Seit Jahrhunderten prägt der chinesische Innovationsgeist die Welt. Erfindungen wie Papier, Schießpulver, Seide, Porzellan und der Magnetkompass haben den globalen Handel, die Wissenschaft und die Kultur weltweit revolutioniert. Heute zeigt sich dieser Innovationsgeist in Chinas rasanten Fortschritten im Bereich der Zukunftstechnologien, von autonomen Fahrzeugen über erneuerbare Energien bis hin zur künstlichen Intelligenz (KI).
Unternehmen entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette gehörten 2025 zu den stärksten Performern am chinesischen Aktienmarkt. Dazu zählen Internetfirmen, die große Sprachmodelle (LLMs) in ihre Plattformen integrieren; Hersteller, deren Komponenten Server und Rechenzentren antreiben; sowie Bergbauunternehmen, die essenzielle Rohstoffe wie Kupfer für Hochspannungskabel und Batteriesysteme fördern. Viele dieser Unternehmen erzielten hervorragende Renditen, während die Binnenwirtschaft in China weiterhin schwächelt und konsumorientierte Unternehmen zu kämpfen haben. Das Ergebnis: ein gespaltener Markt, ein Muster, das sich auch in anderen Teilen Asiens und weltweit abzeichnet.[1]
Mehr als nur ein KI-Boom
Angesichts der technologischen Entwicklung, der Anpassung von Lieferketten und der sich wandelnden Regulierung beobachten wir genau, wie KI die Investitionsmöglichkeiten in China verändert – und welche Unternehmen unserer Ansicht nach am besten aufgestellt sind, um langfristig nachhaltige Renditen zu erzielen. Gleichzeitig sehen wir weiterhin zahlreiche starke Unternehmen außerhalb des KI-Sektors, von denen viele auf weniger auffällige, aber nicht weniger wichtige Weise innovativ sind.
Um zu verstehen, wie sich der Aufstieg der KI auf das Umfeld für Bottom-up-Aktieninvestoren auswirkt, ist es hilfreich, die Beziehungen entlang der Wertschöpfungskette nachzuverfolgen. Der Harvard-Professor Andy Wu zieht hierfür eine anschauliche Parallele zum Goldrausch im Amerika des 19. Jahrhundert: Chiphersteller und andere Komponentenlieferanten stellen die Werkzeuge bereit, KI-Modellentwickler graben nach Gold, und Internetplattformen sowie andere Consumer-Tech-Unternehmen formen daraus die Endprodukte.[2]

Qimin Fei (Foto: FSSA Investment Managers)
Neben Komponentenherstellern favorisieren wir Unternehmen, die KI gezielt einsetzen, um ihre Dienstleistungen zu verbessern. Die Geschichte zeigt, dass in Zeiten des technologischen Wandels oft jene Unternehmen am meisten profitieren, die neue Technologien nutzen, um Prozesse, Vertriebsmodelle und Produkte zu verbessern, und nicht unbedingt diejenigen, die die zugrunde liegende Infrastruktur bereitstellen.[3] Um auf die Goldrausch-Analogie zurückzukommen: Dies sind die Unternehmen, die die Rohstoffe der generativen KI gewinnbringend in funkelnden Schmuck verwandeln können.
Ein gutes Beispiel ist Tencent, das 2025 einen wichtigen Beitrag zur Performance geleistet hat. Tencent verfügt im KI-Zeitalter über einzigartige Vorteile: eine riesige Nutzerbasis über WeChat, Gaming- und Zahlungsdienste hinweg; umfangreiche First-Party-Daten; sowie integrierte Werbe- und Content-Systeme.
Anstatt sich jedoch auf ein kapitalintensives „Wettrüsten“ bei KI-Investitionen einzulassen, nutzt Tencent die Technologie, um seine Kerngeschäfte zu stärken und die Kapitalrendite zu verbessern. So ermöglicht KI dem Unternehmen beispielsweise eine präzisere Aussteuerung von Werbung, personalisierte Spielerlebnisse und optimierte Content-Empfehlungen. Langfristig dürfte diese Integration zu höherer Produktivität, stärkerer Nutzerbindung und damit zu einem widerstandsfähigeren Gewinnwachstum führen.
