Selten war die gefühlte Unsicherheit so groß wie heute. Geopolitische Spannungen nehmen zu, wirtschaftliche Machtblöcke verschieben sich und auf Plattformen wie X wird längst nicht mehr nur über Zinsen diskutiert, sondern über mögliche Zusammenbrüche des gesamten Systems.
„Reset“, „neue Weltordnung“, „Ende des Papiergeldes“ – Begriffe, die vor wenigen Jahren noch nach Verschwörungstheorien klangen, gehören heute zum Grundrauschen. Je dramatischer die Szenarien werden, desto konkreter scheinen die Vorhersagen – und unübersichtlicher, komplizierter und diffuser werden die Antworten auf die Frage, die dort eigentlich diskutiert wird: Wie soll ich jetzt mein Geld anlegen?
In solchen Phasen geht es nicht mehr primär um Rendite. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: Vermögen zu erhalten – und handlungsfähig zu bleiben.
Die größte Fehleinschätzung – „dass man es wissen muss“
In unsicheren Zeiten steigt der Wunsch nach Orientierung. Und Orientierung wird heute oft mit Prognose verwechselt. Viele Anleger versuchen, das eine „richtige“ Szenario zu identifizieren: Inflation oder Deflation, Boom oder Rezession, Stabilität oder Systembruch.
Das Problem ist so banal wie unangenehm. Man kann mit all diesen Einschätzungen richtig liegen – oder komplett daneben. Die Welt ändert sich schneller als man denkt. Und genau deshalb lohnt sich ein Blick auf einen Ansatz, der auf etwas fast Altmodisches setzt: Demut gegenüber der Zukunft.
Ein Investor, der nicht raten will
Ray Dalio ist Gründer von Bridgewater Associates, einem der größten und erfolgreichsten Hedgefonds der Welt. Über Jahrzehnte hat er Milliardenbeträge durch unterschiedlichste Marktphasen gesteuert – nicht, weil er die Zukunft besser vorhersagen konnte als andere, sondern weil er verstanden hat, dass genau das der falsche Ansatz ist.
Seine Stärke liegt darin, wirtschaftliche Systeme in Zusammenhängen zu denken und aus der Vergangenheit zu lernen: Zyklen, Verschuldung, Geldpolitik und vor allem deren Wechselwirkungen. Sein Fazit ist dabei ebenso simpel wie unbequem. Die Zukunft ist nicht prognostizierbar, aber man kann sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten.
Vier Bausteine für eine Welt, in der alles möglich ist
Aus dieser Denkweise lässt sich ein Portfolio ableiten, das nicht auf eine Meinung setzt, sondern auf Robustheit. Eine mögliche Struktur sieht dabei wie folgt aus.
1. Stabilität außerhalb des Systems (10–15 %)
Gold und Silber erfüllen eine Rolle, die viele Anleger unterschätzen. Sie sind keine Renditebringer, sondern eine Art Versicherung. Sie schützen vor monetärem Stress, vor Inflation und Deflation – und vor allem vor dem Verlust des Vertrauens in das Finanzsystem selbst.
Gerade in Zeiten, in denen über „Resets“ diskutiert wird, ist genau diese Eigenschaft entscheidend. Sie funktionieren auch dann noch, wenn anderes nicht mehr funktioniert.
2. Liquidität als unterschätzte Stärke (20–25 %)
Cash und kurzfristige Anleihen wirken auf den ersten Blick wenig aufregend. Aber genau das ist ihr Zweck. Sie sorgen für Stabilität im Portfolio, reduzieren Schwankungen und schaffen etwas, das in Krisen unbezahlbar ist: Handlungsfähigkeit.
Wer liquide ist, muss nicht verkaufen, wenn Märkte fallen und kann Chancen nutzen, wenn andere unter Druck geraten. Cash ist damit weniger eine Anlage, sondern vielmehr eine strategische Reserve. Wer Angst vor einem Währungsreset hat kann sein Cash im Übrigen auch über verschiedene Währungen streuen.
