Der Versicherungsvertrieb im Umbruch – Was das Altersvorsorgedepot 2027 ändern wird

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Lisa Waldherr: "Das neue Altersvorsorgereformgesetz markiert einen Wendepunkt."

Mit dem Altersvorsorgedepot ab 2027 verändert sich die geförderte private Altersvorsorge grundlegend. Digitale Abschlussstrecken werden zur Pflicht. Für Versicherer wird 2026 damit zum entscheidenden Vorbereitungsjahr. Von Lisa Waldherr, Head of Business Development Asset Management & Insurance, Cleversoft:

Das neue Altersvorsorgereformgesetz markiert einen Wendepunkt. Ab dem 1. Januar 2027 soll die private Altersvorsorge neu aufgestellt sein – renditestärker, transparenter und vor allem digitaler. Die Botschaft für den deutschen Versicherungsmarkt: 2026 ist kein Jahr des Abwartens, sondern der Umsetzung. Bis zum Jahresende sollten Produktdesign, Marketing und technologische Infrastruktur stehen. Wer erst 2027 beginnt, startet mit einem strukturellen Nachteil in den Markt.

Regulatorisch verpflichtend: Digitaler Abschluss mit wenigen Klicks

Jeder Anbieter wird verpflichtet, ein zertifiziertes Standardprodukt bereitzustellen, sofern er weiter geförderte Altersvorsorgeprodukte im Angebot hat. Dieses Standardprodukt soll einen Sparplan mit zwei Fonds enthalten, gedeckelte Effektivkosten von maximal 1,5 Prozent aufweisen und einfach digital abschließbar sein. Das bedeutet: Ein digitaler Abschluss mit nur wenigen Klicks ist kein Nice-to-have mehr, sondern wird zur regulatorischen Pflicht.


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Die heutigen Vorgaben des Versicherungsvertragsgesetzes (§6 VVG) erschweren dies jedoch, da für das Standardprodukt im Online-Vertrieb eine Beratungspflicht vorgesehen ist. An dieser Stelle würde üblicherweise eine längere Fragestrecke erfolgen, bei deren Abarbeitung viele Kunden häufig abspringen. Versicherer sehen sich deshalb im Wettbewerb mit Banken, Neobrokern und Fondsgesellschaften im Nachteil, weil diese vergleichbare Produkte im reinen Ausführungsgeschäft (Execution Only) anbieten können, die komfortabel mit wenigen Klicks abgeschlossen werden können. Andererseits bietet die Beratungspflicht Chancen – sofern der digitale Abschlussprozess überzeugt.

Für viele gewachsene IT-Bestandssysteme bedeutet die Umstellung auf das neue Standardprodukt einen massiven Stresstest. Die Herausforderung besteht darin, schlanke Frontend-Lösungen zu implementieren, die im Hintergrund komplexe regulatorische Anforderungen wie IDD, ESG-Präferenzen und Risikoprofilierung abwickeln.

Modulare Intelligenz statt IT-Großbaustelle

Für Versicherer ist die Reform nicht nur ein reines Compliance-Thema, sondern eine Chance, ihre Bestandssysteme fit für die Zukunft zu machen und die Customer Journey grundlegend zu modernisieren. Angesichts des engen Zeitplans ist der Aufbau komplett eigener Systemlandschaften allerdings oft zu zeit- und kostenintensiv.

Die Lösung liegt in modularen, vollständig digitalen Onboarding- und Abschlussprozessen. Moderne White-Label-Module und digitale Strecken, die Funktionen wie digitale Risikoprofilierung und Geeignetheitsprüfung nach IDD, smarte Fondsfinder und automatisierte Portfoliooptimierungen abdecken, lassen sich nahtlos in bestehende Landschaften integrieren. Damit ermöglichen sie Versicherern nicht nur, die regulatorischen Anforderungen des neuen Standardprodukts unter der Altersvorsorgereform zuverlässig zu erfüllen. Sie schaffen gleichzeitig die Grundlage, um den erwarteten Aufschwung im Markt für geförderte Fondspolicen und individuelle Altersvorsorgedepots ab 2027 aktiv mitzunehmen und im digitalen Vertrieb skalierbar zu nutzen.

Die Chance der Transformation

Das Altersvorsorgereformgesetz zwingt die Branche zu mehr Transparenz und Digitalisierung. Das ist eine Herausforderung, bietet aber auch das Potenzial, Stornoquoten zu senken und das Neugeschäft über digitale Kanäle zu skalieren. Aber nur, wenn die Systeme bereit sind, sobald der Startschuss fällt.

Lisa Waldherr ist Head of Business Development Asset Management & Insurance bei Cleversoft.

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