Deutschlands Fiskalwende als Impuls für Europas Comeback?

Kevin Thozet, Carmignac,
Foto: Carmignac
Kevin Thozet, Carmignac

Deutschland rückt wieder in den Fokus der europäischen Investmentdebatte. Kevin Thozet von Carmignac sieht in der fiskalischen Wende einen möglichen Wendepunkt für Konjunktur und Kapitalmärkte ab 2026. Warum sich das Bild Europas ändern könnte, erläutert er in einem aktuellen Marktkommentar.

Europa könnte 2026 wirtschaftlich an Dynamik gewinnen. Kevin Thozet, Mitglied des Investment-Komitees bei Carmignac, erkennt Anzeichen einer zyklischen Erholung, die zunehmend von fiskalpolitischem Aktivismus getragen wird.

Im Zentrum steht Deutschland. Die Lockerung der Schuldenbremse und die geplanten Investitionen von rund 500 Milliarden Euro in Infrastruktur und Verteidigung bewertet Thozet als weitreichende Weichenstellung. Sie könnten das deutsche Wachstum über mehrere Jahre stützen.

Auch andere Länder setzen Impulse. Italien treibt Investitionsprogramme voran, Frankreich flankiert mit fiskalischer Unterstützung, Spanien kombiniert Exportstärke mit Investitionen, Produktivitätsfortschritten und robustem Konsum. Entscheidend bleibt aus Sicht Thozets, ob Europa ab 2027 den Übergang von einer gestützten Erholung zu selbsttragendem Wachstum schafft.


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Fiskalpolitik und Geldpolitik im Zusammenspiel

Aus der expansiveren Fiskalpolitik leitet Thozet Konsequenzen für die Europäische Zentralbank ab. Die Disinflation verlangsamt sich, die Arbeitsmärkte zeigen sich widerstandsfähig. Vor diesem Hintergrund dürfte die EZB die Zinsen länger auf einem höheren Niveau halten und sich Handlungsspielräume sichern.

Für 2026 erwartet Thozet ein Wachstum in der Eurozone von 1,3 Prozent bei einer Inflation zwischen 1,7 und 1,8 Prozent. Gleichzeitig bleibt für ihn ein „Policy Put“ relevant, also die Bereitschaft der Notenbank, bei einer deutlichen Eintrübung von Wachstum oder Stimmung gegenzusteuern.

Neben der kurzfristigen Konjunktur rücken strukturelle Faktoren in den Blick. Thozet verweist auf eine stärker koordinierte Energieagenda mit Netzintegration, Elektrifizierung und dem Ausbau erneuerbarer Energien als zentrale Hebel.

Strukturreformen und Kapitalmarktintegration

Darüber hinaus sieht er Reformbedarf im Binnenmarkt und bei der Finanzarchitektur. Initiativen wie ein europaweiter Unternehmenspass, das sogenannte „28th regime“, sowie die Vertiefung von Bankenunion und Savings-&-Investment-Union sollen dazu beitragen, europäische Ersparnisse stärker in Investitionen innerhalb Europas zu lenken.

Für die Aktienmärkte erkennt Thozet Potenzial für eine veränderte Wahrnehmung. Konsensschätzungen deuten für 2026 und 2027 auf ein erwartetes Gewinnwachstum je Aktie von jeweils 12 Prozent hin. Der Bewertungsabschlag gegenüber den USA besteht zwar fort, könnte aber bei steigender Unsicherheit in den Vereinigten Staaten zu verstärkten Kapitalflüssen nach Europa führen.

Chancen sieht er unter anderem in Deutschland, etwa bei Midcaps und MDAX-Werten, in Spanien mit einem Fokus auf Banken sowie in Großbritannien mit Blick auf Bewertung und Dividendenprofil. Auch Banken, Versorger und ausgewählte Industrieunternehmen könnten profitieren.

Anleihen: Attraktive Ausgangslage am kurzen Ende

Im Fixed-Income-Bereich hält Thozet das Ausgangsniveau europäischer Anleihen für attraktiv, insbesondere im kurzen Laufzeitenbereich. Kurzlaufende Euro-Anleihen könnten laufende Erträge mit einem asymmetrischen Potenzial verbinden, falls die EZB später doch stärker lockert.

Für den Kreditmarkt erwartet er 2026 eine höhere Dispersion. Damit gewinnt aus seiner Sicht die sorgfältige Titelauswahl an Bedeutung. Aktives Bond-Picking dürfte in einem differenzierteren Marktumfeld wieder stärker in den Vordergrund rücken.

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