Über die genaue Beschaffenheit der Finanzströme im März lässt sich nur spekulieren, da Bestandsdaten erst mit erheblicher Zeitverzögerung veröffentlicht werden. Für Gold jedoch – einen weitaus größeren Markt als Bitcoin, der breitflächig von Institutionen, Staatsfonds und Zentralbanken gehalten wird – wäre es logisch, dass der plötzliche finanzielle Druck auf die Golfstaaten dazu führt, dass diese ihre „Notfallreserven“ anzapfen. Diese Staaten halten große Goldmengen und sehen sich plötzlich mit der Notwendigkeit konfrontiert, Liquidität zu beschaffen – bedingt durch den Einbruch ihrer Öl- und Steuereinnahmen bei gleichzeitigem Bedarf an höheren Verteidigungsausgaben.  

Bitcoin hingegen wird eher von Privatpersonen als von Institutionen gehalten. Seine einfache Handhabung und die Verfügbarkeit rund um die Uhr können als Rettungsanker für Einzelpersonen dienen, die mit einem potenziell dysfunktionalen lokalen Bankensystem konfrontiert sind. Kurz nach Ausbruch des Konflikts wurden sowohl die Börsen in Dubai als auch in Abu Dhabi infolge von Raketen- und Drohnenangriffen aus dem Iran geschlossen. Dies war eine eindringliche Erinnerung an den Wert eines systemunabhängigen 24/7-Zugangs, den Kryptomärkte bieten. Es wäre nachvollziehbar, wenn der staatliche Sektor (Regierungen und Zentralbanken) in der Region Teile seiner Goldbestände veräußert, während vermögende Privatpersonen verstärkt Vermögenswerte auf die Blockchain und in Bitcoin umschichten. So stellen sie den fortlaufenden Zugriff auf ihr Vermögen sicher und bewahren ihre Transaktionsfähigkeit während des Konflikts.  

Was verraten die Handelsmuster über die Sichtweise der Trader auf das jeweilige Asset?  

Coltman: Für mich offenbaren die Handelsmuster das unterschiedliche Verhalten zwischen dem staatlichen Sektor (Official Sector) und dem Privatsektor. Natürlich gibt es Anleger, die beide Assets handeln, aber die großen Unterschiede ergeben sich daraus, dass staatliche Ströme eine entscheidende Rolle bei Gold spielen, während Zuflüsse von privaten Anlegern einen größeren Einfluss auf Bitcoin haben.  

Physisches Gold nimmt derzeit eine bedeutendere geopolitische strategische Rolle ein –als bevorzugtes Asset für staatliche Akteure, die Vermögen vor dem Zugriff rivalisierender Mächte geschützt aufbewahren wollen. Dies hat dazu geführt, dass Gold sensibler auf die Verschlechterung internationaler Beziehungen reagiert hat, insbesondere auf Russlands Invasion in der Ukraine, aber auch auf die eskalierenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China.  

Bitcoin wird stärker vom Verhalten privater Anleger beeinflusst – sowohl zu Spekulationszwecken als auch aufgrund seines Nutzwerts (als Mittel zum Schutz von Vermögenswerten und zur Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs, wenn das Vertrauen in lokale Bankensysteme schwindet). Spekulative Bitcoin-Trader verstärken in der Regel die Preistrends am Markt, indem sie dem Momentum folgen, während die Nachfrage durch aktive Nutzer innerhalb einer Region je nach Zustand des lokalen Bankensystems schwanken kann.  

Ist Platz für beide als „Store of Value“-Anlagen?  

Coltman: Ja, absolut. Wir empfehlen dies ausdrücklich. Der einzige „free lunch“ beim Investieren ist bekanntlich die Diversifikation. Wenn man sich gegen Geldentwertung und finanzielle Kontrahentenrisiken durch zwei verschiedene Assets absichern kann, die eine geringe Korrelation zueinander aufweisen, ist das ein äußerst attraktives Angebot für Anleger. Als Investor profitiert man langfristig von den Vorteilen beider Anlagen und genießt gleichzeitig einen deutlich „ruhigeren Kurs“ mit geringerer Volatilität und weniger starken Wertrückgängen. 

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