Der Markt für strukturierte Produkte nimmt Innovationen schneller auf als der klassische Wertpapiermarkt

Dr. Alpay Soytürk
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Dr. Alpay Soytürk, Spectrum Markets: "Mittlerweile wird das Potenzial der Zielgruppe ‚Retail‘ im Handel auf breiter Front erkannt, aber noch immer ist vieles nicht, wo es sein könnte. Und hier ist der Handel von verbrieften Derivaten schlicht einen Schritt voraus."

Der Gesamtmarkt für strukturierte Produkte korreliert mit der Aktienmarkt-Performance. Nach Angaben des Branchenverbands EUSIPA belief sich der Umsatz mit Investment- und Hebelprodukten im dritten Quartal 2023 auf 28 Milliarden Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für 2024 ist sowohl am Aktienmarkt als auch am Markt für strukturierte Produkte mit einer Fortsetzung des positiven Trends zu rechnen.

Trotz der weiterhin bestehenden geopolitischen Unsicherheiten ist nicht von einem Anstieg der Gesamtmarktvolatilität auszugehen, sondern, unter der Voraussetzung des Ausbleibens weiterer exogener Schocks, mit einem langsamen Rückgang der Risikoaversion. Auch das Szenario einer deutlichen Rezession ist aktuell nicht erkennbar. Zwar werden auch die vollen Auswirkungen des zurückliegenden Zinserhöhungszyklus erst im laufenden Jahr vom Markt aufgenommen sein. Allerdings werden die Effekte auf die Unternehmensgewinne voraussichtlich eher auf die schwächeren Unternehmen begrenzt sein.

Small- und Mid-Caps im Tech-Sektor sind gefragt

Schaut man auf die Bewertungen, so hat die konzentrierte Technologieperformance im letzten Jahr dem Appetit der Anleger auf die größten Technologiewerte gewissermaßen natürliche Grenzen gesetzt. Zwar wird sich an der Präferenz für Qualität voraussichtlich wenig ändern. Allerdings deuten die KGV-Indikatoren darauf hin, dass es eine Nachfrage nach kleineren, unterbewerteten Unternehmen im Technologiesektor geben wird. Was wir bisher gesehen haben, ist, dass die Arbeitsmärkte während des jüngsten aggressiven Zinserhöhungszyklus äußerst robust geblieben sind. Auch konnten keine nennenswerten Einbrüche in der Verbrauchernachfrage beobachtet werden. Da die Zinsen im Jahr 2024 voraussichtlich leicht sinken werden, werden auch die Anreize, Geld auf Tagesgeldkonten zu parken, zurückgehen. Da eine große Rezession ausgeblieben ist, die Inflation eingedämmt ist, die Zinsen sich umkehren und die Wirtschaft robust ist, sind pessimistische Aktienmarktszenarien wenig wahrscheinlich. Zudem ist der KI-Hype noch lange nicht vorbei. Möglicherweise wird sich dies nicht mehr nur auf die oberste Ebene konzentrieren, aber es könnte sich nun lohnen, nach M&A-Zielen in diesem Sektor Ausschau zu halten.

Auch strukturierte Wertpapiere profitieren vom Krypto-Boom

Mit Blick auf strukturierte Wertpapiere, die auf Spectrum gehandelt werden, ergab sich im Januar 2024 ein ähnliches Bild, das dieses Szenario bestätigt. 87,4 % des Orderbuchumsatzes entfielen auf Indizes, 3,8 % auf Währungspaare, 5,2 % auf Rohstoffe und 2,4 % auf Aktien, während der Anteil der auf Kryptowährungen referenzierenden Derivate mit 1,2 % deutlich anzog. Zwar hatte der Aufwärtstrend hier bereits im November begonnen; allerdings hatte die am 11. Januar erfolgte Genehmigung der US-amerikanische Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) für Spot Bitcoin ETFs nochmal deutliche Auswirkungen. Nach der Ankündigung der SEC, die dieses Anlageuniversum vor allem auch für institutionelle Anleger, öffnete, stieg der Handel mit Bitcoin-Turbos auf Spectrum im Januar um das 2,5-fache, verglichen mit dem Monatsdurchschnitt des Vorjahres.