3. Unternehmen, die Preise festsetzen können (30–35 %)
Der größte Baustein besteht aus wenigen hochwertigen Unternehmen mit echter Substanz. Nicht Wachstum um jeden Preis steht im Fokus, sondern drei sehr handfeste Eigenschaften:
- die Fähigkeit, Preise schneller anzuheben als die Inflation
- stabile, verlässliche Cashflows
- reale Werte, starke Marktpositionen und „breite Burggräben“
Es sind genau die Geschäftsmodelle, die man intuitiv versteht und die gerade deshalb oft unterschätzt werden: Energie, Versorger, Nahrungsmittel, Gesundheitswesen. Viele dieser Unternehmen sind Dividendenaristokraten, mit soliden Ausschüttungen und moderaten Ausschüttungsquoten. Nicht spektakulär, aber verlässlich.
Entscheidend ist dabei auch die geografische Streuung. Nicht eine Region dominiert, sondern ein bewusst globales Setup – Europa, Asien und Nordamerika zu möglichst gleichen Teilen.
Es geht also nicht um die spannendsten Unternehmen, sondern die überlebensfähigsten.
4. Reale Werte, die Einkommen erzeugen (10–15 %)
Der vierte Baustein ist vielleicht der bodenständigste. Es geht um Anlagen, die unabhängig von Marktpreisen einen echten Nutzen erfüllen: Agrarflächen, Wald, Infrastruktur, Wohnimmobilien, spezialisierte Nutzungsformen wie Pflegeeinrichtungen
Diese Assets produzieren Dinge, die Menschen immer brauchen – Nahrung, Energie, Wohnraum – und generieren daraus laufende Einnahmen. Ihr Wert entsteht nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag. Wer keine Direktinvestments tätigen kann, dem können sogenannte REITS oder REITS-ETFs einfach und bequem den Zugang ermöglichen.
80 % Robustheit – 20 % Meinung
Ein besonders charmanter Aspekt dieses Gesamtansatzes ist übrigens seine Flexibilität. Denn er verlangt nicht, auf eigene Überzeugungen zu verzichten. Man kann ja durchaus 10–20 % des Vermögens bewusst für persönliche Einschätzungen reservieren: gezielte Themen, opportunistische Investments, eine klare Wette, die eigenen persönlichen Expertenthemen.
Diese Positionen entscheiden dann aber nicht über die Stabilität des Gesamtvermögens. Die restlichen rund 80 % sind so aufgestellt, dass sie auch dann funktionieren, wenn die eigene Meinung falsch war. Und das ist am Ende vielleicht die ehrlichste Form von Risikomanagement.
Der oft übersehene Kern – Einkommensströme
Was diesen Ansatz besonders macht, ist nicht nur die Diversifikation, sondern die Struktur der Erträge. Ein großer Teil des Portfolios erzeugt laufende Cashflows.
- Dividenden aus stabilen Unternehmen
- Einnahmen aus Immobilien und Infrastruktur
- indirekt auch Stabilität durch Liquidität
Das ist mehr als nur ein „netter Nebeneffekt“. In einer echten Krise – egal ob wirtschaftlich oder monetär – sind genau diese Einkommensströme entscheidend. Sie ermöglichen nicht nur, investiert zu bleiben, sondern sichern auch ganz praktisch das, worum es letztlich geht: die Finanzierung des eigenen Lebens und der Familie. Ein Portfolio, das Einkommen erzeugt, gibt also nicht nur finanzielle, sondern auch mentale Stabilität und Freiheit.
Die leise Antwort auf eine laute Welt
In einer Zeit, in der immer extremere Szenarien diskutiert werden, wirkt ein solcher Ansatz fast unspektakulär: Keine großen Wetten, keine spektakulären Prognosen und kein Anspruch, die Zukunft besser zu kennen als andere.
Und genau darin liegt seine Stärke. Während viele versuchen, Sicherheit durch Vorhersagen zu gewinnen, setzt dieser Ansatz auf deutlich Robusteres: Die Akzeptanz von Unsicherheit.
Man muss also nicht wissen, was passiert – man muss nur darauf vorbereitet sein, dass vieles passieren kann.
Autor Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.