Ein breiteres Innovationsökosystem
Ein Grund für Optimismus in Bezug auf China ist das Ausmaß und die Vielfalt der Innovationsaktivitäten, wobei KI nur einen Teil des Gesamtbildes ausmacht. Offiziellen Daten zufolge beliefen sich die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024 auf über 3,6 Billionen RMB (rund 500 Milliarden US-Dollar) und wuchsen damit schneller als in jeder anderen großen Volkswirtschaft.[4] Zudem bringt China mittlerweile deutlich mehr Doktoranden in in den MINT-Fächern hervor als die USA, rund 40 % aller chinesischen Hochschulabsolventen haben einen entsprechenden Abschluss. [5]
Chinas technologischer Fortschritt zeigt sich besonders deutlich im Netzwerk für fortschrittliche Fertigung, das sich über die Städte Guangzhou, Shenzhen und Hongkong erstreckt: Dieses wurde 2025, gemessen an wissenschaftlichen Publikationen, Risikokapitalaktivitäten und Patentanmeldungen, als weltweit führender Innovationscluster eingestuft.[6] Wie der Autor Dan Wang in seinem kürzlich erschienenen Buch Breakneck argumentiert, zeichnen sich Unternehmen in diesem Cluster durch „Prozesswissen“ aus, eine Art technisches und operatives Fachwissen, das aus der Zusammenarbeit zwischen Ingenieurteams und schnellen Feedbackschleifen zwischen Forschung und Entwicklung sowie der Produktion resultiert.[7]
Ein anschauliches Beispiel ist Luxshare Precision. Als in Guangdong ansässiger Elektronik-Auftragsfertiger hat Luxshare technisches Know-how auf allen Ebenen des Unternehmens verankert, was es ihm ermöglicht, schnell zu handeln, Synergien zwischen den Geschäftsbereichen zu nutzen und komplexe Probleme für internationale Großkunden wie den US-Technologieriesen Apple zu lösen.
Chinesische Innovationskraft zeigt sich auch bei eher konsumentenorientierten Branchen. In den vergangenen Jahren hat das langsamere Wirtschaftswachstum den Wettbewerb um Kunden in China verschärft und Unternehmen dazu gezwungen, ihre Produkte, ihr Branding, ihren Vertrieb und ihre Betriebsabläufe zu überdenken und zu optimieren. Zu diesen Innovatoren gehört die Midea Group. Das 1968 als Hersteller von Flaschenverschlüssen gegründete Unternehmen stieg 1981 in den Haushaltsgerätemarkt ein. Heute ist Midea einer der führenden Anbieter in China und belegt in nahezu allen wichtigen Produktkategorien den ersten oder zweiten Rang: von Klimaanlagen über Waschmaschinen bis hin zu Kühlschränken. Neben ausgeprägter Fertigungskompetenz basiert der Erfolg von Midea auch auf Produktinnovation und einer klaren Positionierung im Markt. Nach einer Phase schnellen Wachstums in den frühen 2000er-Jahren galt das Unternehmen zunächst als Anbieter von Massenprodukten im mittleren Segment. Inzwischen hat es sich erfolgreich neu ausgerichtet und setzt verstärkt auf hochwertige, designorientierte Produkte, etwa unter der Marke COLMO mit KI-gestützten Smart-Home-Lösungen. Digitale Plattformen, die Kundendaten, Produktentwicklung und Produktion miteinander verknüpfen, ermöglichen es Midea, schneller auf veränderte Nachfrage zu reagieren – die Entwicklungszyklen konnten zwischen 2019 und 2024 um 30 % verkürzt werden.
Ausblick: Innovation jenseits des Hypes
Wie dieser Beitrag zeigen soll, reicht Chinas Innovationsgeschichte weit über eine kleine Gruppe von KI-Unternehmen hinaus. In den Bereichen Technologie, fortschrittliche Fertigung und Konsumgüter beobachten wir Unternehmen, die neue Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle einsetzen, um ihre Wettbewerbsposition nachhaltig zu stärken.
Mit Blick nach vorn zeigen sich zudem ermutigende Signale für den chinesischen Aktienmarkt. Die Corporate-Governance-Standards verbessern sich kontinuierlich, Transparenz und Rechenschaftspflicht nehmen zu, während der Schutz von Minderheitsaktionären gestärkt wird. Dies dürfte zu einem stabileren Investitionsumfeld beitragen, das langfristiges Denken belohnt.
Auch auf politischer Ebene zeichnet sich mehr Klarheit ab. Die jüngste Entspannung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sowie Pekings Leitlinien für den kommenden Fünfjahresplan haben zur Verringerung von Unsicherheiten beigetragen. Gleichzeitig sollen Maßnahmen gegen sogenannten „Involution“ – also exzessiven Wettbewerb und Preisdruck – zu einem rationaleren Marktumfeld führen, in dem sich strukturelle Wettbewerbsvorteile stärker in Margen und nachhaltigen Renditen niederschlagen können.
Autor Qimin Fei ist Investment Analyst bei FSSA Investment Managers.
[1] See also “Beyond the AI rally”, FSSA, November 2025.
[2] Should the US be worried about an AI bubble?”, The Harvard Gazette, December 2025.
[3] “On AI: The age of extremes”, FSSA, October 2025.
[4] National Bureau of Statistics, January 2025; “R&D spending growth slows in OECD, surges in China”, OECD, March 2025.
[5] China’s universities outpace US peers amid tech competition”, FDI Intelligence, April 2025.
[6] World Intellectual Property Organization ranking of global innovation clusters, 2025.
[7] Dan Wang, Breakneck: China’s Quest to Engineer the Future (W.W. Norton, 2025).