Die hohe Aktivität am Markt für verbriefte Derivate hängt einerseits mit produktinhärenten Aspekten zusammen. Diese können sowohl auf einer Gewinnerzielungsabsicht oder aber auch auf Absicherungsperspektiven beruhen. Im letzteren Fall muss man sogar sagen, dass sie für Privatanleger die einzige effektive Möglichkeit zum Aufbau von Shortpositionen zu diesem Zweck darstellen. Das Motiv kann natürlich auch darin bestehen, an der Wertentwicklung eines bestimmten Vermögenswertes zu partizipieren, ohne diesen direkt halten zu müssen, etwa, weil ein Direktinvestment mit zu hohen Anschaffungskosten verbunden ist oder man den Handel im entsprechenden Referenzwert als nicht hinreichend liquide, transparent oder sicher empfindet. Hier sei das Beispiel des von der SEC jüngst zugelassenen Bitcoin-ETF noch einmal erwähnt.

In der Europäischen Union dürfen diese ETFs nicht begeben werden. Soweit sie hier handelbar sind, wurden sie außerhalb der EU emittiert, unterliegen somit nicht der EU-Gesetzgebung und sind daher vom hiermit verbundenen Anlegerschutzbestimmungen ausgenommen. Neben einer Reihe von Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Anlagepolitik, dem Risikomanagement, der Transparenz oder auch der Verwahrung bestehen für Wertpapierfonds nach EU-Recht klare Anforderungen hinsichtlich der Diversifizierung. Kurz gesagt, ein in nur ein Finanzinstrument investierender Fonds hätte in der EU keine Chance auf Zulassung. Das bedeutet allerdings auch, dass es für Privatanleger wenige Möglichkeiten gibt, an der Bitcoin-Wertentwicklung zu partizipieren, wenn man nicht direkt investiert sein möchte. Und eine dieser Möglichkeiten stellen verbriefte Derivate wie Turbo-Optionsscheine auf Kryptowährungen dar.

Das Profil des klassischen Privatanlegers hat sich verändert

Die Hauptgründe für die starke Entwicklung im Derivatehandel sind viel fundamentalerer Natur und bestehen einerseits aus einem vereinfachten und breiteren Zugang zum Handel und seiner erweiterten Verfügbarkeit. Auf der anderen, der Nachfrageseite hat sich das Profil des klassischen Privatanlegers verändert. Der Grad an Selbstbestimmung hat erheblich zugenommen, Arbeitszeiten wurden flexibler, das Internet hat Konsumgewohnheiten insgesamt verändert, Ansprüche sind enorm gestiegen, sozioökonomische Aspekte im Zusammenhang mit der Altersvorsorge unterliegen einem Wandel, die gestiegene Affinität zu Technologie und vieles mehr könnte in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Der klassische Wertpapierhandel – um wieder auf die Angebotsseite zurückzukommen – hat hierauf lange gar nicht und dann zögerlich reagiert. Mittlerweile wird das Potenzial der Zielgruppe ‚Retail‘ im Handel auf breiter Front erkannt, aber noch immer ist vieles nicht, wo es sein könnte. Und hier ist der Handel von verbrieften Derivaten schlicht einen Schritt voraus.

Die dieser These zugrundeliegende Beobachtung ist, dass sich der aktivste Teil der Retail-Investorengemeinde dort engagiert, wo die effizientesten Handelsbedingungen vorzufinden sind: Flexibilität und Diversität in Bezug auf die Produktgestaltung und das Risiko, volle Transparenz, die Sicherheit eines regulierten Handelsplatzes, professionelle Liquidität und jederzeitige Handelbarkeit und das alles möglichst ohne zusätzliche Kosten wie das etwa bei Knock-Out-Produkten der Fall ist. Es ist außerdem davon auszugehen, dass die europäische Finanzgesetzgebung zunehmend außerbörslich abgewickelte Ordervolumina hin zu regulierten Handelsplätzen verlagern wird.   

Autor Dr. Alpay Soytürk ist Chief Regulatory Officer von Spectrum Markets.

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